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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jaßrg. 28 
Nr 2o 
2 
SEIN DIENER 
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★ 
LIESBET DILL 
aron Kurt von Krenski hatte zu Abend 
gegessen, er sagte seinem Diener, daß 
er den Sonntag abend auswärts ver 
bringen könne und setzte sich dann 
an seinen Schreibtisch, um Briefe zu 
erledigen. 
Der Diener zog die Vorhänge der 
Bibliothek zu, löschte in den anderen 
Räumen das Licht aus und ging. 
Der Baron hatte angefangen zu schreiben. Der erste 
Brief galt seinem alten Onkel, der gelähmt auf seinem 
einsamen Schloß im Gebirge lebte. Aber er kam nicht 
weiter . . . Irgendetwas hemmte ihn ... es war ihm, als 
ob er nicht allein sei . . . Er sah sich um. Aber der 
Diener war fortgegangen, das Haus lag ruhig . . . Auf 
dem Kamin tickte die alte Pendule gemächlich und fein, 
der Zeiger wies auf die zehnte Stunde . . . 
Vor dem Feuer lag der Terrier, der die Ohren spitzte 
und gespannt in die Ferne zu lauschen schien. 
Krenskis Blick fiel auf ein Bild, das vor ihm stand. 
Eine reife Frau in Gesellschaftstoilete, vornehm, sym 
pathisch und klug. „Vera“ stand mit großen, eleganten 
Buchstaben unter dem Bild ... Er betrachtete es 
lange ... Es fiel ihm ein, daß sie sich drei Tage nicht 
gesehen hatten und auch nicht gesprochen, denn seit 
gestern war sein Telephon gestört, der Diener hatte den 
Techniker für Montag bestellt. Ich werde ihr schreiben, 
beschloß er . . . Da bellte der Hund und sprang auf. 
Was hast du denn, Fox? fragte der Baron . . . 
Gleich darauf klingelte es. 
Da sein Diener fort war, ging er selbst öffnen. Im 
Türrahmen stand groß, schlank, im Pelzmantel und 
Flut, eine verschleierte Dame. 
„Vera . . . du?“ 
„Ja, ich“, sagte sie. „Ich bin aus dem Theater her 
gefahren.“ 
„Ist das Theater schon zu Ende?“ meinte er, indem er 
ihr ablegen half. In dem warmen Zimmer, vor dem 
Kaminspiegel, befreite sie sich von Hut und Schleier. 
„Nein, ich ging mitten in der Oper fort“ . . . sagte sie 
und nahm seine beiden Hände und sah ihn an. „Geht 
es dir gut?“ In ihrer Stimme bebte noch die Angst. 
,Aber ausgezeichnet . . . Ich wollte eben an dich 
schreiben.“ 
„War niemand hier bei dir?“ 
„Kein Mensch . . .“ 
Sie schaute sich um . . . „Sind wir allein?“ 
„Ganz allein . . 
„Und dein Diener?“ 
„Den hab’ ich fortgeschickt heute abend . . . Aber 
was ist dir denn, Vera! Du zitterst ja?“ 
„Drei Tage weiß ich nichts von dir, drei Tage hast du 
mir nicht geschrieben . . Weshalb riefst du denn nicht 
einmal an? Als ich dich rief, kam nie eine Antwort . .“ 
„Mein Apparat ist gestört . . .“ 
„Wie, sagte sie mit großen Augen . . . Dein Tele 
phon . . . Wie kommt denn das?“ 
„Das weiß ich nicht. Es tut mir leid, daß du dich des 
halb geängstigt hast . . 
Sie ging nach dem Salon, machte Licht an und sah 
sich um . . . Der kleine Raum mit seinen aprikosen- 
farbenen, seidenbespannten Wänden, den zierlichen 
vergoldeten Möbeln, war leer. Sie atmete tief auf und 
streifte die Handschuhe ab. Dann warf sie sich in 
seinen Arm und unter seinen Zärtlichkeiten sagte sie 
halberstickt; „Ich hatte solche Angst um dich . . 
„Aber wie kommst du nur darauf, Vera . . . ?“ 
„Ich weiß es nicht, weshalb . . . Ich hatte etwas ge 
träumt “ 
„Von mir?“ fragte er lächelnd ... 
„Ja, von dir . . . aber nichts Gutes . . Sie strich sich 
das leichtgewellte Haar zurück. 
„Das mußt du mir erzählen“, sagte er und rückte den 
Teetisch vor’s Feuer. Das Teegerät stand bereit, eine 
zweite Tasse war wie selbstverständlich dazugefügt, 
Gebäck, Zigaretten und Rauchzeug. Und bald summte 
das Wasser über der Flamme. 
Er reichte ihr Zigaretten. 
„Nein, danke, heute nicht ... Ich habe heut schon 
zu viel geraucht . . Sie hielt sich das pochende Herz 
fest, das sich immer noch nicht beruhigen wollte .... 
Sie war so schön in dieser fiebrigen Stimmung, wie auf 
gelöst. Er nahm ihre beiden Hände und drückte seine 
Lippen darauf . . . „Dank, Vera, daß du zu mir kamst.“ 
Sie antwortete nicht . . Sie schaute ernst ins Feuer . . 
Der Hund hatte sich wieder hingelegt, den Kopf auf den 
Pfoten und die Augen geschlossen, als ob auch er nun 
beruhigt sei. 
„Und der Traum“, erinnerte er, indem er den Tee 
eingoß. 
Aber sie schüttelte den Gedanken ab, wie etwas Ent 
setzliches . . „Nein, nein, nichts mehr davon . . . Ich 
hatte den ganzen Tag das Gefühl, es geschähe dir 
etwas . . . als ob etwas auf dich laure . . . Ich fuhr in 
die Oper, um es loszuwerden . . . aber geriet in ein 
Ballett, in welchem ein Mann im grünen Rock immer 
fort mit einer Maschine experimentierte, so daß ich 
glaubte, jeden Augenblick würde das ganze Theater in 
die Luft gesprengt . . ein Sänger hatte dasselbe bleiche 
Gesicht wie . . . jemand, den ich kannte . . . Da ging 
ich mitten drin fort, nahm einen Wagen und fuhr zu 
dir . . .“ 
„Vera, Vera, so kenne ich dich ja gar nicht“, sagte er. 
Sie sah sich wieder um ... Es ist immer noch etwas 
da . . . was mich stört, ich werde das Gefühl nicht 
los . . . sagte sie. Mach bitte einmal überall Licht und 
nach, ob jemand hier ist , . . 
Er ging in den Salon, das Licht flammte in dem 
Kristallkronleuchter auf. Das Zimmer war leer. Hinter 
den dünnbeinigen Möbeln konnte sich niemand ver 
stecken . . . Dann machte er Licht in dem Eßzimmer. 
„Sie sind noch hier. Emil?*’ fragte er erstaunt , . .
        
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