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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nr. 19 
Jahrg. 28 
33 
„Seh’ ich so aus?“ 
„Die Geschichte von dem großen Unbekannten, die 
Sie mir da erzählen, glaube ich Ihnen nicht.“ 
„Sie können sich ja erkundigen. Vorigen Dienstag 
ist es gewesen. Es waren vier Herren; lauter feine 
Leute. Sie haben nix getan wie Sekt getrunken. Die 
allerschlechteste Marke hat der Direktor ihnen hinge 
stellt, aber angerechnet hat er ihn ihnen als Pommery. 
Ich muß überhaupt sagen — der Direktor, das ist einer 
mit Ärmeln. Ich wollte Provision für meine Braut raus 
holen — glauben Sie, er hätte was geschwitzt?“ 
„Welcher Herr, welcher fremde Herr sollte dazu 
kommen, Ihnen zehntausend Kronen zu geben, damit Sie 
ihm Ihre Braut abtreten? Die konnte er doch billiger 
haben.“ 
„Erlauben Sie mal! Darum handelt es sich überhaupt 
nicht. Er wollte sie ja gar nicht haben. Er wollte sie 
bloß retten. Weil er Liebeskummer hatte.“ 
„Was ist denn das schon wieder?“ 
„Hat er zu meiner Braut gesagt.“ 
„Sie sagen“, mischte sich Joe Jenkins ins Gespräch, 
„es waren vier Herren?“ 
„Jawohl. In der .Zuckerzange* haben sie gesessen — 
zweite Loge rechts von der Bühne. Alle vier im Frack, 
und Lackschuhe hatten sie auch an.“ 
„Wissen Sie den Namen des Herrn, der Ihrer Braut 
die zehntausend Kronen gegeben hat?“ 
„Warten Sie mal . . . Axel haben ihn seine Freunde 
genannt. Den Zunamen weiß ich nicht.“ 
„Würden Sie ihn wiedererkennen?“ 
„Halten Sie mich für blöde? Natürlich würde ich ihn 
wiedererkennen. Also ein Mörder ist er, der feine Herr? 
Sehen Sie, Herr Etatsrat! — so sind die Menschen. Gibt 
mal einer zehntausend Kronen, und man fängt wieder 
an und kriegt ein bißchen Vertrauen zur Menschheit — 
schon ist es ein Mörder. Mindestens ein Falschmünzer. 
Und da soll man nicht die Platze kriegen?“ 
„Sie bleiben vorläufig hier,“ entschied der Präfekt. 
„Sie werden im Laufe des Tages mit einigen. Herren 
konfrontiert werden. Dann wird es sich heraussteilen, 
ob Ihre Angaben auf Wahrheit beruhen oder nicht.“ 
♦ 
Es war am späten Abend desselben Tages, als 
Pfeffergustaf wieder vorgeführt wurde. Im Zimmer 
saßen der Präfekt, Joe Jenkins, Hans Svedman, Per 
Rose, Einar Gundersen und Axel Myhre. 
„Da sind sie ja!“ schrie Pfeffergustaf. „Guten Abend, 
meine Herren. Und das ist der, der mir die zehntausend 
Kronen gegeben hat.“ 
„Ist das wahr, Merr Myhre?“ wandte sich der Präfekt 
an diesen. 
,, Ja. 
„Warum haben Sie das Geld gegeben?“ 
„Ich wollte das arme Geschöpf aus den Klauen ihres 
Zuhälters retten.“ 
„Sie haben’s nötig“, sagte Pfeffergustaf mit schwerem 
Nicken. „Sie haben’s nötig. Fassen Sie sich nur an die 
eigene Nase, Sie Lustmörder!“ 
>ySie sind frei!“ sagte der Präfekt. 
„Ich möchte vorläufig keinen Gebrauch^ davon 
machen. Ich möchte erst mal den Herrn da . . .“ 
„Machen Sie die Tür von draußen zu.“ 
„Und mein Geld?“ 
„Das bleibt hier.“ 
„Also wieder mal reingefallen“, sagte Pfeffergustaf 
m dumpfem Ton. „Adieu, Herr Lustmörder! Grüßen 
Sie die Leiche!“ 
Damit wiegte sich Pfeffergustaf tief gekrankt von 
dannen. 
j Sie können gehen, meine Herren“, wandte sich 
der Präfekt an Axels Freunde, „ich habe Herrn Myhre 
einiges zu fragen.“ 
„Fragen Sie ruhig“, sagte Per Rose zuvorkommend, 
„uns stört es nicnt. Ich persönlich interessiere mich sehr 
ur kriminalistische Dinge; ich kenne den Hund von 
Baskerville auswendig.“ 
„Geht schon,“ drängte Axel. 
„Wir erwarten dich drüben im Kaffeehaus“, sagte 
Rose. „Halt dich nicnt zu lange auf.“ — 
„Sagen Sie, Herr Myhre, woher haben Sie dieses 
Geld?“ Der Präfekt wandte sich halb zu Joe Jenkins 
hinüber. Der saß, die Augen auf den Boden geheftet, 
schweigend in der Ecke. 
„Es sind meine Ersparnisse.“ 
„Hatten Sie Ihre Ersparnisse auf einer Bank?“ 
„Nein. Zu Hause.“ 
„Wie kommt es, daß Sie Ihre Ersparnisse an einem 
einzigen Abend für eine Frau ausgegeben haben — sagen 
wir schon einmal für eine Dirne ausgegeben haben —, 
die Sie nie zuvor gesehen, an der Sie keinerlei Interesse 
hatten?“ * 
„Sie tat mir leid, ich sagte es schon.“ 
„Ich muß Ihnen gestehen, das scheint mir kein ganz 
hinreichender Grund, mit einem Schlage alles herzu 
geben, was man besitzt.“ 
„Ich glaube, es ist meine Sache, Herr Präfekt, wann 
und wie ich mein Geld ausgebe.“ 
„Sie haben vollständig recht. Nur handelt es sich 
in diesem Falle gar nicht um Ihr Geld, sondern um 
Geld, das dem ermordeten Thorbjörn Espeland gehört.“ 
Axel Myhre sprang auf. „Das ist eine unerhörte 
Dreistigkeit!“ 
„Ich kann es Ihnen beweisen: sehen Sie die drei 
kleinen Löcher in der Ecke der Banknoten?“ 
».Ja. 
„Espeland hat am Morgen des Mordtages das Geld 
selbst gezeichnet; denn er ahnte, daß er sterben werde.“ 
„Dies ist mein Geld.“ 
„Nein. Es ist bestimmt nicht Ihr Geld.“ 
„Ich habe zehntausend Kronen und etwas Kleingeld 
eingesteckt, als ich mein Haus verließ.“ 
„Haben Sie dafür einen Zeugen?“ 
Myhre dachte nach. „Nein,“ sagte er zögend. 
„Wo bewahrten Sie das Geld auf, das Sie angeblich 
bei sich trugen?“ 
„In meiner Brieftasche.“ 
„Wo befand sich diese Brieftasche?“ 
„In der rechten Innentasche meines Fracks.“ 
Ein Schritt kam vom Korridor; es klopfte; auf das 
Herein des Präfekten trat Rechtsanwalt ögle ein. 
„Sie haben mich hierherbestellt . . . Guten Tag, 
Herr Myhre.“ 
„Bitte, Herr Rechtsanwalt, wollen Sie die Güte haben, 
sich einmal diese Banknoten anzusehen. Fällt Ihnen 
etwas daran auf?“ 
„Mein Gott . . . ja . . . das sind die Noten, die 
Espeland von der Bank geholt hat. Ich erkenne genau 
die Markierung wieder.“ 
„Sie haben sich merkwürdigerweise im Besitz des 
Herrn Myhre gefunden.“ 
„Des Herrn Myhre?* 
„Darf ich Sie bitten, Herr Rechtsanwalt, einen 
Moment nebenan Platz zu nehmen? Sie werden sich 
nicht langweilen — Sie finden dort Gesellschaft.“ 
Die Tür schloß sich hinter ögle. 
„Ist es wahr, Herr Myhre,“ fuhr der Präfekt, wie 
unwillkürlich in eine leisere Tonart verfallend, fort, „ist 
es wahr, daß Sie und Frau Margrit Espeland sich 
liebten?“ 
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