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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jafirg. 28 
Nr. 19 
20 
„Lieber Gunnar“, sagte die schöne Frau Karin 
selbstbewußt, „ich sehe in allem gut aus. Aber trotz 
dem — ich habe nämlich erfahren, daß dieses Kostüm 
hier auch von Damen getragen wird, die keine Damen 
sind. Und daß ich mit denen etwa verwechselt werde, 
das wirst du doch nicht wollen.“ 
„Nein“, sagte Gunnar stockend, und eine Wut auf 
das üppige Fräulein Astrid kam unvermittelt in ihm 
hoch. Er war sich nicht klar, ob diese Wut der doppel 
ten, nein, der dreifachen Ausgabe galt, die ihm drohte, 
oder ob es die Erkenntnis war, daß er es wirklich nicht 
nötig hatte, für eine viel weniger schöne Frau als die 
seine Kleiderrechnungen zu bezahlen. Jedenfalls, die 
Wut war da, aber nicht gegen seine Frau. 
„Also bestelle dir nur ein Kostüm“, sagte er, „aber 
wissen möcht’ ich doch, wer dir solche Dinge erzählt, 
DER LIEBHABER 
LOTHAR SACHS 
Er hatte soeben seinen Antrag gemacht, mit wohl 
gesetzten, sorgsam einstudierten und in ihrer Wirkung 
genau berechneten Worten. Er hatte von seiner Liebe 
gesprochen, nicht ohne poetischen Schwung, und war 
dann sehr ausführlich auf seine Einkünfte aus Kapi 
talien und Grundbesitz und auf seine sonstigen Ver 
mögenswerte zu sprechen gekommen. Sie hatte ihm 
aufmerksam und interessiert zugehört, wie es sich für 
eine wohlerzogene, junge Dame aus gutem Hause ge 
ziemt. Als er geendet hatte, formte sie ihre Antwort 
höflich und korrekt, präzis und sachlich: 
„Alles schön und gut, mein Herr, aber Sie haben 
die Hauptsache vergessen. Wissen Sie denn, ob wir 
beide überhaupt zusammen passen? Ob man eine har 
monische Ehe prophezeien darf? Wir kennen uns ja 
kaum.“ 
„O, ich . . . ich . . . zweifle keinen Augenblick 
daran“, stotterte der Liebhaber, denn diese Frage kam 
ihm etwas überraschend und unprogrammäßig. 
„Vor allem merken Sie sich das eine: Ich bin sehr 
launisch, sehr rechthaberisch, mit einem Wort, sehr 
schwer zu behandeln. Ich müßte mir erst Klarheit ver 
schaffen, ob Sie der rechte Mann für mich sind. Wollen 
Sie mir zu diesem Zwecke ein paar Fragen offen und 
ehrlich beantworten?“ 
„Aber bitte, meine Gnädigste, fragen Sie!“ 
Er saß hilflos da, wie ein Knabe bei dem Frage- und 
Antwortspiel in der Schule. 
Und sie begann: „Würden Sie jeden Wunsch, den 
Sie mir von den Augen ablesen, erfüllen?“ 
„Jeden, jeden“, stammelte er. 
„Würden Sie es fertig bringen, Ihren Willen dem 
meinen unterzuordnen?“ 
„Aber ja — mit Freuden.“ Er nickte dazu lebhaft 
mit dem Kopfe. 
„Würden Sie alle meine Launen ohne Widerspruch 
mit Geduld ertragen?“ 
„Selbstverständlich . . . selbstverständlich . . . wie 
können Sie daran zweifeln?“ 
„Na sehen Sie — so einen Waschlappen 
kann ich nicht zum Manne brauchen.“ 
# 
Die Tänzerin 
Der Hypnotiseur verkündete: „Mademoiselle 
Heloise steht der Tanzkunst völlig ahnungslos gegen 
über, solange sie wach ist. Doch sobald sie in hyp 
notischen Schlaf versetzt ist . . .!“ 
Sprach's, hob beschwörend die Arme und warf ihr 
Hände voll Fluidum ins Gesicht. 
Heloise tanzte zum Gotterbarmen. Aus dem Hinter 
grund des Saales tönte eine Stimme: „O Herr, können 
Sie die Dame nicht so stark hypnotisieren, daß ihr auch 
clie Füße einschlafen?“ 
die gewiß nicht stimmen, nein, bestimmt nicht 
stimmen.“ 
„Dann um so besser“, sagte die schöne Frau Karin 
gleichmütig. 
Fräulein Astrid wunderte sich sehr, als Gunnar ihr 
den Abschiedsbrief schrieb. Und Frau Karin konsta 
tierte, daß Gunnar nun auf einmal sehr wenig Sitzun 
gen des Abends hatte. Das war in einer Hinsicht sehr 
schön. Jedoch tat es ihr leid, daß sie nicht mehr soviel 
Zeit für jenen eleganten Herrn hatte, der seinerzeit 
in dem Nachtrestaurant Gunnar und Fräulein Astrid 
samt dem Silbergrauen gesehen. Und dem sie nicht 
nur sehr angenehme Stunden, sondern daneben auch 
einen treuen Ehemann wie ein neues Kostüm verdankte! 
MINIATUREN 
H. REWALD 
Mißverständnisse 
„Die Menschen mißverstehen sich viel häufiger, als 
es ihnen zum Bewußtsein kommt. Sie, mein Herr, sagen 
„der Wald“, „die Lebensfreude“, „das Straßenbahn 
billett“. Und wir bilden uns ein, uns verständigt zu 
haben. Aber glauben Sie mir, Sie haben von all diesen 
Begriffen eine ganz andere Impression als ich. Jeder 
Mensch hat eine andere. Die Sprache ist schrecklich 
arm, ein grob-plumper, tastender Verständigungs 
versuch. Wie oft haben ernste Verstimmungen, ver 
hängnisvolle Mißverständnisse, ja Tragödien keine 
andere Ursache als diese Unzulänglichkeit der Aus 
drucksmittel. Sie sehen ein, nicht wahr, wie arm, wie 
unendlich arm die Sprache ist . . 
„Na, da sollten Sie mal meine Frau hören . . .!“ 
* 
Loh der Defekte 
„Die ebenso verbissene wie entwürdigende Leiden 
schaft für diese ebenso liebliche, wie gehirn-gemütlose 
Lola hat mich furchtbar heruntergebracht. Nun aber, 
Gott sei Dank, nun aber bin ich genesen! Mein Gehirn 
hat obgesiegt, meine Gefühle) die seelischen wie die 
anderen) sind gelöscht! Wenn ich aber ehrlich sein 
soll, nicht mein Intellekt allein hat’s geschafft, vor allen 
Dingen ihre Defekte, ihre Unzulänglichkeiten haben 
mir meine Besinnung wiedergeschenkt. Denn plötzlich 
hatte ich wieder Augen für all ihre Fehler, gegen die 
die Liebe mich vorher blindgemacht hatte! Laß mich 
deine Fehler lobpreisen, Lola! Laß mich Hymnen 
schmettern zum Preise deiner Defekte! Wie wäre es 
mir (Paria!) ergangen ohne sie! Gepriesen sei dein 
reizloser, tanzloser Gang! Gepriesen sei der kalt 
kalkulierende Ausdruck deiner Augen! Gepriesen sei 
der Dilettantismus deiner Eleganz! Gepriesen sei die 
Affektiertheit, die oft deine Züge verzerrte! Gepriesen 
sei, vieltausendmal gepriesen sei deine monumentale 
Beschränktheit!“ 
„Jammerschade“, sagte Gustav elegischen Blicks, 
„jammerschade, daß meine Frau bereits verheiratet ist! 
Die war’ was für Sie! Da hätten Sie wochenlang lob 
preisen können!“
        
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