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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jatrg. 28 
Nr. 19 
16 
UjÜJWIÜJHül? 
DAS PLAGIAT 
USA HONROThhLOWE 
unnar, der auf der Terrasse vor dem 
Kaffeehaus saß, duckte sich plötzlich 
hinter seiner Zeitung. Denn dicht an 
dem Gitter, gerade vor ihm, ging Karin, 
seine Frau. Nun wäre an sich kein 
Grund gewesen, daß sich Gunnar ver 
steckt hätte. Denn er liebte seine rei 
zende Frau außerordentlich. Aber da 
er gerade zu dieser Stunde ein Rendez 
vous mit Astrid verabredet hatte, Astrid, die im 
Holms-Garten auftrat, so konnte er seine Frau nicht 
brauchen. Sicher wäre Fräulein Astrid nicht nach 
dem Geschmack Karins gewesen. Woraus erhellt, daß 
der Geschmack von Männern und Frauen immer ver 
schieden ist. Und das war auch ganz in der Ordnung, 
sonst wäre die Welt nicht so amüsant gewesen, wie sie 
nun einmal war. Besonders wenn man die reizendste 
Frau von Kopenhagen und außerdem die reizendste 
Freundin besaß. Solche guten Gaben des Schicksals 
müssen vorsichtig behandelt werden. Und so hatte 
Gunnar im Augenblick nur den einzigen Wunsch, daß 
Karin ihn nicht sehen möge. 
Karin blieb einen Augenblick vor der Auslage der 
Konditorei stehen und musterte mit Interesse die 
neuen Petits fours, für die diese Konditorei auf der 
östergade berühmt war. Aber herein kam sie nicht, 
das wußte Gunnar im voraus. Denn trotz ihrer 
mädchenhaften amerikanischen Schlankheit mied 
Karin jede Süßigkeit mit dem Fanatismus der Mode 
dame, die eher stirbt, ehe sie an die Linie rühren läßt. 
Und so ging der Kelch, das heißt Karin an dem 
hinter der Zeitung sitzenden Gunnar vorüber, bog in 
die östergade ein und verschwand bald darauf in dem 
Hause eines bekannten Schneidcrateliers. 
Gunnar atmete auf und kam wieder hinter seiner 
Zeitung hervor. Und in demselben Augenblick er 
schien in der Tür des Cafes Fräulein Astrid. 
Sie hatte ein Kleid an von der Farbenfreudigkeit der 
Königin von Saba. Und Gunnar, der noch in Augen 
und Gedanken das Bild Frau Karins hatte, Frau Karins 
in einem sehr diskreten und sehr gutsitzenden Tailor- 
made aus silberfarbenem Stoffe, Gunnar fand plötz 
lich, daß Fräulein Astrid auf der Bühne oder in ihrem 
Heim einen besseren Eindruck machte als jetzt. So 
in Freiheit vorgeführt wirkte sie ein wenig voluminös 
und in der Farbe wüe ein Tuschkasten. 
Fräulein Astrid aber war durchaus überzeugt, daß 
sie wundervoll sei. Sie setzte sich hin und verlangte 
eine Portion Eis mit Schlagsahne extra. Da ritt den 
armen Gunnar der Teufel. „Du solltest nicht so viel 
Süßes essen“, meinte er leicht verweisend, „ich glaube, 
du wirst zu stark. Und ich finde außerdem, du solltest 
für deinen Teint etwas blässere, Farben wählen.“ 
Einer Frau darf man bekanntlich eher einen Raub 
mord vorwerfen, als irgendwelche Unzulänglichkeiten 
der Kleidung wie des Aussehens. Dementsprechend 
ging Fräulein Astrid hoch wie ein Kinderballon bei 
gutem Winde. 
„Ich weiß schon“, sagte sie spitz, „ich weiß ganz 
genau, was du denkst. Ich habe eben einen gewissen 
Jemand getroffen. Mein Lieber, wenn du deine Frau 
hübscher findest als mich, so brauchst du es nur zu 
sagen, ich finde Tausend für einen, die mich reizend 
finden.“ 
Aber so hatte es Gunnar denn doch nicht gemeint. 
Denn er war durchaus noch nicht bereit, nur seine 
Frau reizend zu finden. 
So beteuerte er denn Fräulein Astrid in liebevollen 
Worten, daß sie durchaus von seiner Liebe überzeugt 
sein könne und daß gerade diese Liebe es wäre, um 
deretwillen er sie möglichst reizend und vorteilhaft 
aussehen haben wolle. Aber Fräulein Astrid war noch 
ein wenig gekränkt. Und es war wohl eine unbewußte 
Rache, daß sie zu Gunnar sagte: „Wenn ich auch ein 
solches Kostüm bekomme, wie deine Frau eben an 
hatte, dann werde ich gerade so schlank und elegant 
aussehen.“ 
Gunnar erschrak in tiefster Seele. Denn er wußte, 
wie teuer ihm schon Karin in bezug auf die Garde 
robe wurde. Und er hatte gar kein Interesse daran, 
Astrid demselben Schneider zu empfehlen, diesen 
Schneider, der notorisch der teuerste in ganz Kopen 
hagen war. So versuchte er Astrid klarzumachen, 
daß auch diese Art, in der Frau Karin sich kleidete, 
ihrer eigenen, Astrids, Art nicht entsprach. Aber mit 
dem Mißtrauen, das er nun einmal in ihr entfacht 
hatte, und mit der Verbissenheit der Rivalin bestand 
Astrid darauf, sich ein Kostüm bei Karins Schneider 
machen zu lassen. 
„Aber ich weiß ja gar nicht, wer das ist“, sagte der 
unglückselige Gunnar in seiner Angst. 
Aber da hätte man nur Fräulein Astrids ironisches 
Gesicht sehen sollen. 
„Ich denke, daß du die Kleider deiner Frau bezahlst“, 
sagte sie mit einem überlegenen Lächeln, „außerdem, 
mein Lieber, wenn ich auch erst einige Wochen in 
Kopenhagen bin, soviel weiß ich schon, daß nur Herr 
Lundgreen solche Kostüme macht, und daß keine 
Dame bei einem anderen arbeiten läßt.“ 
Wenige Tage später erschien Fräulein Astrid beim 
Rendezvous in einem silbergrauen tadellosen Tailor- 
made aus der Werkstatt des Herrn Lundgreen. Und 
Gunnar, der den Preis ja genau kannte, ohne daß er 
schon die Rechnung bekommen hatte, fand, daß Astrid 
wirklich elegant und den Spesen angemessen aussah. 
Da er ihr seine Bewunderung auch Zeigte, wurde es 
ein reizender Abend in dem kleinen Nachtrestaurant. 
Am meisten Spaß machte es Fräulein Astrid, daß sie 
dank ihrer sehr dezenten Kleidung für Gunnars Frau 
gehalten wurde und daß ein eleganter Herr vom 
Nebentisch sie sehr interessiert beobachtete. Sie hätte 
ja unter anderen Umständen durchaus nicht ver 
schmäht, mit ihm zu flirten. Da sie aber einmal sich 
in der Situation gern weiter als die Frau Gunnars an- 
sehen lassen wollte, außerdem vorhatte, zu dem neuen 
Kleide auch noch einen neuen Hut von Gunnar zu er 
bitten, wollte sie ihm in keinem Fall die gute Laune 
verderben und blieb in Blick und Haltung unnahbar. 
„Gunnar“, sagte am nächsten Abend die schöne 
Frau Karin zu ihrem Manne, „schreib mir bitte einen 
Scheck aus, ich will mir morgen ein neues Kostüm be 
stellen.“ 
„Aber Kind“, sagte Gunnar entsetzt, „ich habe doch 
eben erst zwei Rechnungen an deinen Schneider ge 
zahlt, vielmehr eine“, verbesserte er sich, rot werdend. 
Aber Frau Karin schien seine Verlegenheit gar nicht 
zu sehen. 
„Das ist richtig“, sagte sie lächelnd und gleichmütig, 
„du hast wirklich eben erst viel an den Schneider 
zahlen müssen, du Armer. Aber weißt du, mit dem 
neuen Kostüm habe ich einen Fehlgriff getan.“ 
„Wieso denn?“ fragte Gunnar, „du siehst doch sehr 
gut darin aus!“ 
(Fortsetzung auf Seite 2oJ
        
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