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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nr. 19 
Jafirg 28 
15 
Adresse zu. Das Auto wendete und raste in der ent 
gegengesetzten Richtung weiter. 
„Was machen Sie? Warum lassen Sie wenden?“ 
„Wenn Sie meine Einladung nicht annehmen, muß 
ich Sie zwingen, sich heute noch glänzend zu amüsieren.“ 
Sie reckte sich erschrocken hoch. Dann faßte sie sich 
und meinte lächelnd: „Das sieht ja wie eine Entführung 
aus!“ 
„Ängstigen Sie sich nicht. Wir sind übrigens zu 
Hause!“ 
Der Wagen hielt. Er half ihr galant beim Aussteigen 
und führte sie zum Fahrstuhl. 
Wenige Minuten später trat sie in sein Zimmer. Seine 
Hände zitterten, als er ihr den Mantel abnahm. 
Sie saßen sich in den Klubsesseln gegenüber. Likör 
glänzte in flachen Schalen. 
„Ihre Zigaretten sind gut.“ 
„Bitte, versuchen Sie meinen Likör.“ 
Er schaute sie unverwandt an, während er ihr zutrank. 
Sie erwiderte den langen Blick. 
„Wo ist übrigens Ihr Freund?“ * 
„Sie verzeihen, es war eine Notlüge.“ 
„Das habe ich mir gedacht.“ 
Lutz faßte das nicht. Diese Frau war ihm rätselhaft. 
Sie war ihm gefolgt, obwohl sie wußte . . . 
Hastig zog er an seiner Zigarette. 
„Warum sind Sie so nervös?“ 
Er empfand ihren Hohn, ihre so selbstverständliche 
Überlegenheit schmerzlich. Die Wut packte ihn. Er 
fühlte, wie sein Begehren nach dieser schönen Frau 
wuchs. Er wollte ihr irgend ein hartes Wort sagen, 
fühlte die bubenhafte Lust in sich, ungezogen zu ihr zu 
sein. Er brachte keine Silbe über die Lippen. 
Seine Augen hingen an dem Ausschnitt ihres Kleides. 
Er dachte bei ^ch; Warum springe ich nicht auf und 
reiße sie an mich, warum küsse ich diese Lippen nicht? 
Seine Hände krallten sich in das Leder des Klub 
sessels. 
„Wollen Sie mir bitte noch ein Gläschen Likör ein 
gießen?“ 
Sie bat freundlich, sah ihn mit einem lieben Lächeln 
an. 
Er sprang auf und erfüllte ihren Wunsch. Trat hinter 
sie und sog leidenschaftlich den Duft ihres Haares ein. 
Sie lehnte sich zurück, sah ihn lange an und sprach: 
„Warum sind Sie so verliebt in mich? Lassen Sie das 
doch. Ich habe Ihnen den Gefallen getan und bin Ihnen 
in Ihre Wohnung gefolgt. Nun werden Sie langweilig, 
zerbrechen sich den Kopf darüber, wie Sie mich wohl 
erobern können. Dabei lieben Sie mich nicht. Sie sind 
nur Berauscht von mir. Sie fangen mich in einem Auto 
ein, locken mich in Ihre sehr trauliche Häuslichkeit und 
verlangen von mir, daß ich Ihre Gefühle erwidere.“ 
Er antwortete gepreßt; „Ich bin Ihnen also gar nicht 
sympathisch?“ 
„Das nicht! Sonst säße ich jetzt nicht hier. Aber 
sehen Sie, man darf von einer Frau nicht erwarten, daß 
sie die Leidenschaft des Mannes sofort erwidert.“ 
„So darf ich also hoffen?“ 
„Wer sagt Ihnen das?“ 
Lutz flimmerte es vor den Augen. Er sah das blühende 
Geschöpf vor sich und konnte sich nicht länger zurück 
halten. 
Sie sprang auf, wich vor ihm zurück. 
. Langsam näherte er sich ihr. Seine Arme schlenkerten 
in und her. Mit brennenden Augen sah er sie an; er 
sah, wie sie zitterte, wie ihre ganze Überlegenheit von 
ihr fiel und sie arm, schwach und flehend vor ihm stand. 
„Ja“, sprach er heiser, „jetzt ist Ihr ganzer Mut zum 
Teufel. Sie reizten mich bis zur Bewußtlosigkeit und 
nun haben Sie Angst, die letzte Konsequenz zu ziehen.“ 
Da war er bei ihr, umklammerte ihren schlanken 
Leib und ließ sie nicht los, wie sie sich auch bog und 
wehrte. 
Ihr entsetzter Blick machte ihn auf einmal wieder 
mutlos. 
„Ich kann Ihnen nicht wehe tun. Gehen Sie!“ 
„Warum sagen Sie mir das“, fragte sie tonlos. 
„Ich bin vielleicht ein Don Juan. Ich bin vielleicht 
ein leichtsinniger junger Mann, ohne tiefere, geistige 
Interessen — aber ich habe doch ein Mädel, das mich 
heute Abend erwartete und das ich Ihretwillen umsonst 
warten ließ. Dieses Mädchen ist nicht weniger schön 
als Sie.“ 
Mit großen Augen hatte die schöne Frau zugehört. 
Sie atmete heftig. Er ging an den Rauchtisch und goß 
sich einen Likör ein. Als er sich umdrehte, sah er die 
schöne Frau demütig vor sich. Da jauchzte er auf, nahm 
sie auf seinen Schoß und küßte sie wie toll. Ganz ernst 
haft sagte sie: „Du, ich habe dich sehr lieb. Willst 
du von deiner Freundin meinetwegen lassen?“ 
Er küßte sie und sagte: Ja. 
Die Uhr schlug zehn. Draußen klingelte es. 
Ein junges Mädchen trat ein. Die schöne Frau 
drückte sich in eine Ecke. Ihr Gesicht war leichenblaß. 
„Lutz, wo bist du geblieben, ich habe auf dich ge 
wartet und hatte Angst. Nicht wahr, der schreckliche 
Regen . . .“ 
Und schon hing sie an seinem Hals und küßte ihn. 
Jetzt erst fiel Lutz Los Ähnlichkeit mit seiner neuen 
Freundin auf. 
„Liebe Lo, du mußt entschuldigen . . .“ 
Er wollte das junge Mädchen zur Tür drängen. Nur 
jetzt keinen Skandal. Wenn er mit ihr allein war, würde 
er schon irgendeine Ausrede finden. Wenn sie jetzt 
nur nicht in jene Ecke sehen würde . . . 
„Was hast du, Lutz, du bist so unruhig . . . ah . . .“ 
Ihre Stimme wurde hart und klang höhnisch . . . „also 
doch nicht der Regen ... ich möchte nicht stören, 
Lutz . . . ich werde nie mehr stören . . . warum stellst 
du mir deine neue Freundin nicht vor ... es ist so 
schön dunkel in deinem Zimmer . . . nun ja, ich gehe.“ 
Aber jetzt wurde die Stimme scharf, schlug vor Er 
regung über: „Bevor ich gehe, will ich wenigstens 
sehen, ob ich ihr sehr nachstehe!“ 
Mit raschen Schritten eilte sie zum Lichtschalter, und 
ehe Lutz es hindern konnte, hatte sie den Kronleuchter 
angedreht. Unbarmherzig hell strahlten die Lampen. 
„Irene!“ 
„Lo!“ 
Eine peinvolle Pause trat ein. Laut tickte die Uhr. 
Lutz begriff die Zusammenhänge nicht. 
„Was ist? So rede doch!“ 
„Es ist meine Schwester“, hauchte die schöne Frau. 
„Irene, ich will deine Nebenbuhlerin nicht sein“, 
sprach Lo leise, „ich denke nur an deinen Mann.“ 
Die schöne Frau schlüpfte hastig in den Mantel. 
„Wir dürfen uns nie mehr sehen, Lutz, jetzt nie 
mehr.“ 
Dann ging sie mit ihrer Schwester hinaus.
        
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