Path:

Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jahrg. 28 
Nr. 19 
14 
Dann richtete sie sich langsam auf und öffnete zögernd 
die Augen, da sah sie — den grauen Stein und dahinter 
den Kirchturm. 
Als Benoit dann aufwachte, hatte seine Frau schon alle 
Sachen zusammengepackt und mahnte zum Aufbruch. 
Er reckte gähnend seine Arme, und während er sich 
eine Zigarre anzündete, blinzelte er zu seiner Frau hin. 
Plötzlich ließ er das noch brennende Streichholz ins 
Gras fallen. 
„Was machst du denn da?“ fragte er. 
Frau Benoit hatte sich gebückt und versuchte mit 
beiden Händen einen großen grauen, mit Moos be 
wachsenen Stein von der Stelle zu heben. Als wolle 
sie eine Erinnerung auslöschen . . . für immer . . . 
„Was ich mache?“ antwortete sie. „Nichts.“ Dabei 
lächelte sie verlegen und der Stein rollte seitwärts ein 
Stück ins Gras. 
Benoit schüttelte den Kopf und brummte etwas von 
verrückten Weiberideen. 
Auf dem Rückweg war seine Frau still und einsilbig. 
Begegnung im Regen 
HANS HAIN 
s regnete in Strömen. Er stand in 
einer Haustüre am Zoo und 
schaute verärgert die Straße hinab. 
Blank leuchtete der Asphalt. Aus 
den großen Scheiben der Cafes drang 
schüchterner Lichtschein. Einige 
kecke Wasserspritzer hüpften auf die 
Spitzen seiner Lackschuhe. Er war 
nervös. Sein kleines Mädel erwartete ihn in ihrem be 
haglichen Zimmer. Und er stand hier, konnte nicht fort. 
Ausgerechnet in dieser Stunde mußte der Regen 
kommen. Die Straßenbahnen waren überfüllt. Wenn 
ein Wagen an der Haltestelle hielt, stürzten aus allen 
Türen und Ecken die Leute auf ihn zu, kämpften er 
bittert um Platz, blieben schimpfend zurück und 
krochen zurück in das Schwarz ihres schützenden Tor 
bogens. 
Natürlich war kein Auto zu sehen. Man bekam 
nicht nur feuchte Füße, sondern konnte sich auch den 
Schnupfen holen. Aber, was das Schlimmste war: Lo 
wartete! 
Die entzückende kleine Lo wartete auf ihn. Sicher 
würde sie ihren seidenen Pyjama angezogen haben, 
Tee zubereitet und für süßes Naschwerk gesorgt 
haben. Er hatte sich so auf dieses Zusammensein mit 
seiner Freundin gefreut und nun . . . 
Lo würde sich Gedanken machen, vielleicht weinen . . 
würde natürlich nicht daran denken, daß der Regen . . . 
Ha, die Lichtkegel eines Autos flitzen um die Ecke. 
Er sprang auf die Straße, achtete nicht auf die Tropfen, 
die ihm ins Gesicht schlugen, brüllte ein verzweifeltes 
„He“ und riß die Wagentüre auf. 
In demselben Augenblick wurde die andere Wagen 
türe auch aufgerissen. 
Eine junge Dame setzte ein zierliches Füßchen auf 
das Trittbrett — o ein Füßchen — und stieg in den 
Wagen. 
Die beiden schauten sich verwundert an. 
„Mein Herr, was fällt Ihnen ein?“ 
„Gestatten Sie . . .“ 
„Ich gestatte gar nichts! Steigen Sie aus!“ 
„Ich habe den Wagen zuerst angerufen.“ 
„Nein, ich habe ihn zuerst angehalten.“ 
„Gnädiges Fräulein irren . . .“ 
„Also bitte, ich irre mich nicht! Steigen Sie aus!“ 
„Aber ich habe doch wirklich zuerst!“ 
„So eine Unverschämtheit!“ 
„Lassen Sie sich doch erklären . . . 
„Bitte, steigen Sie aus“, rief sie empört. „Hier gibt 
es nichts zu erklären. Ich habe den Wagen angehalten 
und folglich das Recht, ihn zu benutzen. Bitte, steigen 
Sie aus!“ 
„Ich habe große Eile ... so verstehen Sie doch . . . 
in diesem Regen . , . ich habe den Wagen angerufen . .“ 
„Ein Kavalier sind Sie nicht! Steigen Sie aus!“ 
„Aber bitte, mein Recht . . .“ 
„Jetzt wird es mir zu bunt! Wenn Sie den Wagen 
tatsächlich zuerst angerufen hätten, müßten Sie als 
Kavalier . . .“ 
„O“, stieß er höhnisch und wütend aus, „ich kann 
als Kavalier ja Zusehen .'. . aber was! Ich pfeife auf den 
Kavalier! Ich war zuerst da und damit basta! Ich 
werde noch weiter im Regen stehen, dringende Ge- 
Geschäfte versäumen . . .“ 
„Gut“, meinte sie leise, „so weiche ich der brutalen 
Gewalt.“ 
Sie wollte aussteigen. Ein Lichtstreifen huschte über 
ihr Gesicht. Er war begeistert, sprachlos, erstaunt. Ein 
so liebes Gesichtchen mit so blonden Löckchen und 
so großen Augen konnte er nicht in den Regen 
schicken. 
„Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Wir benutzen das 
Auto zusammen. Ich fahre Sie, wohin Sie wollen und 
benutze den Wagen gleich weiter. Einverstanden?“ 
Sie nickte zustimmend. Lächelte bezaubernd. 
„Und darum haben wir uns nun gestritten.“ 
Sie zuckte die Achseln. 
„Gott, die Männer sind Egoisten.“ 
„Aber, gnädiges Fräulein!“ 
„Bitte, ich bin verheiratet!“ 
„Gestatten; Lutz Wallner.“ 
„Frau Dr. so und so!“ 
„Hocherfreut!“ 
„Desgleichen.“ 
„Reizend, diese Begegnung. Aber warum sagen Sie 
Ihren Name» nicht?“ 
„Das muß nicht sein. In fünf Minuten kennen wir 
uns nicht mehr.“ 
„Aber gnädige Frau!“ 
„Nun?“ 
Das Auto raste durch die blanken Straßen. Er suchte 
ihre Hand. Sie lehnte sich müde in die Polster zurück. 
Er beugte sich zu ihr: „Woran denken Sie, gnädige 
Frau?“ 
„Warum wollen Sie das wissen?“ 
„Weil ich eine Bitte habe.“ 
„Welche?“ 
„Kommen Sie auf ein Stündchen zu mir! Bitte, nichts 
Böses dabei denken! Einer meiner Freunde erwartet 
mich.“ 
„Sie sind zu gütig, aber ich muß ablehnen“, ant 
wortete sie kalt. 
Er biß sich auf die Lippen. Plötzlich beugte er sich 
zum Sprachrohr vor und rief dem Chauffeur eine
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.