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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

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J.ihrg. iS 
DIE LANDPARTIE 
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WOLFGANG VON LENGERKE 
* 
A n einem Feiertage, als die Sonne schon am 
frühen Morgen aus einem wolkenlosen, strah* 
lend blauen Himmel lachte und sich auf 
Dächern und Fenstern spiegelte, sprang Herr 
Benoit mit einem Satz aus dem Bett, zog die Vorhänge 
des Schlafzimmers weit zurück, so daß die Sonnen* 
strahlen ins Zimmer leuchteten, und rief; „Heute wird 
ein Ausflug gemacht!“ 
Frau Benoit, die noch tief in den Federn lag, hob den 
Kopf. Sie sah mit ihrer Nachtmütze, die eine zartblaue 
Schleife zierte und während des Schlafes ein wenig auf 
die Seite gerutscht war, noch recht verschlafen aus. 
„Muß das sein?“ seufzte sie. „Muß das sein?“ Und 
sie begann sich langsam aus dem ungeheuren Federbett 
herauszuschälen. 
Man konnte nicht behaupten, daß Frau Benoit mager 
war, vielmehr hatte sie eher Ähnlichkeit mit einer 
kleinen runden, aber sehr beweglichen Kugel, zum 
Unterschied gegen Herrn Benoit, der ebenso mager und 
lang, als seine Frau rund war. Dieser Kontrast hatte 
sich mit den Jahren gebildet. Einmal — es war aller 
dings schon einige Jahrzehnte her — war Frau Benoit, 
als Benoit um sie freite, ein kleines, zierliches, nied 
liches Püppchen mit leuchtendem blonden Haar und 
einem allerliebsten Stubbsnäschen. 
Als das Ehepaar Benoit einige Stunden später mit 
Paketen, die allerlei gute Dinge für den Weg enthielten, 
das Haus verließ, stand die Sonne schon hoch am 
Himmel und sandte ihre Strahlen auf die beiden herab. 
Die kleine rundliche Frau schritt am Arm ihres 
Mannes, der den Sonnenschirm in der Linken, in der 
Rechten die Pakete trug, tapfer aus; so wie sie es nun 
schon seit dreißig Jahren gewöhnt war, neben Benoit 
durchs Leben zu wandern. Ach, wo waren die Jugend 
träume hin, während der langen Zeit? Wie lang war es 
doch her, als sie an einem ebenso schönen Tage als 
dieser, Arm in Arm nebeneinander hergingen und nicht 
wagten zu sprechen! 
Frau Benoit seufzte unwillkürlich, als sie an diese Zeit 
dachte. 
„Du bist doch nicht schon müde?“ fragte Benoit und 
sah seine Frau mißbilligend von der Seite an. „Ein 
bißchen Bewegung wird dir ganz gut tun, hättest du nur 
eher daran gedacht, dann wärst du bestimmt nicht so 
dick geworden!“ 
„Ach, ich bin ja gar nicht müde!“ sagte Frau Benoit. 
„Es geht ganz gut, und es ist doch auch ein so schöner 
Tag!“ 
„Ja, wenn es nur keinen Regen gibt!“ 
Benoit steckte seine Nase in die Luft und hielt Um 
schau. 
„Du, sieh doch den Schmetterling!“ rief Frau Benoit 
und faßte den Arm ihres Mannes fester. „Sieh nur!“ 
Es war ein gelber Zitronenfalter, der sich über dem 
Feld flatternd auf und nieder senkte. Seine Flügel 
glänzten grell im Sonnenlicht. 
„Hast du noch keinen Schmetterling gesehen?“ 
brummte Benoit und blieb einen Augenblick stehen, 
dabei wischte er sich mit dem Handrücken den Schweiß 
von der Stirne, ihm wurde das Laufen selbst sauer. 
Dann schritten sie zwei Stunden, meistens schwei 
gend, nebeneinander her, jeder mit seinen Gedanken 
beschäftigt. Gegen Mittag machten sie Halt. Es war 
mitten im Wald. Vor ihnen, durch die Bäume, brach 
sich eine kleine Lichtung Bahn, die in blaudunstender 
Ferne einen Kirchturm und ein paar Häuser sehen ließ. 
Benoit, der müde war, ließ sich von seiner Frau das 
Essen reichen, dabei blinzelte er in die Sonne, die sich 
durch das Geäst der Bäume ihren Weg bahnte. Er 
lehnte sich mit dem Rücken an einen Baumstamm, zog 
den Rock aus und knöpfte sich die Weste auf. 
„So“, sagte er, als er satt war, „nun will ich schlafen!“ 
Mit Behagen legte er sich ganz auf den Boden nieder, 
zog den Hut über das Gesicht und schloß die Augen. 
Das Brummen und Summen der Insekten, die geschäftig 
und wirr, nahe dem Erdboden umherschwirrten, 
schläferte ihn bald ein. 
Seine Frau saß, das kleine, dicke, gutmütige Gesicht 
dunkelrot vor Anstrengung und Hitze, neben ihm und 
blickte aus ihren Augen ausdruckslos über die Land 
schaft. Auch sie war schläfrig, doch irgend etwas, 
irgendeine Unruhe, über deren Ursache sie sich selbst 
nicht klar war, ließ es nicht zu, daß sie die Augen 
schloß. 
War sie traurig, hatte sie Kummer oder Sorgen? Sie 
konnte sich nicht darauf antworten. Ihr Dasein war 
all die Jahre so ruhig und gleichmäßig dahingeplätschert, 
daß ihr ein Tag wie der andere erschien. Nein, Kummer 
und Sorgen hatte sie nicht, es fehlte ihr eigentlich an 
nichts. Ein Kind würden sie ja nun nicht mehr haben, 
das war ihr einziger Kummer. Sie wünschte sich so 
sehr ein kleines Wesen — aber diese Freude war ihr und 
Benoit versagt geblieben. 
Unwillkürlich senkte sie den Kopf. Sie war traurig 
und wußte doch nicht recht warum. 
Um sie war die tiefe, nur von einem leichten Summen 
und Raunen erfüllte mittägliche Ruhe des Waldes. Die 
Luft stand schwer und flimmernd über dem Boden und 
aus der Erde schien ein wollüstiger, heißer, zärtlicher 
Atem zu dringen. Frau Benoit schloß die Augen. 
An jenem Tage, der nun bald dreißig Jahre zurück 
lag, war es ebenso. Sie hatten sich nebeneinander ins 
Gras gesetzt. Um sie her war es ganz still und ruhig 
und über ihnen war nur unendlich weit und tief der blaue 
Himmel. Plötzlich war es ihr so eigentümlich schwer in 
den Gliedern geworden, so schwer, daß ihr der Atem 
stockte und das Blut in den Schläfen tickte. Unwill 
kürlich tastete sie nach rückwärts, um einen Halt zu 
suchen. Da hatte sich Benoit über sie gebeugt und ge 
fragt, was ihr sei. Sie hatte nicht geantwortet, nur ge- 
iächelt, so müde und schwer gelächelt und sich ge 
wünscht, seinen Mund auf ihren Lippen zu fühlen. Und 
Benoit verstand ihr Schweigen . . . 
So war es damals. 
Als Frau Benoit die Augen wieder öffnete, blickte sie 
ganz verwundert um sich. Mit einem Male schien es 
ihr, als hätte sie den Kirchturm in der Ferne, die Berge 
dahinter und die in der dunstigen Luft flimmernden 
grauglänzenden Dächer des Dorfes bereits schon ge 
sehen, vor vielen Jahren gesehen. 
Und nun fiel es ihr plötzlich wie Schuppen von den 
Augen. Gewiß, es war ja derselbe Ort, wie hatte sie 
und Benoit das nur vergessen können? Allerdings 
waren damals, vor bald dreißig Jahren, nicht so große 
hohe Bäume hier, sondern nur Gestrüpp, aber der 
Kirchturm war da, er stand noch immer an der gleichen 
Stelle. Als sie damals, mit Tränen in den Augen, sich 
aus den Armen Benoits aufrichtete, da war ihr erster 
Blick — sie erinnerte sich nun ganz deutlich! -- auf 
einen großen grauen Stein gefallen, der den Kirchturm 
fast bis zur Hälfte verdeckte. 
Frau Benoit legte sich auf die Erde, schloß die Augen 
und blieb einige Minuten unbeweglich liegen. Ihr Ge 
sicht schien plötzlich jung und frisch zu sein und ihr 
Atem ging tief und schwer.
        
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