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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jahrg. 2S 
Nr. 19 
10 
Das Rendezvous 
* ■■■■—— ★ 
ALEXANDER ENGEL (WIEN) 
M echanisch sagte er: „Leb wohl, mein Herz“, 
und er drückte ihr einen jener gewissen 
flüchtigen Ehemännerküsse auf die Stirn. 
Das tat er jeden Morgen, ehe er in sein 
Büro ging. „Warte einen Augenblick“, rief er plötz 
lich aus und glitt ihr wie schmeichelnd mit der Hand 
über das tiefschwarze Haar. Schmerzlich zuckte sie 
zusammen, er aber hielt ein weißes Haar in der Hand, 
das er ihr lächelnd zeigte. Ein weißes Haar! Dann legte 
er es sorgfältig in ein Stückchen Papier und steckte es 
in seine Brieftasche. Und noch einen Kuß, diesmal 
ganz ernsthaft auf die Lippen, ungleich zärtlicher als 
sonst — dann ging er. 
Frau Mathilde blieb allein. Allein mit dem Bewußt 
sein, daß ihr Gatte das erste graue Haar auf ihrem 
Scheitel gefunden und es sorgsam entfernt hatte, ent 
fernt, weil er es nicht mehr sehen wollte, weil es ihn 
störte, weil es ihm ein zu deutlicher Beweis war, daß 
er schon zwanzig Jahre verheiratet sei. Und sonderbar, 
das Feingefühl und die Zärtlichkeit ihres Gatten hatten 
Frau Mathilde verletzt, statt ihr den Schmerz des ersten 
grauen Haares zu erleichtern. Sie sah darin etwas, wie 
Mitleid und Nachsicht, die er von nun ab gegen sie zu 
hegen sich verpflichtet fühlen wollte. 
Sein Zartgefühl war also nutzlos und der zweite Kuß, 
den er ihr nach der Entfernung des bösen weißen 
Haares, über das alltägliche Morgenprogramm auf die 
tippen gedrückt hatte, sie empfand ihn, wie ein 
schmachvolles, beschimpfendes Almosen. Die Lüge, die 
handgreifliche Lüge, daß er dieses Haar und die rück 
sichtslosen Genossen, die sich von nun an so rasch zu 
gesellen, nicht sehe, hätte sie ihm gerne vergeben. Sie 
hätte diese unmögliche Blindheit für einen edlen Be 
weis seiner Liebe genommen. 
Schwer sich mit beiden Händen auf die Armlehnen 
des Fauteuils stützend, erhob sie sich und ging langsam, 
müde zu ihrem Spiegel. Mit raschem, hastigem Griffe 
löste sie ihre dichten Flechten und ließ das noch immer 
reiche Haar über ihre Schultern fallen. Dann raffte sie 
es mit beiden Händen nach vorn und prüfte, ob sich 
nicht noch ein vordringlicher „Herbstfaden“ auf ihr — 
noch immer schönes Haupt verirrt habe. Und wirklich 
— da dicht unter den weißen Schläfen fand sie noch, 
eins — zwei — drei — weiter forschte sie nicht, sie 
hatte genug gesehen. Und mitten in ihrer Betrübnis 
schoß ihr der drollige Gedanke durch den Kopf; „Was 
wird Paul mit denen machen — er kann doch nicht jeden 
Morgen eines für seine Brieftasche pflücken!“ — Ach 
ja, er hätte es nicht nötig gehabt, das Haar so aufmerk 
sam als Erinnerung aufzuheben — die übrigen sorgten 
schon für genügende Erinnerungen. 
Die kleine unglückliche Frau war fest überzeugt, daß 
das in Pauls Brieftasche verwahrte erste graue Haar und 
die übrigen dicht unter ihren weißen Schläfen eine ent 
setzliche Veränderung, eine Verheerung in dem Glücke 
ihrer zwanzigjährigen ungetrübten Ehe anrichten 
mußten. Das Bewußtsein des ruhigen Besitzes ihres 
Gatten, der in Freud’ und Leid geprüften und gestählten, 
unzerreißbaren Aneinandergehörigkeit war mit einem 
Male vernichtet in ihr. Sie hatte das Gefühl des trost 
losen, verliebten Mädchens, das nicht weiß, wie es dem 
geliebten Manne seine Liebe verraten, wie es ihn erobern 
und festhalten sollte. Mit welchen Waffen sollte sie 
— nun kämpfen? 
Es gab nur eine, die Waffe der Frauen zu allen Zeiten, 
in jedem Alter, in jeder Lage: Die Eifersucht des 
Mannes. 
Der Gedanke machte sie erzittern . . . Und jetzt — 
rasch — gleich, so lang seine Liebe noch nicht gänzlich 
gealtert war, wollte sie ihm zeigen, daß das erste graue 
Haar eine Frau noch nicht auslösche aus der Reihe der 
jenigen, die man liebt und um deren Besitz man kämpft. 
Dieser Gedanke quälte sie von da an unablässig und sie 
beschloß, ihn auf irgendeine Weise zur Ausführung zu 
bringen. Harmlos natürlich, aber deshalb nicht weniger 
wirkungsvoll. 
II. 
„Schau, Paul“, sagte Frau Mathilde eine Woche später 
und reichte ihrem Gatten die Zeitung hinüber. „Das 
sieht ja beinahe aus, als ob es mir gelten würde.“ Und 
ein feines, kokettes Lächeln spielte um ihre Lippen. 
Paul nahm bedächtig das Zeitungsblatt und las laut die 
Annonce, auf die Frau Mathildes schlanker Zeigefinger 
hintippte. „Jene reizende Dame im dunkelgrauen 
Seidenkleid, die vorgestern an der Seite des schlanken 
gebückt gehenden Herrn im Volkstheater gesessen ist, 
wird von dem sie bewundernden Gegenüber um ein ehr 
bares Wiedersehen gebeten. Unter Chiffre „x. x.“ Paul 
hatte seine Frau von Zeit zu Zeit wie verstohlen 
musternd von der Seite angeblickt und sie sah ent 
zückt, daß es gewirkt zu haben schien. Das „reizende 
Dame“ hatte ihm offenbar geschmeichelt und in über 
mütigster Laune rief sie: „Der gebückt gehende Herr 
bist du — ich hab’ dir immer gesagt, du sollst dich ge 
rade halten.“ 
,.Na ja“, sagte Paul gedehnt, „da kannst du ja stolz 
sein — das ist eine förmliche Eroberung, die du ge 
macht hast. Vielleicht schreibst du dem bewundernden 
Gegenüber sogar — ihr Frauen seid ja alles imstande.“ 
Hurra, er war wirklich und wahrhaftig eifersüchtig und 
Frau Mathilde fiel ihm jubelnd um den Hals und küßte 
ihn herzlich ab. Sie war in jenem Alter, wo man dank 
bar ist für ein bißchen Eifersucht.
        
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