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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nr. 19 
Jaßrg. 28 
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hörte er wieder Susis helles Zwitschern, den Schall ihrer 
kleinen Füße und plötzlich stand sie neben ihm und 
sagte: 
„Hier ..... Papi!“ 
Dabei hielt sie einen kleinen Schlüssel in der winzigen 
Hand. Sie hatte ihn auf dem Teppich gefunden. 
„Wo ist der Schlüssel her?“ fragte der Amtsrichter. 
Aber das Kind lief schon wieder davon. Er blickte auf 
den kleinen Schlüssel herab, drehte ihn unschlüssig in 
der Hand und versuchte ihn am Schoß seines Bücher 
schrankes. Er paßte nicht und auch zum Schreibtisch 
gehörte er nicht. Nun ging er langsam durch die Woh 
nung; zuerst ins Eßzimmer; aber die alten Möbel seiner 
Eltern, groß und dunkel wie Särge, hatten riesige 
Schlösser; dann in das Schlafzimmer und erst zuletzt 
zurück in den kleinen Salon seiner Frau. Susi folgte ihm; 
sie plauderten und lachten, und das Kind ließ seine 
großen, ernsthaften Augen nicht von seiner Hand. 
Hier, in dem hübschen, hellen Zimmer mit den Bieder 
meiermöbeln und den Blumentöpfen an den weißver 
hangenen Fenstern, war das eigenste Reich seiner Frau. 
Das Nähtischchen am Fenster war gar nicht zu ver 
schließen, im Bücherschrank steckte der Schlüssel, was 
blieb noch? Der Mann sah sich um. Er stand mitten 
in der Sonne, die jetzt ihr gelbes Licht durch die Fenster 
sandte und Streifen auf den hellgrauen Teppich warf. 
Sein Blick fiel auf den kleinen Biedermeier-Schreibtisch 
seiner Frau. Richtig, der hatte ein Schubfach. 
Und als er sich nun vor dem eleganten Möbel nieder 
ließ und den Schlüssel ins Schloß steckte, paßte er wirk 
lich und die Schublade öffnete sich. 
„Er paßt“, rief das Kind. 
Der Amtsrichter hatte nicht die Absicht, den Schreib 
tisch seiner Frau zu öffnen. Doch ein Papier hatte sich 
eingeklemmt und so mußte er die Lade ganz heraus 
ziehen. Tat es langsam, erblaßte plötzlich und so stark, 
daß sein Gesicht wie das eines Sterbenden erschien und 
sah mit glanzlosen, erweiterten Augen auf das Papier, 
auf drei Worte in einer fremden, männlichen Hand 
schrift: „Meine süße Geliebte!“ 
„Was ist denn?“ dachte er. Faßte das Papier an, be 
gann zu lesen .... es war ein Liebesbrief an seine Frau! 
Da griff er auch schon hinein in den Wust von Briefen, 
riß sie auseinander, las: „Mein kleines Lieschen, 
Meine angebetete Kleine!“ . . . stierte auf Worte: „ich 
liebe Dich“ . . . „unzählige Küsse!“ . . . fand Namen 
„Paul .... Otto!“ und sah dies alles im Bruchteil einer 
Minute. 
Es waren unzählige Briefe. Ein Offizier schrieb „mein 
Engel“ an seine blonde Frau, ein Student dichtete 
schwüle Strophen an ihr helles Haar, ein anderer er 
innerte an ein Rendezvous, und aus all den weißen 
Blättern stieg der betäubende Duft unzähliger, rasender 
Stunden, die Glut maßloser Umarmungen, und die Feuer 
stürmischen Gefühls. 
Er las sie und konnte zuletzt nicht mehr weiterlesen. 
Die ganze Lade war voller Briefe, voller Beweise unauf 
hörlichen, fortgesetzten Ehebruchs. Seine Hände griffen 
ihn, seine Augen sahen ihn, er hörte die Seufzer und ver 
nahm die Küsse aus den hingestammelten Zeilen. Und 
während das Kind weinend und erschreckt an seinem 
Ärmel zupfte, ließ er den Kopf sinken und warf sich 
schluchzend vornüber, mitten in die Briefe und vor das 
Bild seiner Frau, aus dem ihre sanften, reinen Augen 
geradezu in das fleckenlose Hell der Sonne blickten. 
• *■ 
Tanzstudie Dr. Grunenberg
        
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