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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nr 2 
Jaßrg. 2S 
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„Die junge Sonne, die aus dem feuchten Morgen hinter 
meinen Gärten steigt und das sanfte Abendrot, das in 
den Schilden meiner Wachen sich spiegelt, ist nicht so 
schön wie du, griechisches Mädchen. Der Quell des 
Skamander, an dem deine Vorfahren um eurer Gaue 
herrlichstes Weib kämpften, ist nicht so klar wie der 
Blick deiner Augen, und der Duft der Blumen ist nicht so 
süß und berauschend, wie der deines Haares.“ 
Mento wollte nicht glauben, daß alles dies Wahrheit 
sei. In gläubiger Unschuld lehnte sie ihren Kopf gegen 
die Schulter des Geliebten und alle Trauer schwand aus 
ihrem Leben. Sie hatte kein Verlangen mehr nach Frei 
heit und Ungebundenheit, sie wollte ewig Sklavin sein. 
Zögernd wichen die letzten Schatten aus dem Palast. 
In den Gärten blinkte der Tau. Ein großer, hagerer 
Mann, der in einen weiten, schwarzen Umhang gehüllt 
war, schlich durch die Gänge. Ein Perlenvorhang 
rasselte. Mento trat leise heraus. Sie breitete die Arme 
der aufgehenden Sonne zu. Der erwachende Morgen 
küßte ihre Brust. Ihre Augen schauten groß und 
träumerisch. 
„Daraja wahusch!“ 
In diesem leisen, aufseufzenden Ruf lag tiefste Innige 
keit, lag Angst vor dem Verlust des Geliebten. Könige 
haben Launen und Sklavinnen mußten gehorchen. Aber 
sie wollte Sklavin bleiben, eine Freiheit ohne Liebe 
konnte ihr nichts bedeuten. 
„Darajawahusch!“ 
Eine rauhe Hand faßte ihr Gelenk. Erschrocken fuhr 
Mento herum, sah ihren Herrn. Sein Blick bannte sie. 
Der schöne Traum zerfloß, 
„Hier ist ein Pulver! Wenn der König trinkt, schüttest 
du dies Pulver in den Becher.“ 
In der Sklavin regte sich langunterdrückter Trotz. Sic 
wußte, daß man sie zur Mörderin ihres Geliebten 
machen wollte. 
„Du weißt, daß dir die Freiheit winkt.“ 
„Nein! Ich tue es nicht.“ 
Smerdis war verblüfft. Daß eine Sklavin zu trotzen 
wagte, schien ihm unmöglich. Er biß sich auf die 
Lippen. Mento liebte. Diese Möglichkeit hatte er nicht 
beachtet. Aber was! Einer Sklavin Liebe! 
Der Priester setzte ihr den Dolch auf die Brust. 
„Du gehorchst!“ 
„Nein!“ schrie das Mädchen wild auf. „Töte mich!“ 
„Nicht dich! Soll ich mich meiner schönsten Sklavin 
berauben? Meine Getreuen warten. Der König wird 
sterben. Du aber wirst meine Geliebte sein.“ 
Das Mädchen schüttelte sich. Ihr Widerstand war 
gebrochen. Sie hatte nie etwas anderes als den Willen 
ihres Herrn verehren gelernt und die Grausamkeit, die 
entsetzlichen Drohungen ihres Gebieters ließen sie 
wieder die gehorsame Sklavin sein. 
Sie sank auf die Knie. 
„Befiehl, Herr, deine Sklavin gehorcht.“ 
Smerdis reichte ihr das Pulver. „Du schüttest es un 
bemerkt beim Gastmahl in des Königs Becher. Ich 
werde bei dir sein. Wehe dir, wenn du trotzest!“ 
„Ich gehorche, Herr.“ 
Vor der Schwelle des königlichen Schlafgemachs lag 
ein junges, gebrochenes Weib. Der Schimmer des 
Tages glänzte auf seinem nackten Körper. In zu- 
gekrampften Händen hielt es den Tod. 
Die Hörner schallten. Im Palaste sammelten sich die 
Gäste. Sklaven trugen mächtige Kannen, Sklavinnen 
eilten leichtfüßig durch die Scharen der lachenden 
Edlen. Von der Decke fielen Rosen herab, ein duftiger, 
farbenfroher Regen. 
Kechas stand mit geschränkten Armen am Eingang. 
Sein bleiches Antlitz war unbeweglich. Er schaute in 
den Trubel. Es zuckte um seine Mundwinkel. Der 
Priester kam nicht. Der König lag an der Tafel. An 
seiner Seite die liebliche Mento. In ihrer Hand hielt 
sie den goldenen Becher, Sie hielt den Tod, der den 
jungen Herren der Perser erwürgen sollte, mit grau 
samer, unsichtbarer Faust. Darius lachte und scherzte. 
Sklaven kamen und gossen die Becher der Gäste voll. 
Auch Mento hielt den Gotteskelch hin. Nun schäumte 
der Wein in ihm. Ihr Busen atmete heftig. Ihre Hände 
zitterten. Sie sah im Kreise umher und bemerkte den 
Priester, der in diesem Augenblick durch die Türe trat 
und neben Kechas stehen blieb. Die junge Sklavin er 
bebte. Sie sah, wie der Priester nähertrat, fühlte seinen 
Blick ihre Seele lähmen. Sie nahm das Pulver und tat es 
unter demZwang seiner Augen in den Becher. Niemand 
außer Kechas und Smerdis hatte es gesehen. Mento 
sah, wie sich das Pulver auflöste, sah Perlen, die auf- 
stiegen von dem Boden des Gefäßes und zersprangen. 
Sie wußte nicht, was sie getan hatte. Sie wußte nur, 
daß jetzt etwas Ungeheuerliches geschehen mußte. 
Ihre Hände suchten den Geliebten. Die Finger krampf- 
ten sich in seiner Tunika fest. Darius lächelte und 
nahm sie in seinen Arm. Freudig ergriff er den Becher. 
„Aus deiner Hand kredenzt, trinke ich auf die Schön 
heit und die Liebe.“ 
Hoch hielt er den blinkenden Kelch. Verwirrt und 
wie Hilfe suchend, preßte sich Mento näher an ihn. 
Der junge Herrscher suchte ihre Lippen. Nie hatte 
Mento so heiß, so verzweifelt geküßt. Ihre Finger 
krallten sich in ihren Busen. Unter den Nägeln tropfte 
rotes Blut, 
Der König setzte den Kelch an den Mund. Mento 
sah mechanisch auf den Priester und sah das 
triumphierende Blitzen seiner Augen. Sie sah, wie 
Kechas den Griff seines Dolches faßte. Sie sah, wie 
Darius trinken wollte, — da sprang sie auf mit gellen 
dem Schrei und schlug den Becher zu Boden, Klingend 
fiel er zu Boden. 
„Trinke nicht, König, der Tod, der Tod!“ 
Eiskalte Finger legten sich um ihren Hals. Zogen sich 
fester und fester zusammen. Blut spritzte aus ihrem 
Munde auf des Königs weißes Kleid. Ihre brechenden 
Augen sahen das verzerrte Gesicht des Priesters. Noch 
ein letztes Mal suchten sie den Geliebten. Aber rote 
Schleier legten sich vor ihren Blick. 
„Darajawahusch “ - 
Das letzte Bekenntnis ihrer Liebe entfloh den er 
kaltenden Lippen. 
Der König und mit ihm alle Gäste hatten starr dem 
grausigen Schauspiel zugesehen. Als Mento tot auf den 
üppigen Polstern lag, erwachte Darius wie aus einem 
schweren Traum. 
„Mörder!“ Er wollte sich dem Priester entgegen 
werfen. 
„König“, erwiderte dieser kalt, „ich habe das Recht, 
ungehorsame Sklavinnen zu töten,“ 
Da erinnerte sich der König des Ausrufs der toten 
Geliebten. 
„Aber du hast nicht das Recht, deinen König zu ver 
giften!“ 
Er riß sein Schwert aus der Scheide. Doch der 
Priester war schneller. Gewandt wich er dem Schlage 
aus und flüchtete. Schreie hallten ihm verfolgend nach. 
An des Palastes Pforte lag blutüberströmt der Mann, 
dessen wilder Ehrgeiz den Thron Persiens erstrebte und 
dessen schwarze Pläne an der Liebe einer armseligen 
Sklavin gescheitert waren. Der fliehende Smerdis war 
in die vorgestreckten Lanzen der Palastwachen gerannt. 
Der König und alle Gäste standen vor dem Toten, 
dessen Antlitz noch immer streng und unerbittlich war. 
Drinnen lag einsam der kalte Leib der schönen Sklavin 
und rote Rosen fielen unablässig von der Decke auf 
ihn herab.
        
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