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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Afr. 13 
Jaßrg, 23 
27 
wir Schritte . . der Gatte, der furchtbar eifersüchtige 
Gatte! „Mein Gatte, er wird dich töten!“ — „Was liegt 
daran? Götterlos, für die Geliebte zu sterben!“ . . „Aber 
mich bringt er auch um!“ . . . „Das ist natürlich pein 
lich, wo soll ich hin?“ — Darauf, schob mich die Dame, 
ohne ein Wort weiter zu verlieren, in dieses Zimmer 
— und hier bin ich! 
Tessy: Ja, hier sind Sie! . . Sie sind also der 
Hausfreund der Dame von nebenan? 
Herr: Nun ja, im Volksmunde pflegt man es so 
zu nennen! 
Tessy: Pfui, schämen Sie sich! 
Herr: Muß das gleich sein? 
Tessy: Männer die sich zu so etwas hergeben, 
sind verächtlich! 
Herr: Sagen Sie das nicht! Es gibt Ehegatten, die 
kein besseres Schicksal verdienen! 
Tessy (schnell): Wem sagen Sie das? . . . (Sich 
verbessernd): Ich meine, mir dürfen Sie das nicht sagen, 
ich bin selbst und zwar glücklich verheiratet! 
Herr: Schwindel! Frauen, die wirklich glücklich 
sind, erzählen’s nicht! 
Tessy: Bitte, gehen Sie! 
Herr: Mein sehnlichster Wunsch! Gnädige Frau, 
ich danke für die liebenswürdige Aufnahme! (Küßt ihr 
galant die Hand und will gehen). 
T e s s y ( schreit auf): Ha! 
Herr: Ach bitte, nicht immer schi eien, das macht 
mich nervös! 
Tessy (kläglich); Sie können ja nicht hinaus! 
Mein Mann ist fort und hat die Türe von außen zuge 
schlossen! 
Herr: Das ist sehr angenehm — das heißt, unan 
genehm für Sie! Denn jetzt müssen Sie mir noch länger 
Gastfreundschaft gewähren! 
Tessy: Das geht nicht! Ich bin ja ganz allein! 
Außerdem kommt mein Mann in zwei Stunden zurück, 
er ist wahnsinnig eifersüchtig und bringt uns beide um! 
Herr: Mich auch? Er kennt mich ja gar nicht! 
Was diese Ehemänner für ekelhafte Gewohnheiten 
haben! 
Tessy: Was machen wir bloß, was machen wir 
bloß? -— (Erleuchtet): Ich hab’s! Springen Sie aus dem 
Fenster! 
Herr (vorwurfsvoll): Aber gnädige Frau! Der 
erste Stock! Wenn ich mir was brechen würde! Ich bin 
doch noch jung! Und nett! 
Tessy (ihn mit Interesse betrachtend): Ja, nett 
sind Sie! — Aber wie kann man sich nur mit einer 
verheirateten Frau einlassen? 
Herr: Ja, sehen Sie Gnädigste — aber ich möchte 
mich gerne setzen, ich bin müde! 
Tessy (weist auf einen Stuhl, beide setzen sich.) 
Herr: Sehen Sie, gnädige Frau, so ein Hausfreund 
ist zuweilen direkt ein Glück für beide Gatten! 
Tessy: Das ist eine etwas kühne Behauptung! 
Herr: Durchaus nicht! Mann und Frau verstehen 
einander nicht mehr, beginnen sich zu hassen, zanken 
und streiten den ganzen Tag! Da schafft sich die Frau 
einen Hausfreund an, einen, der sie versteht, nun ist 
sie glücklich, vergnügt, kocht besser und wer hat den 
Vorteil davon? Der Herr Gemahl! 
Tessy (nachdenklich): Jedenfalls auch ein Ge 
sichtspunkt! 
Herr (triumphierend): Na also, sehen Sie! Ich 
bin genau genommen, eine moralische Institution! 
Tessy: Na, na, nicht übertreiben! Lieben Sie die 
Dame eigentlich? 
Herr: Natürlich liebe ich sie! 
Tessy: Ist sie hübsch? 
Herr: Ja. Aber lange nicht so hübsch wie Sie! 
Tessy: Wenn Sie so zu mir sprechen, müssen 
Sie wirklich gehen! 
Herr; Ich kann ja nicht . . . Zugesperrt! 
Tessy; Ja richtig, zugesperrt! (Beide lachen. 
Pause. Dann): Also, Sie finden mich wirklich hübscher? 
Herr: Unbedingt! Sie haben eine schönere 
Nackenlinie! 
Tessy: Was wissen Sie von meiner Nacken 
linie? 
Herr; Ich habe sie ja vorhin gesehen, als ich 
kam! Und ich interessiere mich ungemein für der 
artiges. Ich bin nämlich Naturwissenschaftler! 
Tessy (erschrocken): Um Gottes willen, mit 
Naturwissenschaftlern bin ich versehen! Die reden 
immerzu vom alten Plato! Was halten Sie von diesem 
Plato? 
Herr: Er war ein Idiot! 
Tessy: Ganz meine Meinung! . . . Was machen 
wir jetzt? 
Herr: Haben Sie ein Mah-Yongspiel? 
Tessy: Nein! 
Herr: Dann geben Sie mir einen Kuß! 
Tessy (aufspringend); Sie sind verrückt! 
Herr: Wenn verliebt sein, verrückt sein bedeutet, 
dann bin ich verrückt! Gnädige Frau, der Zufall hat 
uns zusammengeführt, er wollte also, daß wir Zusam 
menkommen — desavouieren wir den Zufall nicht! Wir 
haben beide warme Herzen, außerdem ist der Lenz da, 
wie Sie vorhin mit mächtiger Stimme konstatierten — 
darum, liebe schöne Frau — wie heißen Sie eigentlich? 
Tessy: Tessy! 
Herr : Tessy? Mein Lieblingsname! Tessy, geben 
Sie mir einen Kuß — damit der Plato zerspringt! (Man 
hört draußen ein Geräusch). 
Tessy (erschrocken): Gerechter Himmel, mein 
Mann! Eben hat er draußen aufgeschlossen! 
Herr; Ein taktloser Mann! 
Tessy: Rasch zurück ins Zimmer nebenan! 
Herr; Ausgeschlossen — ich lasse mich lieber 
hier töten! Hier ist’s gemütlicher! 
Tessy; Kriechen Sie wenigstens unter den Diwan! 
Herr: Ich war nie ein Kriecher! 
Tessy: Los, rasch, rasch! 
Herr: Also schön, kriechen wir! 
Tessy: Wenn mein Mann schlafen geht, lasse ich 
Sie hinaus! 
Herr (unter den Diwan kriechend): Auf fröhliches 
Wiedersehen! (Verschwindet). 
Tessy: Sie müssen ganz stille sein! (Schlägt mit 
der Hand auf den Diwan, wirft sich darauf und schließt 
die Augen). 
Herr: Bitte nicht, es staubt! 
Dritte Szene, 
Vorige, Mühesam. 
Mühesam( kommt leise von links und nähert 
sich dem Diwan): Sie ist auf dem Diwan eingeschlafen! 
(Bleibt, in ihre Betrachtung versunken, stehen): Diese 
regelmäßigen Atemzüge! — Häckel hat recht: Die 
Atemzüge eines jungen Weibes gleichen denen der 
Giraffe! (Streichelt ihren Kopf): Interessante Schädel 
bildung! Erinnert an ein Gnu! 
Tessy (schlägt die Augen auf): Du bist es schon? 
Was ist’s mit dem Liebesieben der Maikäfer? 
Mühesam; Ich sah mich bemüßigt, den Vortrag 
abzusagen, da nur ein Hörer erschienen war. 
T e s s y (aufstehend): Aber jetzt wirst du müde 
sein und dich in dein Schlafzimmer zurückziehen 
wollen? 
Mühesam: Nein, mein Kind! Ich will mich hier 
auf dem Divan ein wenig ausstrecken und ein wenig 
mit dir plaudern! (Legt sich auf den Diwan und gähnt); 
Ich muß gestehen — auch ich kann mich dem Einflüsse 
des Lenzes nicht entziehen. Komm, setz dich zu mir! 
. . . Schoppenhauer sagt: — (schläft ein). 
T e s s y ; Gott sei Dank, er schlummert! (Leise zum 
Herrn): Sie, kommen Sie raus!
        
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