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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nr. 18 
Jaßrg. 28 
12 
liefen hin: meine Braut lag ohnmächtig neben dem 
geöffneten Korbe .... 
Da rannte ich wie gehetzt nach Hause, durchlief 
meine Wohnung wie eine rächende Feuerkugel, er 
griff den Blumentopf meiner Tante und schleuderte 
ihn mit aller Kraft wütend auf den Fußboden. Dann 
trampelte ich, ebenfalls aus Leibeskräften, auf der 
dicken Pflanze, die er enthielt, herum. 
Und nun begriff ich endlich, weshalb er all’ meiner 
Pflege gegenüber gefühllos geblieben war. Seine 
Zusammensetzung war; Eisendraht, Pappe, Gummi 
und andere Substanzen, die von keinem Pferdedung 
der Welt hätten verbessert werden können. 
Meine Tante hatte ganz einfach eine künstliche 
Blume geschenkt erhalten. 
Aber nichtsdestoweniger wurde ich enterbt, und 
meine Verlobung aufgehoben. 
Ursula Hausners Höllenfahrt 
HEINZ SCHÄRPE 
a lag nun Ursula Hausner, das frumbe 
Mägdelein, und weinte und betete und fror 
ganz jämmerlich. 
Der Nachtwind pfiff um den schiefen 
Hexenturm ein gar schaurig Lied, als 
rüttelten die bösen Geister der Hölle an 
den armdicken Gitterstäben, hinter denen 
menschliches Leid und irdische Pein zum 
Himmel aufschrien. Aber der Rumor- 
knecht Yeith Andreas hatte ein gar steinern Herz, war 
er doch mit den hochedlen Herren Dominikanern und 
Professoren der Theologie, Heinrich Greiner und 
Johann Sprenger, die Papst Innozenz XIII. ausgesandt, 
durch ganz Deutschland gereist, um ein wenig Ordnung 
in die Malefizgerichte zu bringen, so gegen gemeine 
Hexerei und Zauberei angewendet worden. 
Der hatte ganz andere Liedlein pfeifen und quinku- 
lieren gehört! So in Straßburg, allwo sie den glühenden 
Bleiguß anwendeten auf eine ganz neue besondere Art; 
oder in der schönen Stadt Münster, wo man die Haut 
an den Fußsohlen mit heißen Zangen wegzog; nicht zu 
vergleichen in Mühldorf, da man etzliche Weiblein mit 
einem Schmiedebalg aufblies, bis sie platzten, wobei es 
einen lustigen Knall tat. 
Was konnte einem solch erfahrenen Meister Auweh 
und ersten Rumorknecht der bischöflichen Stadt Bam 
berg in Oberfranken ein armselig Hexlein lang trotzen? 
Wird ihm schon warm werden um das verbuhlte Herz. 
Wird ihm schon das Beten vergehen und der Trotz! — 
Veith Andreas studierte. — Das war eine Verstockte, 
die Ursel Hausnerin, da mußte man was Besonderes an 
wenden. Vielleicht könnte man was kombinieren aus 
dem Straßburger- und Mühldorfer Traktätlein. Hähä! 
Ja, er war auf dem richtigen Wege. 
Weil ihm aber das Heulen und Zähneknirschen der 
widerspenstigen Hexe in seinen Vorbereitungen störte 
und er sie am Morgen frisch und gesund bei der pein 
lichen Frage haben wollte, warf er ihr eine Pferdedecke 
über und hieß sie schweigen. 
Ursula Hausner war beim Bischof von Bamberg von 
der Mesnerin Barbara Zink des Umgangs mit dem 
t t t Teufel angeklagt. Wohl schaute bei dieser Nach 
richt der gestrenge Kirchenfürst betroffen auf; kannte 
er doch die Ursel, das flinke Ding, war er ihrer ver 
meintlichen unschuldigen Jugend sogar vom Herzen zu 
getan. War denn die ganze Welt schon dem höllischen 
Verführer verfallen? 
„Mesnerin“, sprach er finster, „so Gott will, daß sie 
eine Hexe ist, wird sie bekennen.“ Er befahl schnellen 
Prozeß. 
Noch am gleichen Abend pochte Veith Andreas an 
die Tür des Tuchwebers Hausner und holte dessen 
Tochter. 
Die Hausbewohner ballten die Fäuste hinter ihr her, 
die Mütter verfluchte sie, der Vater schalt sie eine 
Teufelsdirne und räucherte das Haus hinter ihr. 
Dann ummauerte sie der Hexen türm: Meister Auweh 
hatte seinen Bannfluch über sie gesprochen. 
Wie nun der Morgen zu grauen anfing und Ursula 
gerade in Tränen ein wenig entschlummert war, weckte 
sie die rauhe Stimme des Rumorknechts. 
„Steh auf, Hexweib!“ herrschte er sie an, „deine Zeit 
ist kummen!“ Und er riß sie mit roher Faust von ihrem 
Lager, stieß sie auf den dunklen Gang hinaus und 
schleppte sie in die Peinkammer. 
Da schrie Ursula auf. 
„Veith, hab’ Erbarmen, ich han nie was Schlecht’s 
getan. Bin immer fleißig in die Kirch’, Veith, nit pei 
nigen. Gelt, nit peinigen! Lieber gleich verbrennen 
sein!“ 
Und plötzlich riß sie sich los und griff nach dem 
langen Spieß des Knechtes. Aber darauf war Andreas 
versehen. 
Wie ein Fischlein fing er das zappelnde Menschenkind 
und band ihm die Hände hinter dem Rücken zusammen. 
„Hexiein“, warnte er, „Hexlein, mußt nit so unguet 
sein, sonst kann ich dir nit christlich ankommen. Mach 
mir keine Schand vor den Herren, denk lieber an deine 
arme SeeF.“ Mit diesen Worten schnitt er ihr schönes 
braunes Haar ab. 
Ursula versuchte noch weiter sich zu wehren; wie 
eine Ertrinkende bäumte sie sich auf. Dann aber schloß 
sie die Augen vor Scham und Ermattung. Sie wartete 
zitternd, daß nun etwas Schreckliches kommen würde, 
und ihr junger Leib bebte in Angst und Abwehr. 
Aber Veith Andreas kümmerte sich nicht mehr um 
sie. 
Er pfiff eines hin, blies dann lustig ein Feuer an und 
untersuchte den Blasbalg. 
Noch war er unentschieden, ob er dem Gerichte das 
Münsterer, das Straßburger oder das Mühldorfer Rezept 
vor Augen führen sollte. 
Bald darauf traten die drei hochweisen Stadträte und 
Herren Balthasar Pfisterer, Simon Stanzer und Heinrich 
Weckerling mit dem Stadtschreiber ein und setzten sich 
auf die Richtbank. Nach ihnen erschien der junge 
Herr Kunrad von Möllendorf in Vertretung des Bischofs, 
als kirchlicher Beisitzer. 
Ursula Hausner war trotz Not und Jammer gar lieb 
lich anzusehen. Wie eine Knospe im Maien! meinte Herr 
Heinrich von Weckerling. 
Wie ein rosiges Blatt aus des Teufels Unkraut! grinste 
der Schreiber. 
Die Herren Pfisterer und Stanzer aber sagten gar 
nichts, sondern traten nur näher an die schöne Sün 
derin heran. 
Die Frage des ersten Stadtrates kam denn auch gar 
nicht drohend aus seinem Munde: „Seid ihr geständig, 
Jungfer Ursula, daß ihr mit dem Teufel Umgang ge 
pflogen? So in der Nacht auf Lichtmessen, wo ihr vor 
der Mesnerin Augen durch den Rauchfang gefahren, 
und in der Nacht auf Maria Empfängnis, allwo in eurer
        
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