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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jahrg. 23 
Nr 18 
10 
Eine seltene Pflanze 
BERNHARD GERVAISE {PARIS) 
ls ich erst sieben oder acht Jahre 
zählte, war der 20. August ein 
reizender Tag für mich: es war das 
Datum meines Geburtstages. Und 
niemals zog jener Tag herauf, ohne 
mir eines jener kleinen Geschenke 
zu bringen, die die Freundschaft 
erhalten. 
Aber alles vergeht. Und von Jahr 
zu Jahr erschienen auch die Geschenke immer seltener, 
um dann endlich gänzlich zu verschwinden. Und nun 
ist der 20. August schon viele Jahre für mich ein Tag 
geworden, der jedem anderen gleicht: ich entzog ihm 
daher meine Freundschaft. 
So war mein Erstaunen nicht wenig groß, als meine 
Tante Julie, einen Blumentopf an ihr Herz gedrückt, 
mir im vergangenen Jahre zu meinem Geburtstag 
gratulieren kam. 
Meine Tante Julie hat einen Vorzug: sie ist meine 
Erbtante. Als Gegengewicht hat sie alle nur erdenk 
lichen Fehler: sie ist sonderlich, egoistisch, geizig und 
bedient sich ihrer Erbschaft, um mich ihr gegenüber in 
Knechtschaft zu erhalten. 
Meines Wissens nach ist es nie vorgekommen, daß 
sie irgend jemand ein Geschenk gemacht hat. Dennoch 
ließ sie an jenem Tage, sobald wir einander nahe genug 
waren, ihren Blumentopf von ihrem Herzen an das 
meine gleiten, und sagte: 
„Da hast du, mein Junge, das ist für dich,“ 
Der Blumentopf war von einer feisten Pflanze be 
wohnt. Ich verabscheue dicke Pflanzen. Sie erinnern 
mich an alte, kleine, übertrieben saubere, beleibte 
Rentiersdamen, welche verweichlicht und schmerzlos 
im Schatten ihres Salons dahinleben. Dennoch rührte 
mich die unerwartete Großmut meiner Tante so sehr, 
daß ich dieses Gewächs mit aufrichtigen Kund 
gebungen meiner Freude in Empfnag nahm. Aber 
meine Tante fuhr in ihrer Rede fort: 
„Du siehst, daß es eine außerordentlich seltene 
Pflanze ist, es ist ein “ (worauf ein hochtraben 
der lateinischer Name folgte, den zu behalten ich mir 
nicht die Mühe nahm), „ich habe sie vor einigen Tagen 
selbst geschenkt bekommen, aber ich kann sie nicht 
bei mir behalten, weil sie in meiner Parterrewohnung 
anscheinend nicht genug Licht und Luft hat. Da habe 
ich an dich gedacht. . . . Aber du mußt sie auch sorg 
fältig pflegen.“ 
Es folgten eine Unmenge Anweisungen. Die 
war sehr zart, — sie brauchte Hitze, jedoch nicht zu 
viel, Luft, aber auch nicht zuviel. Es war unumgänglich 
nötig, sie dreimal täglich, zu einer bestimmten Stunde, 
zu begießen, mit lauwarmem Wasser im Winter, mit 
kühlem im Sommer. Und außerdem müßte ich genau 
auf die Witterungsumschläge achten, denn die .... . 
erkältete sich im Handumdrehen. 
Meine Tante rechnete auf meine Fürsorge. Sie würde 
übrigens darüber wachen, und ich würde von nun an 
häufig auf ihren Besuch zu zählen haben. 
Da erst ward mir ihre Absicht klar. Und ich staunte 
nicht mehr über ihr Geschenk. Meine Tante gab ihre 
garstige, feiste Pflanze einfach zu mir in Pension. 
Ich sollte ihr Manager, ihr Pflegevater, ihre 
Amme sein. 
Da meine Erbtante sehr bald hatte durchblicken 
lassen, daß ihre Gunst von dem Gedeihen der Pflanze 
abhinge, so lebte ich in beständiger Todesangst. 
Allmorgendlich beugte mich die Berechnung der 
atmosphärischen Möglichkeiten lange Zeit hindurch 
über das Barometer hinab. Es handelte sich ja für 
mich darum, zu wissen, ob die Witterung schön genug 
war, um die ins Freie stellen zu können. Wenn 
meine Voraussicht des Wetters eine falsche war, so 
wurde dieses für mich zu einem wahren Unstern: ich 
mußte meine Geschäfte, meine Vergnügungen, meine 
Freunde im Stich lassen und der dicken Pflanze zu 
Hilfe eilen, damit sie nicht das Opfer einer un 
erwarteten Kältewelle würde. Das Begießen zur be 
stimmten Stunde war mir gleichfalls eine unerträgliche 
Tyrannei. Es verdarb meine Freuden, es vernichtete 
meine Nachmittagsschoppen, — aber gerade diese Be 
wässerung trug wohl am wesentlichsten zu ihrem Ge 
deihen bei. Und so war es nicht die Pflanze, sondern 
die Erbschaft meiner Tante, welche ich begoß. 
Mit einem Worte, ich enfaltete Wochen und Wochen 
hindurch soviel Fürsorge und soviel Pflege, daß sicher 
lich schon die Hälfte genügt hätte, um ein Holzpflaster 
wieder zum Grünen zu bringen. Aber dieser Dumm 
kopf von einer feisten Pflanze schien das durchaus 
nicht zu beachten. Im Gegenteil. Auf mein Ehrenwort! 
Sie magerte ab. 
Meine Tante bemerkte es und begann mich mit arg 
wöhnischer Miene zu betrachten. Bei jeder ihrer 
Visiten mußte ich ihre Ratschläge von neuem über mich 
ergehen lassen. 
„Begießt du sie regelmäßig? . . . Du weißt, die Abende 
sind bereits kühl, du müßtest ein wenig Feuer machen.“ 
Aber weder mein Begießen noch die flammenden 
Holzscheite gaben der dicken Pflanze ihr Embonpoint 
wieder. Da stieg die Tante bis zum Grunde ihrer land 
wirtschaftlichen Erinnerungen herab. Sie kam mit den 
seltsamsten Züchtversuchen wieder an die Oberfläche. 
Und nun roch meine Wohnung wechselweise nach 
Dung, nach Guano, nach phosphorsauren Salzen, nach 
Nikotin und einer Menge anderer Dinge Aber die 
* * * hörte darum doch nicht auf, zusammenzu 
schrumpfen. 
Eines Tages sprach meine Tante zu mir: 
„Sieh mal, für diese Pflanzen gibt es noch ein vor 
zügliches Mittel, das allerbeste: Pferdemist. Du mußt 
durchaus Pferdemist in die Erde bringen.“ 
„Aber liebste Tante“, warf ich ein, wo in aller Welt 
soll ich denn Pferdemist herbekommen?“ 
Meine Tante war geradezu bewundernswert in ihrer 
Einfachheit, mit welcher sie mir in den sanftesten 
Tönen antwortete: 
„Von der Straße natürlich!“ 
Natürlich widersprach ich aus Leibeskräften. Ich 
schwor, daß ich niemals etwas ähnliches von der Straße 
aufheben würde. Aber ich tat unrecht daran, zu 
schwören. Meine Tante kam mich jetzt täglich be 
suchen. Und alle Tage hörte ich sie wiederholen: 
„Hast du dir Pferdemist besorgt? ... Du mußt ihn 
dir durchaus verschaffen . . . Ach, der gnädige Herr 
fürchtet dabei gesehen zu werden . . . Der junge Herr 
ist ein bißchen eingebildet . . . Zu meiner Zeit waren 
junge Leute . . .“ 
So daß ich eines Abends, als die Dunkelheit schon 
tief gesunken war, mit einem Korbe, der die Farbe des 
Maueranstriches hatte, heimlich auf die Suche nach 
jenen kleinen Kügelchen ausging, die von den Pferden 
auf öffentlichen Wegen vergessen werden. 
Aber das ist schwerer als man glauben möchte. Der 
Automobilismus hat die Schwierigkeit dieses Vorhabens 
wirklich außerordentlich gesteigert. Ich mußte einen 
langen Marsch machen, bevor ich das Gesuchte sah, 
und mußte dann noch zwei oder drei Gelegenheiten
        
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