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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jafirg. 28 
Nr. 18 
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aus seinen Augen. Ohne daß ein Wort gesprochen war, 
wußte Karl sofort, was in jenem vorging. Und es ent 
spann sich in der lautlosen Stille da oben, mit der ganzen 
Leidenschaft, die der Wille zum Leben ihnen gab, ein 
erbitterter Kampf in den Lüften. Die Maschine 
stampfte und raste, daß das Flugzeug sich bog, bis die 
beiden, die Hände ineinander verkrampft, mit einem 
gellenden Schrei, den niemand hörte, kopfüber in den 
See stürzten, dessen giftgrüne Wellen die beiden Leiber 
gierig verschluckten. 
Eine vieltausendköpfige Menge erwartete auf dem 
Flugplatz die Rückkehr der beiden Sieger, mit leuch 
tenden Augen stand Ingrid inmitten der Menschen und 
hielt Blumen in den Händen, Flieder und Rosen für die 
beiden, die zurückkommen sollten. Die Herren hielten 
Krimstecher und beobachteten das Flugfeld, welches die 
beiden durchfliegen mußten, um die Geschwindigkeit 
zu prüfen. Ingrid scherzte und lachte, jeden Augenblick 
mußte der Gatte zurückkommen, als Sieger umjubelt, 
und an seiner Seite stand schlank und strahlend er, auf 
den ein heller Strahl des Ruhmes fiel, und der der stete 
Begleiter des Freundes bei allen Flügen auf Leben und 
Tod gewesen war. „Das Spiel mit dem Tode“, hatte 
sie diese Flüge lachend getauft, sie glaubte an die Un 
besiegbarkeit ihres Gatten wie an etwas Heiliges. 
Noch sah man den „Sonnenvogel“ in blauer Ferne 
schweben wie ein Wahrzeichen von Kraft und Menschen 
macht, welche die Elemente bezwang. Ingrid nahm 
einem Herrn das Fernglas aus der Hand, um dem Flug 
der beiden Menschen mit verschärften Augen zu folgen, 
da zitterte plötzlich ihre Hand, ihre Augen weiteten 
sich vor Entsetzen, und mit einem gellenden Schrei sank 
sie zu Boden, sie hatte durch das Glas den Sturz aus 
dem Flugzeug und das Aufschlagen zweier ineinander 
verkrallter Körper auf den See bemerkt. 
Mehrere hatten durch ihre Krimstecher den entsetz 
lichen Vorgang verfolgt, Entsetzensschreie wurden laut, 
Autos wurden angekurbelt und rasten zur Unglücks 
stelle, jedoch der See lag still und ruhig da, giftgrün 
schlugen seine Wellen hart an das Ufer. Niemand er 
spähte das Geheimnis, und der „Sonnenvogel“ stand 
führerlos steil über dem See im grellen Sonnenlicht. 
Sein erstes Abenteuer 
ROBERT MAGILL 
r war noch sehr jung, schlank und un- 
ausgereift, trug einen fertig gekauften 
Anzug und einen Schlips von so 
blanker Seide, daß sich die 'Straßen 
laternen in ihm spiegelten. Er hatte 
- an diesem Tage 100 Mark beim 
Rennen gewonnen und wollte das 
Leben kennen lernen. 
Bis jetzt hatte er noch nicht viel von dem gesehen, 
was man „Leben“ nennt. Nachdem er in drei Bars ge 
wesen war und mehrere Dämchen mit Getränken 
traktiert hatte, die ihn dafür mit Verachtung behan 
delten, war er enttäuscht. Aber irgend etwas ließ ihn 
bei seinem Vorhaben beharren. 
Schließlich faßte er Mut, und mit einem Kopf, der ihm 
fast zersprang, und verquollenen Augen, müde vom 
Herumbummeln in der Menschenmenge, schlich er sich, 
nachdem er mehrmals in der Eingangstür vorüberge 
gangen war und sich dann am Portier vorbeigedrückt 
hatte, die Treppen hinauf zur „Roten Mühle“. 
Ihm gegenüber saß eine Dame am Tisch. Er fand, daß 
es das schönste Geschöpf war, das er je gesehen hatte, 
da sich seine Erfahrungen bis dahin nur auf bleich 
süchtige Fabrikmädchen erstreckten. Dieses reizende 
Wesen hatte schwarzes Haar, das bei wechselnder Be 
leuchtung bläulich schimmerte, kohlschwarze Augen, die 
die blendend weiße Haut düster überstrahlten, und eine 
Reihe prachtvoller Zähne. Sie faszinierte unseren 
armen, kleinen Freund wie eine Schlange ein Kaninchen. 
Nach einer Weile sagte er schüchtern: „Nun, Lieb 
chen?“ 
Er hatte eine dunkle Vorstellung, daß das die richtige 
Art war anzufangen. 
„Nun?“ sagte sie; 
Er war noch mehr aus der Fassung gebracht (wenn 
das noch möglich war), als er merkte, daß er alle 
Avancen zu machen hatte, aber er setzte sozusagen 
beide Sporen ein und ritt auf Leben und Tod. 
„Möchten Sie etwas trinken?“ sagte er. 
„Ja“, antwortete sie. „Lassen Sie mir einen Creme de 
Cacao kommen.“ 
Er hoffte, daß er ihn nicht alles Geld kosten würde, 
das er hatte, und rief mit kläglicher Nachahmung eines 
Renommisten: „Kellner, einen Creme de Cacao und 
noch einen Porter, — nein — bringen Sie zwei Creme 
de Cacao.“ 
Er sah sie verliebt an, und sie betrachtete ihn mit 
mehr Interesse. 
„Kommen Sie oft hierher?“ fragte sie ihn. 
„Nein“, sagte er. „Nicht so oft. Aber ich freue mich, 
daß ich heute abend hergekommen bin.“ 
„Weshalb?“ fragte sie. 
„Weil ich Ihnen begegnet bin“, erwiderte er. Der 
Dummkopf! 
„Also finden Sie Gefallen an mir?“ sagte die Dame. 
„Nun, Kindchen, wir sind es den Männern schuldig. 
Ihnen hin und wieder was Schönes zu zeigen. Und ich 
bin schön, nicht wahr?“ 
Entweder der Likör oder ihre Augen oder der Rauch 
oder Adams erste Krankheit hatten es ihm angetan, 
denn er konnte nur eine unverständliche Antwort 
murmeln. Aber plötzlich bat er sie, einen kleinen 
Bummel zu machen, ohne zu wissen, wie er die Sache 
anfangen sollte. Nachdem er mit ihr die Treppen wie 
im Taumel hinuntergegangen war, traten sie hinaus, und 
sie sagte: „Wo wohnen Sie?“
        
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