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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

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Jahrg. 28 
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Es entspann sich ein erbitterter Kampf in den Lüften. 
stehn, aber die Pistole, die in greifbarer Nähe lag, mit 
Kugeln für sie beide, war zu schade, die Zeit war noch 
nicht gekommen. 
Die Nacht entdeckte ihr nichts von seinem Wissen, 
sie lag in den Kissen, dicht neben ihm, lächelnd wie ein 
süßes, harmloses Kind, und lächelte im Traume. Er 
hätte sie an den Haaren reißen, und aus ihren Träumen 
aufschrecken mögen, aus diesen Träumen, die einem 
andern galten. Lange betrachtete er die Lügnerin, der 
er alles gegeben hatte, welche die tiefsten Stunden seiner 
Sehnsucht mit ihm geteilt hatte, und nun seine Erinne 
rungen besudelte. 
Und als der strahlende Morgen anbrach, ging er seinem 
in dieser Nacht gereiften Plan nach, sie sollte um den 
andern leiden, wie er heut Nacht um sie gelitten 
hatte. — 
Brausender Jubel umtoste den Aufstieg des „Sonnen 
vogels“, wie ein Strahlenkranz umglitzerten die Sonnen 
strahlen den schlanken Leib des Flugzeugs, in welchem 
die beiden Freunde den Flug zur Höhe wagten. Karl 
saß am Steuer, seine Augen erhaschten den letzten Blick 
seiner blonden Frau, welche immer kleiner und winziger 
werdend, mit dem Taschentuch ihre 
letzten Grüße winkte. Nur einen Blick 
wollte er noch in diese geliebten blauen 
Augen tun, nur einen Blick, der alle 
Pläne dieser grauenhaften Nacht um 
werf en sollte, aber ihr letzter strahlen 
der Blick grüßte den andern, der 
lächelnd und siegesgewiß die Mütze 
schwenkte. Immer höher zum Himmel 
hob sich der Sonnenvogel und plötz 
lich, immer noch lächelnd, in Gedanken 
an die Geliebte, hob Falkström den 
Blick und sah in das Gesicht des 
Freundes. Da wußte er sofort, daß ein 
Todfeind ihm gegenübersaß. Ohne daß 
ein Wort gewechselt war, ahnte Knut, 
daß Karl alles wußte, und Totenblässe 
überzog sein Gesicht. Nicht um seinet 
willen war es, daß er plötzlich zitterte, 
aber die Frau, was wurde aus Ingrid, 
wenn er nicht zurückkam. 
Aus den Augen des Freundes blitzte 
grauenvolle Entschlossenheit, seine 
Hand hielt das Steuer so fest umkrallt, 
daß die blauen Adern aus den Händen 
'heraussprangen wie Stricke. Und Knut 
fühlte es, der war jetzt Herr über Leben 
und Tod. Rasend schnell, mit höchster 
Geschwindigkeit jagte das Flugzeug 
vorwärts, immer höher, immer 
schneller, bis Karl über einem See, 
mitten über einem See, das Steuer her 
umriß, so daß die Maschine nach einem 
tollen Wirbel wie mit einem Ruck still 
stand. Atemlos starrte Knut in die un 
ermeßliche Tiefe, und wußte, es gab 
kein Entrinnen mehr. Unten das grün- 
schillernde Wasser, böse wie das Auge 
eines Tieres, gegenüber der harte Blick 
seines Todfeindes. Und nun sprach er: 
„Ich habe dir und ihr vertraut, und ihr habt mir alles 
genommen. Einer von uns beiden ist zu viel auf dieser 
Welt, und ich weiß es, das bist du. Denn ich habe hier 
noch einiges zu tun, ich will mich freuen an ihren 
Tränen, an dem Schmerz dieser Dirne, die keinen von 
uns meinte. Nicht dich, dem sie ihre Sinne schenkte, 
und nicht mich, dessen Herzblut sie trank. Mach es 
kurz, Knut, damit ich nicht zum Mörder werde!“ 
Siedend heiß überlief es Knut, als er diese mit grau 
samer Härte gesprochenen Worte hörte. In diesem 
Augenblick zog sein ganzes Leben an ihm vorüber, 
dieses Leben, das er so leicht genommen hatte, und das 
ihm so unendlich viel gegeben hatte. Er konnte noch 
nicht vom Schauplatz abtreten, er war ja so blutjung 
und lebensfroh. Und jener andre, der dort zum letzten 
entschlossen vor ihm saß, hart und streng war er gegen' 
sich und andre, erdrückend schwer war seine Härte für 
die Schmetterlingsflügel dieser Frau, die nur spielen 
wollte. Was wurde aus ihr, wenn sie jenem nun ausge 
liefert wurde, ohne zu ahnen, daß sein Leben wertvoller 
war als dasjenige des Mannes, der niemand etwas war. 
Ein wahnsinniger Lebenshunger packte ihn und fieberte
        
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