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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nr. !7 
Jahrg. 28 
23 
schwachen, geduldigen Gatten entwickelte er sich zu 
einem rechthaberischen Tyrannen, und Ella, die bisher 
noch aus Gutmütigkeit und Dankbarkeit Rücksichten 
genommen hatte, ließ nun ihrem Leichtsinn die Zügel 
schießen. Und wäre es noch Liebe gewesen, die sie 
dem kecken, eleganten Ingenieur in die Arme führte. 
Aber nein. Langeweile war es und Eitelkeit und der 
Hunger ihrer jungen glühenden Sinne. Und dem 
Ingenieur folgte ein Attache, ein Rechtsanwalt . . . . 
Frau Ella Felser war eine jener mondänen Damen ge 
worden, deren Bekanntschaft man wohl sucht, die man 
aber nicht der eigenen Frau vorstellt. .. Alle wußten es, 
alle steckten tuschelnd die Köpfe zusammen, wenn Ella, 
stets auffällig nach der neuesten Mode gekleidet,. er 
schien, nur einer wußte es nicht oder wollte es nicht 
wissen, Ludwig Felser. 
Da kehrte er eines Abends müde von der an 
gespannten Arbeit nach Hause zurück, anstatt, wie ur 
sprünglich beabsichtigt, einem Vortrag beizuwohnen. 
Vorsichtig tastete er sich durch die im Dämmerlicht 
liegenden Zimmer nach dem Salon und öffnete die Tür. 
Ein Klirren, zwei dunkle Gestalten springen in die 
Höhe. Eine Sekunde später flammt das elektrische 
Licht auf. 
„Ach, du bist es, Ludwig . . . wie du uns erschreckt 
hast. Die Herren gestatten: mein Mann ... Herr 
Doktor Meister.“ 
Verbindlich lächelnd verbeugt sich Ludwig, dann 
bückt er sich zur Erde und sammelt einige Scherben 
auf. 
„Der schöne Tafelaufsatz wenn meine Mutter 
es erfährt . . . .“ 
DER GEFOPPTE 
LOUIS ROUBAUD 
ie gnädige Frau kann nicht mehr lange aus- 
bleiben .... Würden Herr Pierre und Herr 
God sie hier erwarten und ein Glas Tee an 
nehmen?“ 
Die beiden sorgfältig rasierten Jünglinge 
waren soeben ins Leben getreten. Ihr gekünsteltes 
Wesen fügte sich diesem kostbaren, aber mit Aller- 
weltsgeschmack ausgestatteten Boudoir ein. Auf einem 
zierlichen Tischchen stand ein Teller mit winzig kleinen 
Näschereien bereit. 
Frau Batelier, die Bewohnerin dieses Heims, hatte sie 
zuerst mit einem Lächeln am Verkaufsstand eines 
Wohltätigkeitsfestes, und bald darauf mit großer Ver 
traulichkeit in ihrer Parterrewohnung ausgezeichnet. 
Ihre Gönnerschaft erfüllte sie beide mit höchstem Ent 
zücken. Oft vereinte die vielsagende Dämmerstunde sie 
alle drei in diesem köstlichen Allerheiligsten zu dem 
beunruhigenden Ritus einer unbestimmten Plauderei, 
in welcher die Worte ihren wahren Sinn verloren und 
die Bewegungen den Charakter eines Geheimnisses an- 
nahmen. Sie kosteten dann den vollen Reiz halber Ge 
ständnisse, gefährlicher Neckereien und vertraulicher 
Mitteilungen aus. Frau Batelier war nicht Witwe und 
hatte keinen Gatten. 
God zog eine Zigarette aus einem Etui und Pierre 
faßte mit zwei, des Handschuhs entblößten Fingern 
nach einer gezuckerten Frucht. Sie kämpften gegen das 
Schweigen an, irgend eine peinliche Empfindung trennte 
sie voneinnader, sie litten zusammen und wußten selbst 
nicht warum. Pierre nahm das Wort; 
„Einer von uns ist hier nicht mehr am Platze.“ 
„Welcher?“ 
Pierre wollte seinen Gegner mit Schonung behandeln. 
„Ich hätte schon früher mit dir sprechen müssen . . • 
Du darfst dich in Frau Batelier nicht verlieben.“ 
„Weshalb?“ 
„Weil . . . weil ich sie liebe . . .!“ 
„Das ist doch kein Grund.“ 
Pierre empfand gleichzeitig Stolz und Kummer, er 
wollte einen Sieg über seinen Freund davontragen, ihn 
ein wenig treffen und bemitleidete ihn: 
„Mein armer God . . . Der Zufall hat gewollt . . . 
kurz und gut, sie hat mich gewählt.“ 
God ließ die silbern schimmernde Asche seiner Zi 
garette in eine Untertasse fallen und verweigerte ihm 
den Gefallen einer Erregung. 
„Was weißt du davon?“ 
Pierre zögerte: 
„Dinge . . . sehr bezeichnende . . . endlich, ich bin 
dessen ganz gewiß.“ 
Der andere zuckte die Schultern: 
„Das ist komisch.“ 
„Du glaubst mir nicht?“ 
„Nein.“ 
„Dennoch . . . .“ 
God fiel ihm mit gönnerhaftem Ton in die Rede: 
„Beharre doch nicht darauf ... es ist wirklich besser.“ 
Sie fühlten sich plötzlich als Feinde. Pierre, der 
seinem Nebenbuhler den letzten Streich zu versetzen 
wagte, schleuderte ihm die Wahrheit ins Gesicht: 
„Sie ist meine Geliebte!“ 
„Du lügst!“ 
Der Sieger brachte seinen Gegner zur Strecke. 
„Ich schwöre es dir.“ 
„Es ist ein falscher Schwur!“ 
„Auf unsere Freundschaft . . . ich schwöre es dir!“ 
God blieb starren Blickes, in dumpfem Schmerze, auf 
recht stehen. Sein Leid teilte sich Pierre mit, der sich 
ob solcher Grausamkeit zu schämen begann. Er emp 
fand, daß ein Glück bei der Todespein anderer zer 
schmilzt, und daß unter jeder Freude der Gewissens 
biß brütet. Und brüderlich näherte er sich dem ent 
täuschten Verliebten: 
„Verzeih mir ... So sehr liebtest du sie?“ 
God schien aus einem Traume zu erwachen. Mit 
weit ausholender Bewegung nahm er die Zimmerdecke 
zum Zeugen und murmelte; 
„Es ist gut! . . . Doch nein ... es ist unmöglich!“ 
Pierre machte von seiner Barmherzigkeit ausgiebig,- 
sten Gebrauch: w 
„So sehr liebtest du sie?“ 
Der andere bohrte seine Augen in die seines 
Freundes: 
„Ob ich sie liebte! Höre . . . ich lüge nicht, ich kann 
in dieser Minute nicht lügen . . . Nun denn, ich bin ihr 
Geliebter! 
Er schrie es mehrere Male wie eine Gotteslästerung 
hinaus: 
„Ich bin ihr Geliebter . . . ich bin ihr Geliebter!“ 
Bevor Pierre noch Zeit gehabt, ihn zur Zurücknahme 
dieser Infamie aufzufordern, hatte Frau Batelier die 
Türe geöffnet und die ganze Ausdehnung des Unheils 
ermessen. 
Leichtsinnig, aus Seichtheiten zusammengesetzt, mit 
dem festen Vorsatz zum Glücke, bot sie dem Beschauer 
den reizenden Anblick ihres aus einem Pelzkragen auf 
ragenden, mit feschem Hütchen geschmückten Kopfes, 
des Reizes ihrer erstaunten Augen, der Ironie ihres 
kurzen Näschens und der rosigen Grübchen, und des
        
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