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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jahrg. 28 
Nr. 17 
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Die Tänzerin Barberina 
ADOLF SCHMIEGER (WIEN) 
rn 8. Mai 1744 hielt in Berlin vor einem altertüm- 
liehen Hause der „Rue de Palais“ eine mit Staub 
/ \ bedeckte Reisekutsche, der zwei Damen, die 
L JKeine jung, schlank und hoch gewachsen, die 
andere sich den Fünfzigern nähernd und behäbig, sowie 
ein Mann in vorgerückten Jahren, der Haushofmeister 
des Grafen Dohna, namens Mayer, entstiegen. Die 
zerknitterten Kleider der beiden Frauen zeugten von 
langer Reise, die vergrämten Züge der jüngeren 
sprachen von durchwachten Nächten, die Spuren ge 
flossener Tränen waren auf ihren Wangen sichtbar, 
während die ältere durchaus nicht niedergeschlagen 
schien. Der Bediente hatte das Tor des Hauses rasch 
geöffnet, die leiden Frauen stiegen die enge Wendel 
treppe hinan, ohne sich nach dem beim Wagen ver 
bliebenen Hatshofmeister auch nur umzusehen. Im 
zweiten Stockwerke hatte eine nett aussehende 
Kammerjungfe bei der Türe einer Wohnung gewartet, 
in die die beden Frauen nun eintraten. Die ältere, 
durch das Stifgensteigen fast außer Atem, ließ sich in 
einen bereitsthenden Lehnstuhl fallen, während die 
jüngere am Förster stehen blieb und zornig hinab auf 
die belebte äraße blickte. „Verdammt", rief sie in 
italienischer Sprache, „verdammt sei der König, der 
mich durch sine Schergen hierherschleppen ließ, der 
mir befiehlt, laß ich in Berlin tanzen müsse, während 
mein Herz be dem weilt, der der Inhalt meines Lebens 
ist. Mein Sturt ..." — Sie konnte nicht weiter, denn 
Tränen ersticken ihre Stimme. 
So zog die Tänzerin Barberina in Berlin ein, der 
Stadt, die der Ruhm Barberinas ins Ungemessene ver 
mehren und enen König ihr zu Füßen sehen sollte. Nie 
mals vorher atte sich Ähnliches ereignet. Die Schau 
spielerin Adienne Lecouvreur hatte den Marschall 
Moritz von Schsen in ihre Bande geschlagen, aber was 
war sie im Vergleiche zu der Tänzerin Barberina 
Campanini, de den größten Fürsten ihrer Zeit gewann. 
Schon die Ttsache, daß Friedrich der Große, weder 
vorher noch nachher, seine Neigung einer weiblichen 
Person zuwndte, genügte, um den Versuch, den 
Namen Barbrinas und ihre Geschichte der Nachwelt 
wieder in Ertmerung zu bringen, zu rechtfertigen. 
Barberina Jampanini wurde in Parma im Jahre 1721 
geboren. Di Eltern, einfache Leute, bestimmten ihre 
Tochter sch<n als Kind zur Tänzerin und ließen sie bei 
einem Balletmeister des dortigen Theaters Unterricht 
nehmen. Rinldo Fossano, so hieß der Lehrer, erkannte 
bald das Tlent seiner Schülerin, so daß er sich im 
Jahre 1739 otschloß, sie nach Paris zu bringen und ihre 
Aufnahme ti die Königliche Akademie der Musik 
durchzusetzft. Dies gelang, Barberina wurde engagiert 
und trat aml4. Juli 1739 in einem Ballett von Rameau 
zum erstenrale in der Pariser Oper auf. Der Erfolg 
war groß, bur Barberinas wegen strömten die Leute 
ins Theater, alle wollten die neue italienische Tänzerin 
gesehen habn. Es waren freilich nur die Anfänge ihrer 
Kunst, die ie damals den Parisern bot, wie wir aus 
Urteilen de Zeitgenossen schließen können. Uber- 
einstimmenc wird berichtet, daß sie „sehr hoch 
springen“ knnte und es überraschenderweise fertig 
brachte, „whrend eines Luftsprunges die Beine acht 
mal aneinader zu schlagen.“ Hatte vorher nur der 
leichte, anmtige Tanz gefallen, so wußte Barberina 
eine wahre Revolution in Paris, das sich nun in zwei 
Lager, die Aihänger der neuen und die der alten Tanz 
kunst teilte hervorzurufen. Aber erst in späteren 
Jahren, erstn Berlin hat Barberina jene sozusagen ver 
geistigte Höe der Tanzkunst erreicht, die ihren Namen 
mit dem der Geschichte der Tanzkunst auf immer ver 
knüpft. 
Die Bewunderung, die Barberina schon in ihren 
Pariser Anfängen fand, galt vielleicht weniger der 
Tänzerin als dem schönen Weibe. Auf ihrem schlanken 
Körper ruhte ein kleines Köpfchen mit großen, dunklen 
Augen, ihr Teint war von der Farbe frischer Pfirsiche, 
die kleinen Grübchen in den Wangen und am Kinn 
machten das Gesichtchen erst recht anziehend. Von 
ihrer Tugend läßt sich schon zu jener Zeit nichts Gutes 
sagen, obwohl oder vielleicht weil die Mutter, eine ein 
fache Frau, der Geld über alles ging, sie sogar nach der 
französischen Hauptstadt begleitet hatte. Ob ihre 
Tugend erst in Paris zu Falle kam, läßt sich nicht fest 
stellen, doch ist es sicher, daß am 6. Oktober 1739 Seine 
Hoheit der Prinz von Carignan geruhte, die schöne, 
viel umworbene Tänzerin zu seiner Geliebten zu 
machen. Der Prinz war Generalinspektor der König 
lichen Akademie der Musik, und in dieser Stelle fiel es 
ihm nicht schwer, Barberina, auch wenn sie nicht ge 
wollt hätte, gefügig zu machen. Aber Barberina wollte! 
Sie wollte reich sein, Equipage halten, großen Tisch 
führen, und das alles ermöglichte ihr der Prinz, der ihr 
sofort eine prachtvolle Wohnung in der Rue Vivienne 
einrichten ließ. Dafür blieb Barberina ihrem Prinzen 
auch treu — aber nicht lange. 
In der Abwesenheit Carignans empfing Barberina die 
Besuche eines Mylord Arundell, der in Paris nur der 
englische Krösus genannt wurde. Ein unglücklicher Zu 
fall wollte es, daß Carignan die beiden überraschen 
sollte. Arundell zog es vor, sich so rasch als möglich zu 
entfernen, während Barberina nur durch das Dazwi 
schentreten der Mutter vor dem Degenstich Carignans 
bewahrt blieb, der aber im Laufe des Gesprächs hören 
mußte, daß er die Liebe Barberinas, nach ihrem eigenen 
Geständnis, mit fünfzehn Anderen geteilt habe. 
Carignan brach seine Beziehungen vollständig ab, 
forderte seine Juwelen, die von ihm gekauften Klei 
dungsstücke zurück und ließ sogar die Möbel aus der 
Wohnung Barberinas schaffen. Ein Versuch Carignans, 
sich Barberina nach einigen Wochen wieder zu nähern, 
schlug ihm fehl: „Wenn er auch hunderttausend 
Franken zahlt, so lasse ich mir von ihm nicht einmal 
die Füße küssen.“ Aber es gelang ihr nicht, ihren Kon 
trakt mit der Oper zu lösen, dies hatte Carignan zu 
vereiteln verstanden. 
Die Verehrer Barberinas wurden immer mehr, ihre 
Nebeneinkünfte vergrößerten sich von Tag zu Tag, die 
von ihr begünstigten Liebhaber nur zu nennen, wäre 
vergebliche Mühe, da die vollständige Liste nicht über 
liefert ist. Im Juli 1740 war endlich der Vertrag mit der 
Oper abgelaufen und Barberina verließ Paris, um sich 
nach England zu wenden, wo sie in den folgenden 
Monaten der größte Anziehungspunkt für Hof und 
Staat war. Da starb am 5. April 1741 Prinz Carignan, 
und Barberina zögerte unter diesen Umständen nicht, 
einem neuerlichen Rufe nach Paris Folge zu leisten. 
Am 13. Juni schon betrat sie wieder die ihr altver 
traute Bühne, der Beifall blieb ihr treu und die Kritiker 
berichteten, daß sie an Grazie, an Kraft und Geschick 
lichkeit zugenommen habe. 
Den Winter 1741—42 verbrachte Barberina in 
London, um im September 1743 wieder nach Paris zu 
rückzukehren. Hier trat sie mit dem Gesandten des 
Königs von Preußen, dem Herrn von Chambrier in 
Verbindung, und die Unterhandlungen führten dazu, 
daß Barberina sich verpflichtete, am Schlüsse des 
nächsten Karnevals in die Dienste Friedrichs des 
CFortsetzuita auf Seite 2o)
        
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