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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nr. 2 
Jahrg. 2S 
13 
wille wuchs mit jeder Umdrehung der Achsen des durch 
die Landschaft dahinrasenden D-Zuges. Sein Herz 
machte einen Freudensprung, als er plötzlich sein 
Schienbein leicht und kaum merkbar von der Spitze 
eines zweifellos hocheleganten kleinen Schuhes berührt 
fühlte. Die junge Dame machte ein erschrecktes und 
verlegenes Gesicht, flüsterte eine Entschuldigung und 
suchte mit ihren weißen Fingern nach einem Ruhepunkt 
auf der Tischplatte 
„Jetzt oder nie!“ dachte Hansmartin Brommschöttel. 
Er räusperte sich, holte tief Atem und sprach die ge 
wichtigen und inhaltsschweren Worte: „Gnädigste 
fahren gewiß nach Hannover.“ 
„Wieso Hannover?“ lächelte die schöne Fremde und 
ließ zwischen ihren vollen, blutfrischen Lippen zwei 
Reihen wunderbar blendender Zähne sehen. 
„Nun“, entgegnete Hansmartin, „ich hätte ebensogut 
Berlin sagen können. Aber soweit wage ich natürlich 
nicht zu hoffen.“ 
Er lächelte selbstzufrieden über seinen Witz und seine 
Kühnheit. Auch die junge Dame lächelte wieder und so 
entspann sich — draußen war es mittlerweile tief dunkel 
geworden — eine, wenn auch nicht sonderlich geist 
reiche, so doch anregende Unterhaltung, Man sprach 
über Zweck und Ziel der Reise und Hansmartin war 
schon im sechsten Himmel, als seine Tischgenossin ihm 
verriet, daß sie ebenfalls bis Berlin wolle, um — sie 
zögerte einen Augenblick — um ihre kranke Tante zu 
besuchen. Hansmartin erzählte von seinem Mißgeschick 
mit dem versäumten Schlafwagenplatz und wußte nicht 
recht, was er antworten sollte, als die Dame schelmisch 
äußerte: „Ja, ja, was der eine zu wenig hat, hat der 
andere im Überfluß.“ Erst im weiteren Laufe des Ge 
sprächs kam er hinter den Sinn des orakelhaften Aus 
spruchs. Die junge Dame hatte ein ganzes Schlafwagen 
abteil für sich belegt. Sie erzählte, daß ein Vetter von 
ihr Regierungsrat im Eisenbahnbeträebsamt sei und daß 
sie diesem Umstande diese Bevorzugung zu verdanken 
habe. Im übrigen: es sei ihr garnicht recht, daß sie so 
allein reisen müsse. Zuerst habe ihre Schwester sie 
begleiten wollen, aber es sei etwas dazwischen ge 
kommen und nun müsse sie wohl oder übel ohne Schutz 
und Begleitung nach Berlin fahren. 
So ein Schlemihl war Hansmartin Brommschöttel nun 
doch nicht, als daß er in diesem Moment nicht das 
passende Wort gefunden hätte. ,.Schutz und Begleitung, 
meine Gnädigste, finden Sie ausreichend bei mir!“ rief 
er ohne auf die wenigen Gäste Rücksicht zu nehmen, 
die in der inzwischen recht vorgerückten Abendstunde 
noch den Speisewagen bevölkerten. Die schöne, junge 
Dame lächelte verbindlich und reichte ihm mit unnach 
ahmlicher Grazie über den Tisch hinüber ihre behand 
schuhte Rechte entgegen. Hansmartin, im Übermut des 
Sieges, zog die weißen Finger stürmisch an seine Lippen 
und ließ dabei seine Hand tastend über den Ringfinger 
der Schönen gleiten. Kein Zweifel, sie war verheiratet. 
Welch ein Eroberer war er! Eine so schöne, ent 
zückende und noch dazu verheiratete Frau! Ein Sieg 
allerersten Ranges! Er war doch, sagte er sich selbst 
bewußt, ein Teufelskerl. 
• 
Wenn nur der dumme Schlafwagen nicht gewesen 
wäre. Sein schönes Gegenüber wurde merklich müde. 
Die Dame schloß zeitweilig die Augen und unterdrückte 
ein Gähnen. Schließlich äußerte sie den Wunsch, ihr 
Lager aufzusuchen. Hansmartin machte ein unendlich 
bedauerndes Gesicht. „Meine Allergnädigste, so muß 
ich denn allein und verlassen in mein freudloses Abteil 
zurückkehren und mich mit dem Gedanken trösten. Sie 
morgen früh kurz vor Berlin hier wiederzusehen. Nur 
bis zu Ihrem Abteil darf ich Sie noch begleiten . . .“ 
Die Dame nickte Gewährung, erhob sich und schritt, 
gefolgt von Hansmartin Brommschöttel, dem Eroberer, 
durch die Gänge des Zuges, bis sie vor ihrem Abteil 
stand. Sie öffnete mit der Linken die Tür und streckte 
Hansmartin zum Abschied ihre Rechte entgegen. Als 
er sie nach langem, herzhaftem Druck freigeben wollte, 
fühlte er sich festgehalten. Zwei wundervolle Augen 
sahen ihn ängstlich an. „Ich fürchte mich so“, flüsterte 
die schöne Frau, „die vielen Überfälle jetzt . . . .“ Und 
ehe er noch wußte, was mit ihm geschah, fühlte Hans 
martin sich in das Schlafwagenabteil hineingezogen — 
* 
Brausender Weltstadtverkehr auf dem Bahnhof 
Friedrichstraße. Der D-Zug von Köln läuft ein. Türen 
öffnen sich, Koffer werden herausgereicht, Begrüßungs 
szenen, Geschrei, Signalpfeifen, wildes Durcheinander. 
Durch das Gewühl drängt sich eine junge Dame, hübsch, 
elegant, aber etwas bleich und übernächtig. Ein Dienst 
mann folgt ihr mit dem Gepäck. Unten vor dem Bahn 
hof besteigt sie ein vornehmes Privatauto, blickt sich 
noch einmal in leichter Nervosität um und fährt davon. 
Wenige Minuten später steigt an der gleichen Stelle mit 
Siegermiene der Tuchgrossist Hansmartin Bromm 
schöttel in eine Autotaxe, um seinen Einzug in Berlin 
zu halten. 
„Ach, mein lieber Herr Brommschöttel, herzlich will 
kommen! Ich freue mich, den Mann kennen zu lernen, 
dem ein so ausgezeichneter Ruf vorausgeht.“ Also 
sprach Herr Siegwart Kohlschneider, der Chef der 
großen Tuchengros, Export- und Importfirma nahe dem 
Hausvogteiplatz, Hansmartin sank in einen Klubsessel 
und bald war man mitten im Gespräch über englische 
und Kottbuser Tuchfabrikate, über Preise, Löhne und 
Geschäftsaussichten und das nüchtern-sachliche Ge 
spräch zwischen dem Prinzipal und seinem neuen Ein 
kaufsleiter und vielleicht künftigen Sozius nahm erst 
eine menschlich-freundlichere Wendung, als Herr Kohl- 
... sie prallte zurück und schrie laut auf“
        
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