Path:

Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

30 
Nr. 16 
Jahrg. 28 
Stunde mit Zangen gerissen und darauf mit kochendem 
öl und Pech begossen. Dann befestigte man seine Arme 
und Beine an vier kräftigen Pferden und trieb diese mit 
Peitschenschlägen an — natürlich in vier verschiedenen 
Richtungen. Die Pferde zerrten die Glieder des Delin 
quenten zu unglaublicher Länge aus, aber es gelang 
ihnen nicht, sie vom Körper zu trennen. Erst als man 
die Sehnen durchschnitt, trat der gewünschte Erfolg 
ein. 
Der Kellner erschien mit zwei Portionen Mokka und 
zwei Whiskys. 
„Soll ich Ihnen noch mehr erzählen, meine Herren? 
Ich habe noch mindestens doppelt soviel Material 
bereit.“ 
Einar Gundersen schüttelte den Kopf. „Sie haben uns 
überzeugt, Mr. Jenkins. Ich gestehe, daß auch ich ein 
starkes Bedürfnis nach einem Schnaps empfinde.“ 
Der Amerikaner lachte. „Also zwei Black and White, 
Kellner.“ 
„Very well, Sir“, sagte Jonny. Auf diese Gelegenheit, 
sein Englisch anzubringen, wartete er nun schon eine 
Stunde. 
Der Präfekt nahm das Wort. „Ich gebe zu, daß diese 
Grausamkeiten geeignet sind, das ganze Kapitel von 
Schuld und Sühne in eine andere Beleuchtung zu 
rücken. Was eine Präventivmaßnahme sein sollte, eine 
Abschreckung, wird zur selbständigen Handlung, zur 
Roheit, die um so verabscheuungswürdiger ist, als wir 
sie in der Hand des Richters sehen, der das Recht ver 
gewaltigt und im Grunde nichts anderes ist als ein pri 
vilegierter Lustmörder. Aber es hieße das Kind mit dem 
Bade ausschütten, wollte man darum die ganze Institu 
tion angreifen. Efwa so, als ob man die ganze Seeschiff 
fahrt einstellen wollte, weil hier und da Schiffe unter 
gehen. Ich bin trotz allem ein Verfechter der Todes 
strafe.“ 
„Ein französischer Justizminister, dem man die Ab 
schaffung der Todesstrafe vorschlug, gab die Antwort: 
Die Herren Mörder sollen den Anfang machen“, sagte 
Gundersen. „Dieser Meinung sind Sie also ebenfalls, 
Mr. Jenkins?“ 
Joe Jenkins lachte. „Das Wort ist witzig, aber das ist 
alles. Im Ernst kann die Staatsgewalt nicht erwarten, 
daß in ethischen Dingen der erste Anstoß von seiten 
der Verbrecher kommen soll.“ 
„In ethischen Dingen! Sie geben also zu, daß die Ab 
schaffung der Todesstrafe . . . “ 
„Ich gebe zu, daß sie ein erstrebenswertes Ideal wäre. 
Aber ich fürchte, daß sie das Schicksal aller Ideale 
teilt: daß sie nicht in die Wirklichkeit umzusetzen sein 
wird. Wenigstens nicht auf die Dauer.“ 
Jonny erschien mit dem Whisky. „Draußen ist ein 
Herr“, sagte er, „er fragte nach Herrn Hansen.“ 
Der Präfekt nickte. „Er soll hierher kommen.“ 
Jonny verschwand. Inspektor Larslund erschien. 
„Sie können ruhig sprechen, Larslund.“ Damit zog 
er die Portiere zu. 
Der Eingetretene sah mit seinen ruhigen blauen 
Augen im Kreise herum. Sein Blick blieb auf Joe Jenkins 
haften, und unwillkürlich eine respektvolle Haltung an 
nehmend, sagte er; 
„Ihre Vermutung war richtig, Mr. Jenkins.“ 
„So, so.“ 
„Im Hotel Köngen af^ Danmark wird seit gestern 
abend ein Gast vermißt.“ 
„Das ist zwar sehr interessant“, sagte der Präfekt, 
„aber ich kann mir nicht denken, daß es mit unserem 
Fall zusammenhängt.“ 
„Doch, Herr Präfekt“, erwiderte Larslund. 
„Wie heißt der Gast?“ fragte Joe Jenkins. 
Inspektor Larslund blickte zu Boden, langsam und 
zögernd sagte er mit leiser Stimme: „Das ist das selt 
samste von allem. Dieser Gast heißt Thorbjörn Espe 
land.“ 
I 
s 
Das Hotelpersonal war sehr erstaunt darüber. Der Hausdiener erklärte mir 
mit Bestimmtheit, er habe kein Feuer angemacht“ 
Der Präfekt stand auf und starrte seinem Inspektor 
ins Gesicht. „Thorbjörn Espeland?“ wiederholte er mit 
vibrierender Stimme. „Der Ermordete hatte eine zweite 
Wohnung?“ 
„Ja. Im Hotel Köngen af Danmark.“ 
„Und das haben Sie geahnt, Mr. Jenkins? Ja, um 
Gottes willen, auf Grund welcher Hypothesen haben Sie 
diese Ungeheuerlichkeit errechnet? Denn sie ist zu ab 
surd, als daß sie sich beiläufig erklären würde.“ 
Der Amerikaner zuckte die Achseln. „Ich sagte 
Ihnen schon, Herr Präfekt: ich pflege im Anfang 
meiner Kombinationen die einzelnen Wendungen nicht 
eigentlich zu errechnen, sondern zu erfühlen. Darum 
kann ich Ihnen Ihre Frage, so gern ich wollte, nicht be 
antworten.“ 
„Wir müssen sofort ins ,Köngen af Danmark' fahren“, 
sagte der Präfekt, „sein Gepäck beschlagnahmen, alles 
durchsuchen.“ 
„Habe ich versucht“, sagte Larslund niedergeschlagen. 
„Es war nichts mehr vorhanden.“ 
„Sie sagten aber doch, der Gast werde im Hotel ver 
mißt. Das bedeutet, daß er nicht abgereist, sondern nur 
fortgegangen ist. Dann aber müßte sein Gepäck zu 
rückgeblieben sein. 
„Das ist das Merkwürdige: niemand hat den Ver 
mißten das Hotel mit Gepäck verlassen* sehen — man 
erinnert sich lediglich, daß er ein- und ausgegangen ist 
wie jeder andere Gast. Dennoch sind die Koffer ver 
schwunden.“ 
„Wieviele waren es?“ 
"Zwei gelbe englische Lederkoffer.“ 
„Hat das Zimmer einen Ofen?“ fragte Joe Jenkins. 
„Ja“, sagte Larslund überrascht, „und dieser Ofen 
war seltsamerweise geheizt.“ 
„Seltsamerweise?“ 
„Das Hotelpersonal war sehr erstaunt darüber. Der 
Hausdiener erklärte mir mit Bestimmtheit, er habe kein 
Feuer angemacht.“ 
„Ich darf also wohl annehmen, daß Sie den Ofen auf 
seinen Inhalt untersucht haben?“
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.