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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nr. 16 
Jahrg. 2S 
29 
Die Geliebte: Was ist dir? — Hast du genug? 
— Sage ein Wort und — (sie fällt in die Pose einer 
großen Szene), Walter Hellmut, sage mir, liebst du mich 
noch? 
Der Dichter: Wer kann das wissen? 
Die Geliebte: In den siebzehn Tagen, die ich 
dich kenne und dich täglich besuche, hast du mich noch 
nie gefragt, ob ich dich auch liebe! 
Der Dichter: Kämest du sonst? 
Die Geliebte; Du hast mich nie gefragt, ob ich 
nicht schon vor dir einen Mann geliebt habe! Diese 
Gleichgültigkeit... 
Der Dichter: Das weiß ich ja. 
Die Geliebte: Daß ich vor dir? — 
Der Dichter; Du bist doch, wie du sagst, ver 
heiratet! 
Die Geliebte: Wie kommt das zur Sache? Soll 
das etwas beweisen? 
Der Dichter: Ist Liebe nicht das, was die Frau 
zum Gatten zieht? 
Die Geliebte (stöhnt): O! Und du willst ein 
Dichter sein? Liebe ist erst wenn man seinen Mann 
betrügt! 
Der Dichter: ? ? ? 
Die Geliebte: Wenn du es nicht glaubst, so sage 
d u mir, was Liebe ist! 
Der Dichter: (schweigt). 
Die Geliebte: Mein Einziger, ich flehe dich an, 
sage mir, was Liebe ist! Wenn du mich je geliebt hast, 
so mußt du es wissen. Sprich! Unser Glück hängt 
daran. Wenn du es nicht weißt, hast du mich nie ge 
liebt! Sage mir, was ist Liebe. 
Der Dichter: (schweigt). 
Die Geliebte (vor einem Nervenanfall): Mein 
Angebeteter, du bist ein Dichter, du singst über die 
kleinsten Dinge die schönsten Lieder. Du stehst im 
Dienst der Liebe; wo andere verstummen, da öffnet sich 
gedankenreich dein Mund! Was den anderen unaus 
sprechlich ist, kannst du gestehen. Mache mich nicht 
unglücklich! Sage mir in deinen schönsten und glühend 
sten Worten: Was ist Liebe? 
DerDichter: 
Die Geliebte (setzt den Hut auf): Ich begreife! 
— Wo ist dein Spiegel? — Du willst nicht mehr! Ich 
verstehe dein Schweigen. Du bist stumm, wo andere 
überfließen, das heißt, du w i 11 s t es nicht sagen, daß du 
mich nie geliebt hast! Glaubst du, ich habe dich ge 
liebt? Mein Bester — sitzt der Hut gerade? — Ich frage 
dich zum letzten Mal: Was ist Liebe? 
Der Dichter: 
DieGeliebte (die Handschuhe überstreifend): Es 
ist gut! Wir sehen uns niemals wieder. — Ich komme 
noch zum zweiten Akt zurecht. Dieser elende ge 
sprungene Spiegel! Wie konnte ich mich so vergessen! 
Behalte diese Lilie. Sie ist ich! — Nein, du wirst nie 
ein Dichter werden! Ich frage ihn, was Liebe ist — und 
er ist stumm! Wenn du es nicht fühltest, hättest du 
nicht ein paar Phrasen darüber machen können, um 
mich zu halten? — O, es war ein großer Irrtum! Du 
bist mir eine schmerzliche Enttäuschung: ich hatte dich 
nach deinen Versen für einen Dichter gehalten! — Da, 
sieh her, ich stehe in der Tür! Ein letztes Mal: Weißt 
du, was Liebe ist? 
DerDichter: 
Die Geliebte; O, er ist ungebildeter als mein 
Chauffeur! (Sie schlägt die Tür hinter sich zu). 
DerDichter: Ich liebe dich Beate, ich liebe 
dich Es ist ja unaussprechlich.... Ungsagbar 
ist die Liebe Beate, ich liebe dich 
Während die wahre Erkenntnis der Liebe ihn zum 
Dichter macht und das erste Wort zu seinem Werk 
finden läßt, steigt die Geliebte in ihr Automobil und 
läßt sich von ihrem Chauffeur, der weiß, was Liebe ist, 
in die „Meistersinger“ fahren. 
r0ie^taJi£ ohne 
ROMAN VON PAUL RCXTENHAYN 
7. Fortsetzung 
• • 
U ber die Schicksale der christlichen Märtyrer im 
römischen Kaiserreich sind Sie vielleicht orien 
tiert, meine Herren. Im Jahre 70 nach Christus 
wurde der Apostel Andreas an einem Kreuz 
mit schräg gestellten Balken gekreuzigt, das noch heute 
nach ihm den Namen Andreaskreuz führt. Auch diese 
liebenswürdige Variation der Kreuzigung hat den 
Zweck, die Qualen zu erhöhen. Die heilige Blondina 
wurde in der Tierschauarena von Stieren zerfleischt, der 
heilige Bassus in zwei Stücke zersägt. Ein beliebter 
Scherz der römischen Rechtspflege war es, christliche 
Märtyrer an zwei zusammengezogene Baumwipfel zu 
binden und sie durch Loslassen der Wipfel in zwei 
Stücke zerreißen zu lassen. Gelegentlich wurden sie 
auch den Schweinen zum Fraß vorgeworfen, hin und 
wieder kochte man sie in öl. Eine andere Spezialität 
war es, sie mit eisernen Kämmen und Scherben zu 
Tode zu schinden.“ 
„Bringen Sie mir einen Whisky zum Mokka“, sagte 
Per Rose. 
Hans Svedman nickte und schrie; „Mir auch!“ 
„Das Raffinierteste in bezug auf die Strafrechtspflege 
aber wurde im mittelalterlichen Deutschland geleistet. 
Im Jahre 1532 erließ Karl V. die Karolina, die ,Hals- 
Bilder: Boht 
gerichtsordnung“. Darin kamen in der Hauptsache fol 
gende Strafarten vor; für Zauberei: der Feuertod. Der 
gleiche Tod war angesetzt für Münzfälschung und 
Mordbrennerei. Weitere Spielarten, die bei den Richtern 
besonders beliebt waren, bildeten das Rädern, das Er 
tränken, das Lebendigbegraben, das Pfählen — die 
letztere Strafe wurde speziell bei Kindesmörderinnen 
angewandt; dazu kam gelegentlich das Reißen mit glü 
henden Zangen, das Abschneiden der Zunge, das Ab 
hauen der Finger oder der Ohren. Doxa, der Anführer 
der ungarischen Rebellen, wurde auf einen glühenden 
Thron gesetzt. Seine durch Hunger vorher mürbe ge 
machten Genossen wurden auf ihn losgetrieben, und 
ihnen wurde Strafnachlaß in Aussicht gestellt, wenn 
sie ihn lebendig auffräßen. Eine Spekulation, die 
übrigens Erfolg hatte.“ 
„Mittelalter“, sagte Per Rose, indem er angele 
gentlichst nach dem Mokka und dem Whisky ausspähte. 
„Dies Mittelalter hat recht lange gedauert“, fuhr Joe 
Jenkins fort. „Im Jahre 1757 wurde Ludwig XV. von 
Frankreich von einem gewissen Robert Damiens an 
gefallen. Das ganze Attentat bestand allerdings darin, 
daß der König ein wenig mit einem Federmesser ge 
ritzt wurde. Zur Strafe wurde Damiens eine halbe
        
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