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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jahrg. ZS 
Nt. J6 
14 
3 ^ O H U'M M /V 
Bilder: Wagner 
j ollen Sje wissen, wie man billig einkauft? 
\ / Wie Frauen billig einkaufen? Speziell wie 
i/\J meine Frau ihren neuen Frühjahrshut billig ein- 
V V gekauft hat? Lassen Sie sichs erzählen. Es lohnt, 
diese Geschichte vom billigen Frühjahrshut zu erzählen, 
und es lohnt, sie zu lesen. 
Sie beginnt mit folgenden Worten meiner Frau: „Du 
mußt unbedingt mit mir ins Kaufhaus kommen. Ich 
habe dort einen Hut gesehen .“ 
Die Ehemänner unter den Lesern werden denken: 
Ach, kennen wir —. — Das hat meine Frau zu mir wer 
weiß wie oft gesagt. Wir wissen schon, was darauf 
folgt —. 
Aber, meine Herren, was alles auf diese Worte 
meiner Frau folgte, können Sie unmöglich wissen. 
Darum hören Sie: 
Also meine Frau sagte; „Ich habe dort einen Hut 
gesehen —.“ — Sei sprach das Wort Hut mit unend 
licher Wollust aus, indem sie das u ganz lang zog und 
die Augen schloß. 
Ich sagte zunächst noch garnichts, sondern wartete. 
Sie öffnete ihre schönen Augen wieder und sagte in 
beschwörendem Ton: 
„Einen Huuut — einen entzückenden Frühjahrshut — 
ein Frühlingswunder — und so billig — so entsetzlich 
billig -— halb geschenkt!“ 
„Was kostet er denn?“ fragte ich. 
„Dreizehn Mark fünfzig“, sagte meine Frau mit 
Triumph in der Stimme. 
„Hm — nicht teuer. Warum hast du ihn denn nicht 
gleich mitgebracht?“ 
„Wie kannst du so überflüssig fragen. — Du weißt 
doch, daß ich kein Geld habe.“ 
Er war noch da, kostete aber statt 13,50 — 19,50. 
„Ach“, sagte meine Frau, „da muß ich mich verhört 
haben —.“ 
Ich sagte nichts, denn ich fand den Hut trotzdem 
billig. Meine Frau pflegte bei ihrer Modistin das fünf 
fache für einen Hut auszugeben, und ich dankte meinem 
guten Stern, der sie in dieses billige Haus geführt hatte. 
Insgeheim beschloß ich, meine Freundin Titti gelegent 
lich,ebenfalls hierher zu führen. Bei der konnte ich auf 
diese Weise gleichfalls Ersparnisse machen. 
Meine Frau behielt ihren neuen Hut auf und gab der 
Verkäuferin Anweisung, ihr den alten zuzusenden. Mit 
unternehmungslustigem Gesicht nahm sie meinen Arm 
und sagte: 
„Jetzt bummeln wir noch ein bißchen durch die 
andern Abteilungen.“ 
Mir ahnte schreckliches, denn ich kenne dieses 
„Bummeln durch die andern Abteilungen“. — Und 
meine Ahnung trog nicht. Am Restetisch (in jedem 
Stockwerk eines Warenhauses existiert ein Restetisch) 
erstand meine Frau einen Rest aus Chinakrepp, der un 
glücklicherweise in der Farbe zu ihrem neuen Hut paßte. 
Sie nahm ihn, da er bloß 22,45 Mark kostete und sagte: 
„Einen Kasack oder so etwas ähnliches gibt das 
schon.“ 
Der Rest gab allerdings einen Kasack, aber statt 
meiner Frau trägt ihn ihre Pediküre. — 
Anscheinend hatte sich das ganze Warenhaus gegen 
mich und meine Brieftasche verschworen, denn an allen 
Ecken und Enden gab es herabgesetzte Artikel, Rest 
bestände und „außergewöhnliche Angebote“, die nicht 
auszunutzen eine grobe Unterlassungssünde gewesen 
wäre. Jedenfalls schien meine Frau so zu denken, denn 
sie brachte es nicht übers Herz, etwas ungekauft zu 
lassen. 
Sie erstand auf diese Weise ein paar rotseidene Pan 
töffelchen, ei 1 )® neue Frisierhaube für ihren Bubenkopf, 
einen „Bonzo“, eine Küchenschürze für unsere Köchin, 
zwei Dutzend Taschentücher, drei Paar Seidenstrümpfe, 
ein Stickmuster, zwei Romane und — man denke — 
einen Binder für mich. 
Einen „Äußerst preiswerten“ Regenschirm konnte ich 
ihr glücklicherweise ausreden mit dem Hinweis auf den 
beginnenden Frühling. Sie gab mir recht, und nahm da 
für einen Brieföffner. 
Wir gaben Anweisung, uns die Einkäufe zu über 
senden und traten auf die Straße. 
Hier erwartete uns eine Ueberraschung. 
Es goß nämlich in Strömen. 
„Siehst du“, sagte meine Frau mit mildem Vorwurf, 
„warum hast du mir abgeraten, den Regenschirm zu 
kaufen —.“ 
Ich bat um Verzeihung und winkte ein Auto herbei. 
Als ich dem Schofför unsere Adresse angab, sagte meine 
Frau, indem sie mich durch einen Blick aus ihren 
schönen Augen zum willenlosen Sklaven machte: 
Ich wußte es zwar nicht, da ich ihr erst zwei Tage 
vorher eine größere Summe zur Verfügung gestellt hatte, 
aber ich hätte es mir trotzdem denken können. Denn 
sie hatte prinzipiell nie Geld. 
„Also komm mit“, sagte meine Frau kategorisch und 
zog mich aus meinem Sessel empor. „Wir bummeln 
hübsch gemütlich zum Kaufhaus hinunter. Es ist so 
herrlich draußen, und die Frühlingsluft wird dir gut tun. 
Du weißt doch, wie sehr dir der Arzt frische Luft ver 
ordnet hat.“ 
Ich war gerührt über ihre Fürsorge für mich, obgleich 
ich mich an eine Verordnung des Arztes, frische Luft 
betreffend, nicht erinnern konnte. 
Wir gingen also los. Es war in der Tat ein pracht 
volles Frühlingswetter. Ich knöpfte meinen Ueber- 
zieher auf und pumpte meine Lungen voll Frühlings 
luft. Ohne ärztliche Verordnung. I ns Kaufhaus 
strömten eine Menge Menschen, hauptsächlich Damen, 
die sicherlich alle einen neuen Frühjahrshut brauchten. 
„Hoffentlich ist er noch da , sagte meine Frau be 
sorgt. „Er ist so entzückend und kleidet mich so gut.“
        
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