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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jatrg. SS 
Nr. 16 
DIE MAUS 
HEINZ SCHÄRPE 
rau Jolanthe ließ die Blicke flackern. 
Ihre rechte Augenbraue stellte 
sich bedenklich. Sturm fegte über 
ihre Seele. Nein, es war einfach 
Schmach. Schm-a-ch! 
Weil ihr Mann einen albernen 
Berg, der weiter gar nichts An 
ziehendes hatte, als daß jedes Jahr 
einige von ihm abzustürzen pflegten, 
mit Pickel und Seil bezwingen wollte — als ob es nichts 
Interessanteres zu bezwingen gegeben hätte im näch 
sten Umkreis —, wurde sie mitgeschleppt mitten ins 
gebirgigste Gebirge. Wie eine Räuberbraut. Mußte 
sie sich jetzt mutterseelenallein in einer öden, kalten 
Bauernstube entkleiden und bei Kerzenlicht zu Bett 
begeben. In ein Bett, brrrr . . . 
Wer konnte da noch in einem ästhetischen Buch 
lesen, wie es Frau Jolanthe gewohnt war vor dem Ein 
schlafen? 
Ihr Mann natürlich, der saß unten in der Wirts 
stube beim Kartenspiel. Klopfte Tarock. Klopfte! 
. . . pfte! Eine geistvolle Angelegenheit. Eigens von 
Männern für Männer erfunden. 
Frau Jolanthe griff nach einer Zigarette und dampfte 
Wolken von Rauch in die muffige Luft. Huch! wie 
sie diese ländliche Umgebung haßte. Sie hatte nun 
mal keinen Sinn für die Alm, womit sie jeden Strich 
Land bezeichnete, auf dem irgendeine Kuh friedlich 
graste. 
In der Nähe rauschte ein Wasserfall, eine offene 
Bodenluke quiekste von Zeit zu Zeit in Fis-dur, Nacht 
vögel schrien und der Himmel wetterleuchtete. Ganz 
wie in einem Ganghoferbuch fröstelte Frau Jolanthe 
und kam auf diese Art auf den Schauspieler Hofgänger 
zu denken, der ebenfalls mit von der „Partie“ war, wie 
das im Touristendeutsch so schön lautete. Nur spielte 
er nicht Tarock, klopfte er nicht. . . . 
Er -war der Einzige von der Gesellschaft, der nicht 
über tausend Meter Meereshöhe hemdärmelig ver 
bauerte. Ansonsten aber auch er ein Ekel. Ein öder 
Don Juan. Wie Sirup war er um sie her, und ebenso 
zäh. Sie wollte diesbezüglich einmal mit ihrem Herrn 
Gemahl sprechen, aber . . . Und dann, sie wußte sich 
die Männer schon vom Leib zu halten, sie brauchte nur 
ihre rechte Augenbraue aufzusteilen, dann verzog sich 
das Gelichter. Und das machte mitunter sogar Spaß. 
Außerdem war dieser Hofgänger . . . 
Diesen Gedanken konnte die schöne Frau nicht 
mehr zu Ende spinnen, denn mit lähmendem Ent' 
setzen gewahrte sie plötzlich etwas Fürchterliches. 
Unter dem Kasten lugte der Kopf einer Maus her 
vor. Einer Maus! Das Tier blinzelte die zu Tod Er 
schreckte mit funkelnden Augen an, dann tat es einen 
leisen Pfiff, machte kehrt, schlängelte sein Schwänz 
chen und . . . 
Frau Jolanthe starb tausend Tode. Sank ächzend 
zurück, eine Leiche. Ihr Körper schaukelte in feurige 
Nacht, und nur ein letzter Schrei entrang sich ihrer 
Kehle, als ob sich eine rostige Feder darin verspießt 
hätte. Hierauf schlug sie die Decke über den Kopf 
und empfahl ihre Seele Gott. Das Herz pochte ihr 
zum Zerspringen, heißer Schweiß drang ihr aus allen 
Poren, peitschende Angst^ schüttelte sie, jagte ihr das 
Blut durch die Adern. Und die wildesten Gedanken 
pulsten ihr durchs Hirn. 
Also das hatte sie von ihrer Ehe! Von ihrer über 
triebenen krankhaften Treue! Daß man sie jetzt 
mitten in den Schluchten^ des gebirgigsten Gebirges den 
wilden Tieren vorwarf, lebendigen Leibes! Oh, ward 
je ein Weib so schwer gekränkt? Ein schwaches Ge- 
- schöpf, dessen gesetzlich verpflichteter Beschützer eine 
Runde nach der anderen klopfen mußte, anstatt . . . 
Wie Schuppen fiel es ihr mit einem Male von den 
Augen. Was war das doch für ein Mensch, was für 
ein rücksichtsloser Egoist! Ein ganzes Jahr hatte sie 
gebraucht, um ihn zu durchschauen. Oh, wie machte 
Liebe doch blind. Aber diese Maus, dieses entsetz 
liche Ungetüm, hatte ihr die Augen geöffnet. 
Ob sie wohl noch hinter dem Kasten hervor 
lugte? . • • Fiu! 
Jolanthe kauerte sich wie ein Regenwurm im Bett 
zusammen und schwitzte Blut. Nebenan im Zimmer 
rasselte eine Wanduhr, die Minuten dehnten sich zu 
Ewigkeiten und keine Hilfe kam, keine. Oh, wie hätte 
sie Sturm geläutet, wenn eine Glocke vorhanden ge 
wesen wäre. Ja, wenn . . . Wenn wenigstens dieser 
Hofgänger zu Bett gegangen wäre — er schlief im 
Nebenzimmer, wo die Uhr so schaurig rasselte, aber 
das Ekel schäkerte sicherlich unten in 
der Wirtsstube mit der dummen Trine 
von einer Kellnerin. Och! Und die 
schwere Bauerntuchent, die Frau 
Jolanthe fast erstickte. Lebendig be* 
graben rang sie immer mühseliger nach 
Luft. Einen Augenbliek lupf.e sie die 
Decke, öffnete sie einen kleinen Ritz, 
der ihr einen kurzen Blick in die Stube 
gestattete. 
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