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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

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JaBrg, 2 S 
„Ich bin in einer gewissen Zwangslage. Alle 
Menschen, die ich allenfalls über meine Braut — 
Pardon — Ihre Frau Gemahlin . . 
„Ganz nach Belieben —“ unterbrach ihn der 
Doktor. 
„. . . befragen könnte, haben zu ihr in irgendeiner 
Weise Stellung genommen und besitzen daher nicht die 
erforderliche Neutralität. Eine Folge der — nun 
ja — der Scheidung. Die Männer himmeln sie an — 
Männer interessieren sich immer für die Frauen, die 
Dummheiten machen, solange es nicht ihre eigenen 
sind — und die Frauen sind, wie immer, die Feindinnen 
ihres eigenen Geschlechts, sie raten daher dringend ab. 
Beide Parteien kommen demnach als Berater für die 
schwierige Frage: soll ich sie heiraten oder nicht, nicht 
in Frage. Auch die Mutter der Dame dürfte kein ganz 
unparteiischer Ratgeber sein.“ 
Der Doktor verzog das Gesicht zu einer schmerz 
lichen Grimasse, blickte anklagend zur Decke und 
sagte mit, gequälter Stimme: „Meine Schwieger 
mutter!“ 
„Ganz richtig!“ pflichtete Herr Döbbeling verbind 
lich bei. „Und darum komme ich zu Ihnen. Sie sind 
aus dem Grunde die kompetenteste Auskunftsstelle, 
weil Sie die betreffende Dame in derselben Stellung 
und — wie soll ich sagen — in derselben Betätigung — 
zu beurteilen Gelegenheit gehabt haben, für welche ich 
im Begriffe bin, sie zu ... zu akquirieren. Und da 
möchte ich Sie eben bitten, mich über die Erfahrungen, 
die Sie mit der Dame gemacht haben, möglichst ein 
gehend unterrichten zu wollen.“ 
„Ja“, sagte der Doktor, „ich weiß wirklich 
nicht . . .“ 
„Ich darf wohl voraussetzen“, fiel ihm der andere 
ins Wort, „daß zwischen uns beiden keinerlei per 
sönlicher Antagonismus besteht. Sie haben sich von 
einer Dame getrennt, und ich bin im Begriff, Ihr Nach 
folger zu werden. Das ist alles. Sie, Herr Doktor, 
sind etwa in der Lage eines Botschafters, der seinen 
Posten aufgibt. Seine letzte Tätigkeit besteht darin, 
daß er seinen Nachfolger über alles Wissenswerte in 
struiert und ihn zum Schluß feierlich in seine Funk 
tionen einsetzt. Letzteres natürlich rein bildlich ge 
sprochen.“ 
„Ihr Vergleich hinkt, Herr Döbbeling. Es handelt 
sich hier immerhin um Begriffe, die letzten Grades 
— wie soll ich sagen — inkommensurabel sind. Es 
handelt sich um eine Frau, die wir beide geliebt haben, 
und zwar Sie sogar schon zu einer Zeit, da es Ihnen 
noch gar nicht zukam, weil die Dame sozusagen noch 
meine Frau war, wenn ich recht informiert bin.“ 
„Ich versichere Sie . . .“ wehrte der andere ab. 
„Seien Sie unbesorgt, Herr Döbbeling“, fuhr der 
Doktor fort, „ich will Ihnen keine Vorwürfe machen. 
Heute nicht mehr. Aber lassen Sie uns ruhig über 
diese Dinge sprechen. In Ihrem Interesse . . . ja 
wohl, Flerr Döbbeling, in Ihrem Interesse . . . wenn 
mich nicht alles täuscht, so waren Sie schon der Freund 
meiner Frau, als sie eben noch meine Frau war. Ich 
nehme Ihnen das heute nicht mehr übel, und ich habe 
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ja auch keine Beweise dafür. Trotzdem bin ich über 
zeugt; es ist eine Sache des Gefühls. Wenn nun die 
Dinge so liegen, wie ich glaube, nämlich: daß Sie von 
meiner Frau schon — beinahe hätte ich gesagt, zu 
meinen Lebzeiten — Besitz ergriffen haben; welche 
Veranlassung haben Sie da, verehrter Herr Döbbeling, 
diese Frau noch zu heiraten?“ 
Der Besucher starrte auf das Muster der Tapete 
und sagte schließlich kleinlaut: „Madame wünscht es.“ 
„Ah . . . Madame wünscht es.“ Der Doktor 
lächelte. „Daran erkenne ich meine Frau.“ 
„Pardon . . . meine Braut, Herr Doktor.“ 
„Natürlich . . . Ihre Braut. Entschuldigen Sie. 
Aber die Beziehungen zwischen Ihnen, meiner Frau 
und mir waren ja immer so außerordentlich ver 
wickelte und, ich möchte sagen, ineinander 
übergehende, daß solch ein Versehen schon Vor 
kommen kann. Im übrigen: was soll das armselige 
Wort — in concreto haben Sie ja zu gegebener Zeit 
bereits 1 dafür gesorgt, daß die Dame, von der wir 
sprechen, zu gleicher Zeit die Ehre gehabt hat, meine 
Frau und Ihre . . . Ihre Braut ... zu sein. Nehmen 
Sie es mir nicht übel, wenn ich mich zuerst nenne; 
aber dies einzige Vorrecht werden Sie dem Gatten ge 
wiß zugestehen . . .“ 
„Mit Vergnügen“, bestätigte der andere verbindlich. 
„Um nun zu der Sache selbst zu kommen“, fuhr der 
Doktor fort, „so kann ich Ihnen nur nach bestem 
Wissen und Gewissen meine volle Zufriedenheit mit 
der angefragten Dame ausdrücken. Die Dame ist 
geistig hochstehend, besitzt künstlerische Neigungen 
und ist keine schlechte Hausfrau. Dazu eine gewisse 
Vorliebe für das Ungewöhnliche ... na ja, das wissen 
Sie ja. Auch über ihre sonstigen Vorzüge sind 
Sie wohl bereits hinreichend informiert. Alles in allem 
kann ich Ihnen zu dem beabsichtigten Schritt nur 
raten. Immer vorausgesetzt, daß Sie sich über die 
Kleinigkeit hinwegsetzen: daß die Dame einen Lieb 
haber gehabt hat. Die Erwägung, daß Sie selbst 
dieser Liebhaber gewesen sind, wird Ihnen ja über 
diese Schwierigkeit immerhin etwas hinweghelfen.“ 
„Ich danke Ihnen, Herr Doktor. Mein Entschluß 
ist gefaßt; ich werde die Dame heiraten.“ Er stand auf 
und reichte dem Doktor die Hand. „Und daß sie m i r 
keine Hörner aufsetzen wird“ — er reckte sich wohl 
gefällig in die Höhe —, „dafür werde ich schon sorgen. 
Im übrigen muß ich Ihnen gestehen, Herr Doktor: 
Ihre offene, sachliche Art hat meine volle Sympathie. 
Ich würde mich glücklich schätzen, wenn ich einen 
solchen Mann als Freund betrachten dürfte. Machen 
Sie uns doch mal das Vergnügen . . . wir werden in 
der Parkstraße 80 eine Villa bewohnen. . . . Ich setze 
voraus, daß Sie gegen Ihre ehemalige Gattin keinen 
Groll mehr hegen, sie spricht von Ihnen wie von 
einem teuren Entschlafenen.“ 
„Ich grolle nicht“, sagte der Doktor, „empfehlen 
Sie mich Ihrer Frau Braut. Ith werde nicht ver 
fehlen . . .“ 
„Auf Wiedersehen, Herr Doktor.“ 
„Auf Wiedersehen.“
        
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