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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

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Jahrg. 23 
Nr. 16 
Der Knick im Ohr 
RUDOLF PRESBER 
in Salon mit vielen Bildern an der 
Wand. 
Es gibt Leute, die sie schön 
finden. Plüschmöbel, nicht un 
behaglich. Auf einem davon, dem 
bequemsten, sitzt E r. 
Er ist gekleidet mit jener bürger 
lichen Eleganz des Chefs einer 
Reichsbanknebenstelle. In Wahrheit 
machte er Gedichte, die auf vielen Redaktionen, aber 
sonst nirgends gelesen werden und ihn viel Porto 
kosten. 
Auf dem Tischchen liegen ein paar Rosen, die er 
mitgebracht hat. Er hat überhaupt so etwas, als ob 
er viel Rosen mitbrächte. Ein Schwärmergesicht, von 
leichten Sommersprossen sympathisch gesprenkelt. 
Gute, blaue Augen, korrekten Scheitel. Ein merk 
würdiges linkes Ohr. Es scheint etwas tiefer zu sitzen 
und hat einen auffälligen Knick in der Muschel, der 
wie eine Bruchstelle aussieht und dem ganzen linken 
Lauscher ein bißchen etwas Verkrüppeltes gibt. 
Er blättert in einem Album; aber schon aus dem 
Umstand, daß er es verkehrt in der Hand hat, kann 
ein Scharfsinniger schließen, daß es ihn nicht sonder 
lich interessiert. Außerdem aus seinem Gesichts 
ausdruck. 
Es dauert eine Weile. Dann noch etwas länger. 
Im Nebenzimmer war ein dünnes, dünnes Kinder- 
stimmchen zu hören. Jetzt ist’s ganz stille. So die 
richtige Stille, um ein Album zu betrachten. Eine Türe 
dreht sich mit kaum hörbarem Knarren. 
S i e tritt ein. In einem sehr niedlichen Schlafrock. 
Sie steht errötend mit einem lieben Lächeln vor ihm. 
Er reicht ihr erst das Album, dann, seinen Irrtum 
rasch erkennend, die Rosen. Sie steckt ihr sehr blondes 
Köpfchen tief in den duftigen Busch. 
Dann halten sich beide an den Händen und schweigen 
eine Weile. Endlich kommt der folgende Dialog 
zustande: 
Sie: Ich hab’ Sie warten lassen, Artur — 
E r : Das macht nichts. Auf S i e zu warten ist . . . 
Hätten Sie nur damals auf mich gewartet. 
Sie (ausweichend): Der Kleine mußte erst ein 
geschlafen sein, der süße Kerl. 
E r : ^riiehtig — deshalb bin ich . . . Aber die 
Rosen haben s Ihnen ja schon gesagt, wie ich mich mit 
Ihnen freue — 
Sie: Und mit Eduard. 
E r (beiläufig); Ja, ja,, natürlich. Auch mit Eduard. 
Ich war schon dreimal hier — es ist Ihnen ausgerichtet 
worden? — Aber Sie sind eitel, kleine Frau, Sie wollten 
mich erst empfangen, wenn das letzte Spürchen des 
langen Liegens, die letzte Blässe gewichen wäre — nein, 
wie frisch Sie aussehen, als ob — als ob 
Sie; Als ob ich noch das dumme Mädel wäre, das 
mit Ihnen auf der Wiese hinter den Schmetterlingen 
herlief. 
E r ; Und mit mir in der Tanzstunde den schwierigen 
Sechsschritt Wissen Sie noch, Frau Agnes, bei der 
ersten Damenwahl haben Sie mich aus der Ecke geholt. 
Sie: Ja. Aber bei der zweiten gleich — Eduard. 
Er : Ja, ja. Bei der zweiten. — Was macht eigentlich 
Eduard? Er ist gewiß sehr stolz als Vater? 
Sie: Und ob! Er sieht ihm ja auch ähnlich, unser 
kleiner Mann. Hat die Augen von ihm und die krausen 
braunen Härchen und die stumpfe Nase und — 
E r (leicht nervös): — und die Stirne und die Ohren. 
Sie (zuckt zusammen): Die Ohren — nicht. 
E r (überhört’s): Aber seine Vaterpflichten haben es 
doch erlaubt, auf eine Reise zu gehen. 
Sie: Ja, er mußte. Gott, hat er geschimpft! Aber 
— Geschäft ist Geschäft, nicht wahr? Und jetzt: einer 
mehr! Die „Familie“ will ernährt sein. Ja, die Sorgen 
haben Sie nicht, lieber Artur. 
E r : Nein, die hab’ ich nicht. Daran sind Sie schuld. 
Gott, ich will nicht klagen. Vielleicht ist’s gut so. 
Aber hätten Sie gewartet, bis mein Drama . . . Ich 
glaube nicht, daß mich jemals noch eine Frau . . . Aber 
lassen wir’s. Ich hab’ Ihnen versprochen, nie mehr 
davon zu reden. Genug, ich werde nie einen Sohn 
haben der von mir die Augen, die Nase, die Ohren — 
Sie (wird blaß und erhebt sich). 
E r : Aber — Agnes, teuerste Frau, was haben Sie . . . 
Ist Ihnen nicht wohl? 
S i e (setzt sich mühsam lächelnd): Doch — ja. Sagen 
Sie mir eins, Artur, hat Sie die Wartefrau gesehen, 
als Sie kamen? 
Er: Die Wartefrau? Mich? Nein. Aber warum? — 
Sie (aufatmend): Gott sei Dank! Also — ich muß 
Ihnen etwas Merkwürdiges erzählen — gestehen und 
etwas Schreckliches zugleich. 
E r : Hat Ihr Mann — Verluste gehabt? 
Sie; Nein, nein. Ganz anders. Ich sagte Ihnen 
schon, Helmut. — 
E r : Helmut? — Wer ist das? 
S i e (vorwurfsvoll); Unser Junge. 
E r : Ach so. Es ist mir so neu, Sie einen männlichen 
Vornamen aussprechen zu hören — außer meinem — 
Sie: Und Eduard. 
E r : Natürlich — und Eduard. Aber, ich bitte um das 
Schreckliche. 
Sie; Ich sagte Ihnen, lieber Artur, der Kleine hat 
Eduards Augen und Nase und Haare. — 
E r : Ja doch, ich weiß: und Stirn und Ohren. 
Sie (düster); Nein. Das ist’s eben. Die Ohren hat 
er von Ihnen: 
E r (springt auf, tief erschrocken): Von — mir? 
S i e (nickt finster vor sich hin): Wenigstens das 
linke. Das mit dem Knick. 
E r : Ja aber — teuerste Agnes — ich wäre ja stolz, 
glücklich, selig, wenn — aber es ist doch ganz un 
möglich! Ich müßte doch wissen, daß . . . Ich wäre doch 
gewissermaßen . . . Ich weiß nicht, wie ich mich aus- 
drücken soll — aber ... 
Sie (schmerzlich): Das ist das Tragische. — Ihre 
Freundschaft für mich. — 
E r : Meine Liebe. — 
Sie: Nun ja, nennen Sie’s so. Aber es blieb doch 
nur bei Äußerungen der Freundschaft . . . Rosen, Er 
innerungen, ein Händedruck — nie mehr. 
E r : Das kann ich beschwören — kein Schwur hat 
mir noch geringeres Pläsier gemacht. 
Sie: Und jetzt doch — das Furchtbare. Er trägt 
ein Häubchen. 
E r : Wer?
        
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