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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jafirg. ZS 
Nr. iS 
23 
müssen. Es kam ihm nicht unerwartet. Er hatte damit 
gerechnet. Im übrigen vertraute er seinem guten Stern 
und auf die Wirkung eines Rundschreibens, das er an 
seine Kundschaft gerichtet hatte, worin er auf seine 
bewährte Vertrauenswürdigkeit hinwies und um 
weiteres Vertrauen bat. Auch von seiner bekannten, 
glücklichen Hand war darin die Rede. 
Sei es, daß die politischen Dinge alles andere zum 
Schweigen brachten, sei es, daß die Konkurrenz da 
hintersteckte — das Rundschreiben versagte. Voll 
ständig. Zum erstenmal mußte Mr. Arbuthnot erfahren, 
daß alles seine Zeit hat im Leben. Unablässig erschienen 
Geldholende. Mr. Bagshaw, der Sozius, weilte seit zwei 
Tagen in London. Er hatte die Mission, dort neue Gelder 
aufzutreiben. Nur für eine kurze Spanne Zeit. Von dem 
Gelingen hing die Zukunft der Firma Arbuthnot & 
Bagshaw ab. Jede Stunde erwartete Mr. Arbuthnot das 
Telegramm seines Partners; er zweifelte nicht, daß er 
den Erfolg melden würde. 
Der heutige Tag war der schlimmste gewesen. Schlag 
auf Schlag wurden die Depots zurückgefordert, per 
sönlich, brieflich, telegraphisch. Eben hatte der jüngste 
Clerk das Office verlassen. Mr. Arbuthnot schloß sorg 
fältig die Tür ab. 
Er trat einen Augenblick an das Fenster. Der Broad 
way lag finster zu seinen Füßen. Nur in den Fenster 
scheiben des gegenüberliegenden Kontorhauses spiegelte 
sich das grelle Licht, das aus seinem Privatkontor floß. 
Wie große Augen saßen die erleuchteten Fenster in dem 
riesigen, dunklen Wolkenkratzer. 
Plötzlich schrillte die elektrische Glocke. Er fuhr 
leicht zusammen. „Du wirst nervös, alter Junge“, sagte 
er sich. Dann ging er langsam zur Tür und öffnete sie. 
Es war ein Telegraphenjunge. 
Mr. Arbuthnot hielt die Depesche einen Augenblick 
uneröffnet in der Hand. Ohne daß er hinsah, wußte er: 
sie kam aus London. Langsam ging er zurück in sein 
Privatkontor, faltete das Formular auseinander und las: 
„Mission gescheitert. Drahtet neue Instruktion. 
Bagshaw. 
Er lächelte wie geistesabwesend, faltete das Tele 
gramm sorgfältig wieder zusammen und steckte es in 
die Tasche. Dann ging er an seinen Rollschreibtisch, 
schloß die Schublade auf und entnahm ihr einen 
Browning. 
Er drehte das Licht aus, trat an das Fenster und 
öffnete es. Draußen jagte der Novembersturm. Nervös, 
halb mechanisch zog er seine Brieftasche und schüttelte 
den Inhalt auf das Fensterbrett. Eine Fünfzigdollarnote 
fiel heraus. Er lächelte bitter: „Mein erster Erfolg . . . 
und jetzt? Die Trümmer einer Lebenshoffnung.“ Er 
wollte die Note ergreifen und hatte das Gefühl, als 
müsse er sie liebkosen. Aber in diesem Augenblick er 
faßte sie der Wind. Sie.flatterte davon, und Arbuthnot 
blickte ihr wie erstarrt nach. Dann lachte er laut auf 
und öffnete das Hemd. Mit den Fingern tastete er 
nach der Brust. Hier klopfte es. Das war das Herz. 
Dahin setzte er den Revolver. 
« 
Der junge Mechaniker Georg Collins schlich trübselig 
durch die nächtlichen Straßen von New York. Er war 
seit dem frühen Morgen unterwegs, um Arbeit zu finden 
— vergebens. Allenthalben Überangebot; im günstigsten 
Falle hatte man ihn auf später vertröstet. Das ging nun 
seit einem Monat so. Jeden Tag dieselbe Geschichte — 
die Wanderung von einem Office zum andern, immer 
der gleiche Erfolg; alles besetzt. Nachts ein Schlaflager 
am East-River oder im Centralpark. Seit gestern Abend 
hatte er nichts gegessen. Dazu keine Aussicht, auch nur 
die geringste, auf bessere Zeiten, Er hatte es satt. Satt 
bis oben. Heute morgen, da war ihm am Hudson eine 
kleine, ruhige Bucht auf gefallen, wie geschaffen für 
Leute, die sowas still mit sich selbst abmachen wollen. 
Kein Haus in der Nähe, kein Policeman, der ihn viel 
leicht erbarmungsvoll in dies schöne Leben zurückrufen 
würde. . . Dahin wanderte er. 
Plötzlich flatterte etwas vor ihm nieder. 
„Irgend ein Stück Papier“, dachte er bei sich. Er 
folgte ihm mit den Augen, bis es auf dem schlüpfrigen 
Trottoir landete. Einen Augenblick sah er darauf 
nieder, stutzte dann plötzlich und blieb stehen. „Un 
sinn“, sagte er zu sich, .sowas gibt’s ja nicht!“ Er 
wollte weitergehen, besann sich aber, bückte sich und 
hob das Papier auf. Ungläubig nahm er es zwischen 
zwei Finger und trug es bis zur nächsten |g|erne. Hier 
entfaltete er es, sah es prüfend an und sich die 
Augen. War es denn möglich? Nein, es «in Irr 
tum sein. Vielleicht ein Traum. Viellefeht lag er in 
irgendeinem Neubau, und all dies gauke||® jjsm seine 
Phantasie vor. Er gab sich einen gehörige^; Äff in die 
Seite, so daß er beinahe aufgeschrien hätt4, Nein, es 
war kein Traum. Er wachte, und stand auf dem Broad 
way. Er hielt die Note gegen das Licht der Laterne. 
Klar und deutlich trat das Wasserzeichen hervor. Die 
Note war echt. 
Seine Augen weiteten sich, und er fuhr mit den Armen 
in die Lu.t. War es denn möglich? Er besaß fünfzig 
Dollars. Er konnte sich satt essen, er konnte sich ein 
Zimmer mieten mit einem weichen, behaglichen Bett! 
Er konnte sich Tabak kaufen! Und er konnte in aller 
Ruhe abwarten, bis es ihm gelingen würde, irgendwo 
Arbeit zu finden! 
Es war kein Zweifel. Es war Wahrheit. Er nahm 
unwillkürlich die Mütze ab und blickte zum Himmel. 
„Neues Leben“, flüsterte er, halb unbewußt. Dann 
machte er energisch kehrt, drehte dem Hudson den 
Rücken, spitzte die Lippen zu einem lustigen Marsch 
und ging mit schnellen Schritten der Stadt zu, dem 
Licht entgegen.
        
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