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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nt. 15 
Ja/ttg. 2S 
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Die blonde Gerty wartete mittlerweile im Cafe 
Atlantis bei einer Schale Tee mit Zitron und nahm aus 
einigen Modeblättern zur Kenntnis, daß die knabenhaft 
schlanke Linie auch weiterhin das Ideal der Frauen 
schönheit, und die Kleider kurz bleiben würden. Und sie 
hatte schlanke Beine, sowie die Gestalt eines Alcibiades 
in seinen jüngsten Jahren. Als die goldene Armbanduhr 
an ihrem zarten Handgelenk zehn Minuten nach fünf 
wies, erhob sie den blonden Kopf und sah nach der 
Eingangstür: „Wie lange kann eine Dame bei einem 
Rendez-vous warten, ohne sich etwas zu vergeben?“ 
Knapp vor ein Viertel nach fünf betrat Rolf Illmann 
das Cafe und schlängelte sich, höchst unbefangen 
lächelnd, zu Gertys Tischchen durch. Diese blickte ihm 
fragend entgegen: „So spät? Ich wollte schon Weg 
gehen.“ 
„Ein überraschender Besuch“, log Rolf mit der Ge 
wandtheit jahrelanger Übung. „Ein alter Freund von mir 
hat mich gerade jetzt aufgesucht.“ Die kleine Gerty 
besaß genug gesunden Instinkt, um zu wissen, daß er sie 
belog. Sie freute sich über alle Maßen, daß der Mann 
sie bereits bei ihrem dritten Rendez-vous so fabelhaft 
geschickt belog. Damit saß er fest. Und in der Tat war 
der schöne Rolf voll zärtlicher, fast untertäniger Er 
gebenheit. 
Als Gerty ging, sagte sie mit festem Händedruck: 
„Morgen um fünf. Und bitte, denken Sie sich wieder 
so etwas Schönes aus, wenn Sie zu spät kommen.“ 
IV. 
Am nächsten Morgen erhielt Rolf Illmann eine Ex 
preßkarte ohne Unterschrift. Sie war von der schönen 
Unbekannten. Sie gewährte ihm ein Wiedersehen heute 
um halb fünf im Cafe Landtmann. Das war unangenehm. 
Um fünf sollte er Gerty Diell treffen, von der er in 
zwischen erfahren hatte, daß sie außer einer Villa noch 
ein bei der Dresdner Bank liegendes Vermögen von 
50 000 Dollars besaß. 
Als er das Cafe Landtmann betrat, erwartete ihn be 
reits die schöne Frau, die so eine wunderbare Ergänzung 
zu dem jungen Mädchen mit der Knabenlinie war. 
Sie sagte: „Ich muß fünf Minuten nach fünf weg. Sie 
sehen, ich bin genau und will Ihnen keine Minute meiner 
Gesellschaft rauben.“ 
Die 35 Minuten vergingen in einem entzückenden Ge 
plauder. Auf die Bitte um ein neuerliches Wiedersehen 
antwortete die Dame: „Ich werde Ihnen schreiben.“ 
V. 
Die schöne Frau und das schöne Mädchen beschäf 
tigten Rolfs Gedanken und Gefühle in gleicher Weise. 
Die blonde Gerty liebte ihn. Sie verbarg sich nicht hinter 
lächerlichen Minauderien, die er nicht leiden konnte, 
sondern bekannte sich ganz offen zu ihrer Neigung. 
Und das war gut so, denn Rolf Illmann hatte vor 
einigen Tagen seinen zweiundzwanzigsten Offen 
barungseid geleistet —und der Zinsfuß war jetzt ruinös 
hoch. 
Das Gegengewicht gegen all diese nüchternen Er 
wägungen war seine schöne Unbekannte. Die große 
Dame von \Velt und mannigfacher Erfahrung. Sie führte 
den Kampf der Geschlechter mit dem ganzen Aufgebot 
eines verwirrenden Raffinements. Die faszinierende 
Frau schien ebenfalls ein außergewöhnliches Interesse 
an ihm zu nehmen. Er hatte entschieden fabelhaftes 
Glück. 
Allzuviel Glück grenzt aber irgendwie an Pech. Und 
so kam es, daß der Vielumworbene eigentlich nie zum 
Auskosten seines Glückes kam ; Denn die Gunst der 
Beiden überschüttete ihn mit Zusammenkünften, die 
sonderbarerweise immer zeitlich zusammenfielen. ’ Der 
gleiche Tag, ja, fast die gleiche Stunde. Saß die blonde 
Gerty um fünf im Cafe Atlantis, so erschien totsicher 
die imponierende Schönheit um halb sechs im Cafe 
Landtmann, oder umgekehrt. Dem schönen Rolf blieb 
es dann überlassen, sich mit seiner bewährten Gabe 
vor der Flut von Vorwürfen zu retten, mit der er von 
der einen oder anderen überschüttet wurde, wenn er 
den official Service der Liebe versäumte. 
Er log mit Genialität. Dazwischen raste er im Auto 
hin und her, um nur keines der immer versprechender 
werdenden Stelldicheine zu versäumen. Nie noch hatte 
er bei seinen Abenteuern ein solches Tempo entwickelt. 
VI. 
„Wie weit bist du also mit deiner Liebesgeschichte?“ 
fragte eines Morgens Frau Erna. Man saß beim Früh 
stück. 
„Er belügt mich“, erwiderte Gerty fröhlich. 
„Wie bist du ihm darauf gekommen?“ Die Mutter 
klopfte ein Ei auf. 
„Ja, darauf gekommen bin ich eigentlich nicht. Aber 
er hat ganz bestimmt ein Verhältnis. Oder ein Aben 
teuer, das ihn mindestens ebenso stark interessiert wie 
ich.“ 
„Glaubst du?“ fragte Frau Erna und nahm einen 
Würfel Zucker in ihren Tee. „Woraus schließt du das?“ 
„Er vernachlässigt mich schon beinahe. Zweimal ist er 
gar nicht gekommen. Und oft rennt er gleich wieder 
weg. Mit irgendeiner Entschuldigung. Einer so plau 
siblen Entschuldigung, daß sie bestimmt erlogen ist. Er 
lügt fabelhaft, Mama! Immer glaube ich, er muß sich 
endlich einmal verfangen. Aber er hat ein Gedächtnis! 
Keine einzige Ausrede hat er wiederholt. Vielleicht 
schreibt er sich’s auch auf.“ 
Frau Erna lachte. „Eifersüchtig bist du also nicht?“ 
sagte sie. 
„Oh doch. Sehr! Aber ich habe das Gefühl, daß ich die 
Sache reifen lassen muß. Er hat Angst vor mir, denn ich 
sehe es ihm immer deutlich an, wie er sich abhetzt, um 
von der Anderen weg, rechtzeitig zu mir zu kommen. 
Dann sitzt er wie das fleischgewordene, böse Gewissen 
vor mir.“ 
„Das ist gut, denn dann ist ja alles in schönster 
Ordnung“, sagte die Mutter heiter. „Lade ihn für Sams 
tag zum Tee.“ 
Worauf Gerty aufsprang und ihrer besten Freundin 
um den Hals fiel. 
VII. 
Rolf erhielt Gertys Einladung zugleich mit einem 
Bület-doux seiner schönen Unbekannten, das ihn eben 
falls für Samstag zu einem gemeinsamen Ausflug in den 
märzlichen Wienerwald einlud. Sie wollte ihn um fünf 
beim Liebenbergdenkmal im Auto erwarten. Die lange 
befürchtete Kollision der Erlebnisse war eingetreten. 
Es gab nur zwe< Wege; entweder ein Entschuldigungs 
schreiben an Gerty zu senden, was sie ihm bestimmt 
übelnehmen würde, — oder die schöne Dame im Auto 
einfach warten zu lassen. Damit entschwand sie ihm 
aber vielleicht auf Nimmerwiedersehen. Denn dieser 
weibliche Lohengrin hatte ihm noch nicht Namen und 
Art genannt. 
Was also tun? 
Endlich leuchtete ihm ein Einfall auf. Einen Dienst 
mann mit einem geschickt komponierten Entschul 
digungsschrei oen an die Autodame zu schicken, und sich 
in exquisiter Aufmachung indessen der Mutter Gertys 
vorzustellen. 
Er verfaßte also ein schwungvolles Meisterwerk und 
gab sich weiter keinen Besorgnissen hin. 
VII. 
Rolf Illmann läutete an der schmiedeeisernen Gitter 
tür und besah dabei das Haus Karl-Ludwigstraße 22. Es 
war eine geschmackvolle Villa, in einem wohlgepflegten 
Garten gelegen. Ein Hund kläffte irgendwo, — das 
Stubenmädchen kam über den Kiesweg und öffnete. 
Als er in den Salon trat, duftete ihm ein leiser Parfüm 
hauch entgegen. Was war das? Woher kannte er dieses 
Parfüm? Das war ja — ? 
CTorfsetzung auf Seite 2oj
        
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