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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

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Nr. IS 
Gerty hatte den jungen Lebemann bei einem Fünf-Uhr-Tee kennen gelernt 
Frau Erna blies den Rauch ihrer Zigarette in kunst 
vollen Ringen zur Zimmerdecke empor und lächelte: 
„Wie weit bist du mit ihm?“ 
„Wir treffen uns manchmal im Caf£“, antwortete 
Gerty. 
„Das Wichtigste ist, daß du ihn in das richtige Tempo 
bringst.“ 
„Wenn ich nur wüßte, wie?“ 
„Ich will einmal darüber nachdenken“, sprach nach 
denklich die schöne, pikante Frau. 
II. 
Rolf Illmann kam die Währingerstraße herunter gegen 
den Schottenring. Er ging gemächlich wie immer. Es 
war half fünf Uhr nachmittags, und um fünf Uhr sollte 
er Gerty treffen. In den dämmerigen Straßen begannen 
die Bogenlampen aufzuleuchten. 
Vor ihm her ging eine Dame. Sie ging sinnverwirrend. 
Ihre Eleganz hob einen Wuchs, der Rolf das Blut in die 
Schläfen trieb. Er beschleunigte den Schritt und über 
holte sie. Ein vielversprechendes Frauengesicht voll 
Rasse, zwei große, graue Augen blitzten ihn an. 
Bei den schreienden Reklametafeln des Votivkinos 
blieb er einen Moment stehen, um sich gerade in dem 
Augenblick umzuwenden, als die interessante Frau an 
ihm vorbeikam. Sein Bück grüßte sie stumm beredt, 
voll Bewunderung. Die Dame lächelte kaum merkbar, 
aber entschieden ermunternd. Trotzdem begann sie 
rascher zu gehen. Der hauchdünne, fleischfarbene 
Strumpf ließ die wundervollen Beine fast nackt er 
scheinen. 
An der Ecke Währingerstraße-Schottentor blieb die 
Dame einen Moment unschlüssig stehen. Sie wartete 
scheinbar eine Pause in dem turbulenten Straßenverkehr 
ab, um zur Schottengasse hinüber zu gelangen. Mit einer 
halben Kopfwendung vergewisserte sie sich, daß der 
Bewunderer knapp hinter ihr stand. Dann sagte sie: 
„Bitte, wollen Sie mich über die Straße bringen, ich leide 
an Platzfurcht.“ 
„Illmann, Ingenieur Rolf Illmann“, sagte der junge 
Mann und lüftete den Hut. Dann schob er seinen Arm 
unter den ihren, um sie über die Straßenkreuzung zu 
bugsieren. Auto rechts, — Auto links, — Straßenbahn 
wagen, die mit wütendem Klingeln in die Kurve bogen, 
— schrille Hupensignale, Lärm, Benzingeruch, — sie 
landeten bei dem Palaste des Bankvereins. 
Die schöne Unbekannte machte sich frei. „Vielen 
Dank und adieu, mein Herr.“ Aber der unwiderstehliche 
Rolf blieb an ihrer Seite. „Verzeihen Sie, meine Gnä 
digste“, bat er. — 
Jatrg. 28 
Die Dame unterbrach ihn lächelnd. „Ich verstehe. Sie 
wollen die Gelegenheit benützen. Na, kommen Sie ein 
Stück mit. Ich gehe in die Stadt.“ 
Rolf war überrascht. Das ging ja angenehm leicht. 
Er sah sich die schöne Frau näher an. Zweifellos eine 
Frau zwischen zwei Altern, mit dem ganzen Zauber 
der vollen Reife. Tip-Top gekleidet. Schicker Hut, 
dunkle Fohlenjacke, kurzer Rock. Und Geist hatte sie 
auch. Als er neben ihr schritt, paßte ihre Konversation 
vollkommen zu dem vielversprechenden Äußern. Über 
legen, ein klein wenig spöttisch, eine gewiegte Gegnerin, 
in allen Listen und Kniffen der wissenden Liebe wohl 
bewandert. 
Die Dame blieb endlich vor dem Geschäfte von 
Charles Cabos am Hof stehen. „Ich habe hier einiges zu 
besorgen“, sagte sie. „Und somit, — adieu, mein Herr.“ 
„Muß ich wirklich gehen?“ fragte Rolf mit jener 
schüchternen Verliebtheit, die er bei reiferen Frauen 
schon oft mit Erfolg angewendet hatte. „Und ich darf 
Sie nicht Wiedersehen, gnädige Frau?“ 
Die Dame lächelte wieder mit leicht spöttischer Über 
legenheit, die ihn die ganze Zeit her so sehr gereizt 
hatte. „Ich bitte Sie, meine Gnädigste“, —• drängte er, 
und seine Augen sprachen Romankapitel. 
„Nun gut, Herr Illmann.“ Die schöne Frau gab endlich 
nach. „Ich werde Ihnen schreiben, wenn Sie mir Ihre 
Karte unauffällig in die Hand drücken, die Sie doch für 
diese Zwecke sicher immer in der rechten Paletottasche 
tragen.“ 
Rolf zog die Karte aus der rechten Paletottasche und 
drückte der Dame die Hand. Dann verschwand die 
„Eroberte“ lächelnd in der Ladentür. 
III. 
Als Rolf eiligen Schrittes bei der Teinfaltstraße an 
kam, rief ihm die erleuchtete Uhr die fünfte Stunde ent-
        
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