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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jahrg, SS 
Nr. ij 
14 
Es war ein Schuß gefallen, die blonde Tänzerin auf dem 
Podium sank leblos zu Boden. In dem furchtbaren Ge 
dränge achtete keiner auf den Halbohnmächtigen, der 
sich erst in eine leere Nische drückte und dann zur 
Tür hinausstürzte mit vielen anderen, die nach einem 
Arzt und nach der Polizei riefen. 
Einige Tage später fanden Passanten vor einem 
kleinen, an eine Berglehne geschmiegten Häuschen 
außerhalb der Stadt einen Toten mit durchschossener 
Schläfe. Seine Identität war nicht festzustellen, denn 
Papiere und irgendwelche sonstigen Erkennungszeichen 
fehlten. Ein zugereister Fremder, den niemand kannte. 
Eben auch einer, der sich aus dem Leben davonstahl, 
weil es ihn nimmer freute — daran war man ja jetzt 
schon beinahe gewöhnt. 
Ein Wunder war es ja auch nicht, meinten die wenigen 
Zuschauer, die teils aus Neugierde, teils weil sie eben 
Zeit hatten, anwesend waren, als man den unbekannten 
Selbstmörder an der Friedhofmauer zum letzten Schlaf 
bettete. Armer Narr! 
* VON OUOA JiMiMAHN * 
Bilder: Bohnefeldt 
s war trotz ihrer zwanzig Jahre das 
erste Mal, daß Gerty Diell verliebt 
war. — Ein frecher Badeflirt im 
Schwimmtrikot, — eine skandalöse 
Enttäuschung auf den Bretteln im 
Pulverschnee, — waren bis jetzt ihre 
einzigen Erfahrungen gewesen. Vor 
dem „großen Gefühl“ hatte sie sich 
immer ein wenig gefürchtet. 
Aber diesmal saß der Hieb. Alle Symptome trafen zu: 
unruhiger Schlaf und Träume, die ein wahres Götter 
fressen für einen Psycho-Analytiker gewesen wären. 
Rolf Illmann war allerdings ein gefährlicher Mann. 
Von Frauen sehr verwöhnt, trieben ihn seine leicht er 
regbaren Nerven in unzählige Abenteuer. Er hing stets 
an einem Dutzend Leinen, und der Klatsch der Groß 
stadt hatte ihn zur selben Zeit mit einer zweifelhaften 
Prinzessin, mit einer Nackttänzerin und mit der fabel 
haft schönen Frau des russischen Gesandten, die früher 
Blumenverkäuferin gewesen war, in Beziehung gebracht. 
Gerty hatte den jungen Lebemann bei einem Fünf 
uhrtee mit Tanz kennen gelernt. Sein aufdringlich 
schlechter Ruf hatte sie schon längst gereizt. Sie tanzte 
einen Shimmy und einen Boston mit ihm; er nahm ihren 
schlanken Körper dabei in einer Weise, daß sie sich 
brutalisiert fühlte. Einige leichte Abwehrversuche be 
antwortete er mit jenem Lächeln, mit dem man einer 
Kokotte sagt: „Na! Sei nicht dumm, Kleine!“ Sie dankte 
■beleidigt und er tanzte nicht mehr mit ihr. Nach einer 
Stunde Ärger traf es sie wie ein Schlag über den Kopf: 
Sie war in den unverschämten Menschen verliebt. 
Gerty empfand dieses Ereignis wie einen Nervenchok. 
Nachdem sie sich einige Augenblicke der Erholung ge 
gönnt hatte, suchte sie wieder die Nähe des Mannes. 
Nach ein paar unvorsichtigen Blicken wußte sie mit 
maßlosem Ärger, daß er ihre Gefühle erkannt hatte. 
Und sie fühlte, wenn sie den Burschen nicht so weit 
bekam, daß er ihr auf einen Wink die Spitzen ihrer 
Schuhe küßte, würde sie sehr unglücklich sein. Sie 
fühlte das Ganze wie eine süße Lähmung in ihren 
braunen, sportgestählten Gliedern. 
So standen die Dinge, als Gerty sich eines Abends 
neben ihre schöne Mutter auf die Chaiselongue setzte 
und zu beichten begann. 
Die charmante, flotte Frau Erna Diell, seit ihrem vier 
unddreißigsten Jahre Witwe des bekannten Rennstall 
besitzers Herbert Diell, hatte kein zweites Mal ge 
heiratet. Sie war der Ansicht, daß der gemeinsame All 
tag nur in ganz großer Leidenschaft oder in ebenso 
großer Gleichgültigkeit zu ertragen sei. Für das Eine 
sah sie ihre Zeit vorbei — und das Andere hatte sie 
nicht nötig. Sie war sehr reich und nicht einsam. Sie 
hatte ihre Tochter. Die schöne, geistvolle Frau fand 
überdies Anbeter genug. Einige wurden im Laufe der 
Zeit sogar treue Freunde. Als weibliche Vollnatur, die 
sie war, war sie bei der Erziehung ihrer Tochter darauf 
bedacht gewesen, nicht nur alle weiblichen Vorzüge, 
sondern noch mehr alle weiblichen Fehler sachgemäß 
zu entwickeln. Sie wußte, daß eine fehlerlose Frau der 
Schrecken jedes Mannes wäre. 
Gerty begann: „Er hat mich fast wie eine Demimonde 
behandelt. Es war empörend, aber ich konnte nichts 
dagegen tun. Es war auch nicht ganz uninteressant. 
Ich bin also verliebt. Das muß jetzt überstanden wer 
den wie die Masern und der Scharlach. Du weißt doch, 
Mama, wie wenig es mir gerade jetzt paßt. Wo ich doch 
zur Skikonkurrenz auf dem Semmering trainiere. Da 
muß mir das in die Quere kommen. Ich bin damit 
natürlich hors concours gesetzt. Denn der Mensch wird 
mir selbstverständlich genug zu schaffen machen, bis 
ich ihn von allem losgelöst habe. Er ist ja an allen Ecken 
und Enden verhandelt. Das Schlimmste aber ist, daß 
ich mich vor der Sache fürchte. Wenn ich ihn nicht 
ganz fest kriege, werde ich sehr unglücklich sein.“
        
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