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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jahrg. 2S 
Nr, 15 
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M eine schriftstellerische Laufbahn begann ich als 
Lyriker. Ich konnte über keine blühende Wiese 
gehen, ohne den Frühling zu besingen und keine 
Liebschaft anfangen, ohne der Dame meines Herzens einige 
Verse zu widmen. So verdarb ich es schließlich mit allen 
Leuten, die noch etwas auf mich hielten. Wenn man von 
mir sprach, geschah es mit unverkennbarer Geringschätzung 
oder mit unverhohlenem Mitleid, je nachdem man in mir 
einen unverbesserlichen, weltfremden Idealisten oder einen 
Idioten sah. Da beschloß ich, diesem unerfreulichen Zustande 
ein Ende zu machen und mein Glück als Dramatiker zu ver 
suchen. Ich wandte mich daher an einen befreundeten Kol 
legen, der als Bühnenschriftsteller schon zu verschiedenen 
Malen so katastrophale Durchfälle erlebt hatte, daß er direkt 
berühmt geworden war, mit der Bitte, mir aus dem reichen 
Schatze seiner Erfahrungen einiges Wissenswerte mitzuteilen 
und mich in die Geheimnisse der dramatischen Dichtkunst 
einzuweihen. 
„Zunächst“, begann mein Freund, „schlage dir den wahn 
witzigen Gedanken aus dem Kopfe, eine literarisch wertvolle 
Sache schreiben zu wollen. Die Kritik feiert dich zwar als 
den sehnlich erwarteten Messias, widmet dir lange Feuille 
tons unterm Strich, man interviewt, photographiert, porträ 
tiert und filmt dich, haut dich aus in Stein und Marmor, 
benennt Plätze, Straßen,Zigaretten, Schuhfabrikate undHosen- 
träger nach dir, aber — jeder Theaterdirektor macht Pleite, 
der dein „gehaltvolles“ Stück auf den Spielplan setzt." 
Ich nahm mir diese freundschaftliche Warnung so zu 
Herzen, daß ich mit meinem Kompagnon übereinkam, unser 
gemeinschaftliches Tragödiensujet sofort in ein Lustspiel um 
zuwandeln. Im ersten Augenblick mag eine solch voll 
kommene Umstellung des Stoffes aus dem Tragischen her 
aus ins Komische verblüffen, aber die Sache ist einfacher, als 
sie aussieht. Wir gingen dabei — mancher junge Autor wird 
mir für diese kostenlose, praktische Anleitung dankbar sein — 
folgendermaßen zu Werke: Allen Personen, die in unserer 
ursprünglichen Tragödie mit dem Tod abgehen mußten (es 
waren dies fast sämtliche, auf dem Theaterzettel verzeichne- 
ten Darsteller und Darstellerinnen), schenkten wir groß 
mütig das Leben, aus jedem platonischen Liebesverhältnis 
konstruierten wir einen Ehebruch, den wir im letzten Akt 
wieder einrenkten. Im übrigen schrieb mein Kompagnon 
den ersten Akt, ich den vierten-, dann er den zweiten, ich den 
dritten. So kamen wir in der Mitte glücklich zusammen 
und überreichten schließlich das Lustspiel einem Wiener 
Theaterdirektor, der es auch akzeptierte aus Dankbarkeit, 
da er uns im verflossenen Sommer während eines längeren, 
gemeinsamen Aufenthaltes in Norderney beim Poker all 
abendlich unser Geld abgeknöpft hatte. Allerdings waren 
einige Bedingungen an die Annahme geknüpft: die vier 
Akte mußt: n in drei zusammengestrichen werden, ebenso 
mußte die eine und die andere Szene des ersten, beziehungs 
weise zweiten und dritten Aktes in Wegfall kommen. Auch 
mußte die Handlung eine durchgreifende, mehr auf lokale 
Verhältnisse Rücksicht nehmende Umarbeitung erfahren. 
Ein sehr namhafter Wiener Autor habe sich zur sinnent 
sprechenden Ausführung dieser „unwesentlichen“ Änderun 
gen bereit erklärt gegen eine Vergütung von 50 Prozent an 
den Tantiemen. Auch der Regisseur, eine hervorragende 
Kraft, dem die schwierige Inszenierung obliege, rechne für 
seine besondere Mühewaltung mit einer kleinen Beteiligung 
von 20 Prozent, Schließlich dürfe der Hauptdarsteller, auf 
dessen Schultern der Erfolg des Stückes ruhe, nicht vergessen 
werden. Die meisten Autoren böten ihm 20 bis 30 Prozent 
der Abendeinnahme. Er, als Direktor, lehne jede Beteiligung 
von vornherein ab; wenn wir uns ihm erkenntlich zeigen 
wollten, stehe es uns frei, eine Kiste Champagner zu dedi- 
zieren. . . Zähneknirschend sagten wir Ja und Amen. Noch 
einmal erhielten wir die Nachricht, daß der Aufführung 
unseres Lustspiels, nachdem nunmehr die Umarbeitung be 
endet sei, nichts mehr im Wege stehe. Doch lasse sich ein 
genauer Termin noch nicht festsetzen, das hänge von den ver 
schiedensten Umständen, vor allem von dem Kassenerfolg der 
übrigen Stücke ab. Wir sagten abermals Ja und Amen; 
erstens aus angeborener Gutmütigkeit und zweitens, weil 
manTheaterdirektoren immer Entgegenkommen zeigen muß, 
wenn man überhaupt etwas erreichen will. Als eine ge 
raume Zeit verstrichen war, ohne daß wir von dem Schicksal 
unseres Lustspiels etwas Näheres erfahren hatten, fuhren wir 
nach Wien, um an Ort und Stelle bei der Direktion Erkundi 
gungen einzuziehen und zugleich von den vorgeschlagenen 
Änderungen Kenntnis zu nehmen. Es war schon spät am 
Abend, als wir in Wien eintrafen. Um keine Zeit zu ver 
säumen, beschlossen wir, sofort in das Theater zu eilen und 
dort nach der Vorstellung dem Direktor unsere Aufwartung 
zu machen. Wir nahmen dabei mit Freuden die Gelegen 
heit wahr, die Kräfte des Theaters einmal auf ihre Leistungs 
fähigkeit zu prüfen, erstanden eine Loge und kamen gerade 
noch recht, als das letzte Klingelzeichen ertönte. Das Haus 
war gut besucht. Nach dem ersten Akt tosender Beifall. Uns 
gegenüber befand sich die Direktionsloge. Der Direktor, der 
uns beide erkannt hatte, winkte uns freundlichst zu, gesti 
kulierte, schien überhaupt sehr festtäglich gestimmt zu sein. 
Gegen Ende des zweiten Aktes flüsterte ich meinem Mitar 
beiter ins Ohr; „Das Sujet des Lustspiels hat eine gewisse 
Ähnlichkeit mit der Grundidee unserer Rornpagniearbeit, die 
nun hoffentlich auch bald in Szene geht. . . Selbst im Dialog 
finden sich zuweilen frappierende Anklänge“—.
        
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