Path:

Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Ar. J5 
Jahrg. 2S 
6 
„Gewiß nicht!“ Kornelius wurde lebhafter. „Verw r öhnt 
wurden Sie von den andern und daß Sie auch das 
Leben immer nur verwöhnte, ist sicher nicht Ihre 
Schuld. Aber das andere fehlt Ihnen.“ 
„Was verstehen Sie darunter?“ fragte sie, während sie 
eine glasierte Makrone von dem anhaftenden Papier be 
freite und in den Mund schob. 
„Das Nichtverwöhntwerden, das Leid, etwas, das Sie 
wie ein Keulenschlag trifft, das Sie so anpackt“ — er 
streckte die Hand aus und krümmte mit einem plötz 
lichen Ruck die Finger, „das Sie faßt und schüttelt und 
klein schlägt.“ Seine Augen blitzen unter zusammenge 
zogenen Brauen. 
Jolanda sah ihn einen Augenblick beifällig an, dann 
bemerkte sie leichthin: „Da würde ich doch das Leben 
einer Odaliske dem Prügeln vorziehen.“ 
„Sie verstehen mich nicht“ brummte er unmutig. 
„Hören Sie, mein Lieber, ich will Sie nicht verstehen. 
Was wissen Sie denn von mir? Gar nichts. Sie kennen 
mich viel zu wenig“, ein Unterton von Heftigkeit begann 
in ihre Stimme zu rollen, „zu wenig von meinem Leben, 
um mich richtig beurteilen zu können; vielleicht waren 
auch große Momente darin!“ 
„Nein, Frau Jolanda, nein!“ wiedersprach Kornelius 
hitzig, „sonst müßte man die Narben merken.“ 
Sie hatte ihre ruhige Heiterkeit wiedergefunden. „Da 
würde ich gut aussehen“, lächelte sie spöttisch, „stellen 
Sie sich vor, Gesicht, Arme, Dekollete, alles voll Beulen 
und Narben!“ 
Er zuckte zusammen wie unter einem körperlichen 
Schmerz. Da war es schon wieder, dieses Ablenken, 
Ausweichen — jedesmal, wenn er zum Sprunge ansetzte, 
wich die Erde zurück. Sollte er nie hinüberkommen? 
„Aber wissen Sie, Frau Jolanda, daß Sie die Sehnsucht 
nach dem großen Erleben noch immer ungestillt mit 
sich herumtragen?“ 
„So? — Das ist mir ganz neu!“ 
„Eine Last, die Sie unbewußt tragen.“ 
„Mag sein — gedrückt hat sie mich noch nie.“ 
„Wahrscheinlich verstehen Sie, unbequeme Dinge zu 
übersehen.“ 
„Und woher wissen Sie davon? Bilden Sie sich etwa 
ein, mich besser zu kennen als ich selber?“ fragte sie 
ironisch. 
Wieder nickte er. „Weil ich mehr mit dem Herzen 
urteile als mit dem Hirn, mehr instinktiv als verstandes 
gemäß.“ 
„Na und — ?“ 
Er holte Atem. „Erinnern Sie sich noch, vor ein paar 
Tagen begegnete ich Ihnen am Raffaelplatz und Sie be 
merkten mich erst im letzten Moment, als ich schon 
grüßte, obwohl nur wenige Leute auf der Straße waren.“ 
„Ja, richtig, ich war ganz in Gedanken.“ 
-Und da sah ich Ihr Gesicht nackt, ohne das ewige 
verbindliche Lächeln der großen Dame, dieser Maske, 
die beinahe schon aufgemalt, auf gepreßt ist, hinter der 
ihr eure Gefühle zu verbergen wißt, oder mit der ihr in 
andern die Hoffnung weckt, wenn euer Herz leerge 
brannt ist, er konnte —“ 
„Verlieren Sie sich nicht!“ unterbrach ihn Jolanda 
ungeduldig, „Sie wollten doch von mir erzählen!“ 
„Das tue ich ja“, gab er scheinheilig zurück. „Es war 
nur eine momentane unkontrollierbare Empfindung, die 
in mir aufstieg. Ich dachte plötzlich an eine Fürstin', die 
früher einmal über ein großes glückliches Reich ge 
herrscht hat und nun, vertrieben, auf einer grünen, 
wogenumbrandeten Insel lebt und von der weißen 
Schloßterrasse aus nach der Küste ihres verlorenen 
Reiches schaut.“ 
„Sie sind ja ein Dichter!“ staunte sie, „Sie sollten 
Leitartikel schreiben und Feuilletons. Und Sie meinen, 
ich hätte auf der Straße so ausgesehen?“ 
„Ja.“ 
„Merkwürdig“, schüttelte sie den Kopf, „dabei habe 
ich doch nur an ein neues Winterkostüm gedacht.“ 
Kornelius bäumte auf. „Sie finden nicht einmal den 
Mut zur Wahrheit!“ 
„Es hätte doch gar keinen Zweck, mich vor Ihnen zu 
verstellen, da Sie mich angeblich so gut kennen.“ 
Mechanisch zerbröckelte er ein Stück Kuchen auf 
seinem Teiler. Ich kann versuchen, was ich will, dachte 
er, sie wird immer wieder irgend etwas als Schild Vor 
halten, daß ich abgleite... Vielleicht sollte ich froh sein, 
daß mir eine Enttäuschung erspart bleibt; aber nein, 
immer wieder wachsen dieser Hydra von einer Hoffnung 
neue Köpfe nach, bis einmal eine Enttäuschung die 
Wunde sengt. Und ich muß mich an ihr verbrennen, ich 
muß. — Mit einem Ruck hob er den Kopf, sein Gesicht 
war von unverhüllter Leidenschaft überflammt, daß 
Jolanda zurückschauerte. 
Der braune Samthut neigte sich, halblaut sprach sie 
vor sich hin; „Vor ein paar Tagen kam die kleine Mia 
zu mir und fragte ganz ernsthaft: Nicht wahr, Tante, 
die Pferde haben diese ledernen Dinger an den Augen, 
damit sie nicht kokettieren können. Ist das nicht süß? 
— Ich empfehle Ihnen übrigens eine ähnliche Vorrich 
tung, Ihre Augen sprechen manchmal entschieden zu 
laut.“ 
Er sah mit erloschenem Blick an ihr vorbei, als hätte 
er die Worte gar nicht vernommen. „Ich möchte Ihnen 
eine Geschichte erzählen, aber ich weiß nur die Hälfte 
davon.“ 
Sie lächelte. „Bitte.“ — 
Wir hatten bei der Schwadron eine hohe Fuchsstute, 
ein ausgezeichnetes Tier, sprang vorzüglich, die höchste 
Hürde war für sie kein Hindernis. Nur über den 
Wassergraben ging sie nicht, um keinen Preis, weder 
Güte noch Strenge half. Im letzten Moment bohrte sie 
die Hufe in den Rasen und — sprang nicht. Sei es, daß 
sie einmal schwer gestürzt war oder daß sie vor ihrem 
eigenen Bild scheute, das sie plötzlich unter sich im 
Wasserspiegel entdeckte, sie kam nicht drüber, als 
würde sich im entscheidenden Augenblick ein inneres 
oder äußeres Hindernis einstellen. Das ist der erste 
Teil.“ 
„Also das Pferd kam nie über den Graben?“ 
„Nein. Alle Mittel versagten, Schläge, Sporen, 
Zucker, alles ohne Erfolg. Etwas Größeres hätte 
kommen müssen, ein ( Raubtier, das das Pferd hetzte 
oder ein Präriebrand.“ 
Jolande hob die ^Schultern. „Man stolpert eben nicht 
über Kleinigkeiten“, sagte sie vorwurfsvoll. 
„So?! — Nur über Kleinigkeiten!“ 
„Dann muß ^eben das Pferd ewig vor dem Graben 
stehen bleiben , bedauerte sie, „Raubtiere gibt’s nicht 
und vielleicht ist auch keine Prairie zum Brennen da.“ 
Unvermutet warf sie den Kopf zurück. „Warum er 
zählen Sie mir das alles? Grobheiten und Schmeiche 
leien, Peitsche und Zucker — ?“ 
„Ich will Sie aus Ihrer Maske herauskriegen, will Ihr 
wahres Bild sehen.“ 
„Was kümmert Sie das?“ 
„Ich will es dann mit dem, das ich mir von Ihnen ge 
macht, vergleichen, ob sich die beiden decken.“ 
„Ein psychologisches Experiment also? Wie raffiniert 
Sie sind! Auch bewußte Unwahrheiten sind Ihnen zu 
dieser Probe auf Ihre Menschenkenntnis gut genug?“ 
„Weil Sie darauf am stärksten reagieren!“ 
„Pfui — schämen Sie sich! Und so etwas macht Ihnen 
Freude?“
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.