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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jahtg. ZS 
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Schlummer von deinem süßen Liebreiz durchhaucht ist. 
Die Nacht wird meine Sehnsucht spüren, und zum 
Morgen muß ich wieder jenen unbarmherzigen Streifen 
Meer unter mir fühlen, der es verhindert, daß dein 
zierlicher Fuß denselben Boden streichelt, der die Un 
ruhe meiner wandernden, ach, immer dich suchenden 
Schritte kennt.“ 
Der Herzog war stehen geblieben und schaute in ihre 
durchzuckten Augen. Sie verstand es wohl, hinter dem 
nüchternen Programm die Flammenschrift seiner 
Wünsche zu lesen. Ein brennendes Lächeln färbte die 
alabasternen Schalen ihrer Wangen. „O, guter Philippe!“ 
hauchte sie zum dritten Male und entwand ihre Finger 
dem drängenden Druck seiner Hand. 
In der Loge der Listers waren währenddem große 
Dinge geschehen. Der beleibte Lord hatte eiligst das 
Weite gesucht, und an seiner Stelle plauderte Sir 
George McCrea recht angeregt mit der Matrone Lister. 
Die hatte den Siegesruhm, den Gewinn von 100 000 Pfd. 
und den Besitz eines neuen Favoriten neben die bessere 
Zufriedenheit des Töchterleins auf die Wagschale ihrer 
Meinungen gelegt, und siehe, die Fülle des Lord Mar- 
maduke nebst Namen und Reichtum erwies sich auf 
der anderen Schale nun keineswegs mehr als gewichtig 
genug. 
Dieweil aber die sinkende Sonne ein Bild der Glück 
seligkeit vergoldete, wie Sir George der Lady Mary 
beglückt die Hände küßte, und die Matrone Lister 
feierlich den mütterlichen Segensspruch mit einem 
Tränlein netzte, jagte im Gewimmel der Karossen und 
Fußgänger ein befeuerter Mensch auf galoppierendem 
Pferde nach einem verschwiegenen Landhause. Und da 
Sir George zum Abend eine intime Festlichkeit für 
Mutter, Tochter und Schwiegersohn vorschlug, legte 
Fräulein Mary bedauernd die zierlichen Finger an die 
weiße Stirn und bat, solche Festivität auf den anderen 
Tag zu verlegen, denn just fühle sie eine recht böse 
Migräne herannahen. 
„Es war ein aufregender Tag, und Lady Mary bedarf 
der Erholung“, entgegnete Sir George hierauf mit ga 
lanter Bescheidenheit. 
Und dieser Verzicht tat der Gesundheit der jungen 
Lady Lister sehr wohl, denn da sie mit einbrechender 
Dunkelheit die Pforte eines einsamen Landhäuschens 
öffnete, flammte wohl ihre Stirn in einem verzehrenden 
Feuer, aber dieses war mitnichten der höllische Brand 
einer argen Migräne. 
DER WASSERGRABEN 
D r. Ernst von C s ala (Wien) 
as hübsche blasse Mädchen setzte mit 
einer ruhigen anspruchslosen Bewegung 
die Silbertasse auf die matte buntge 
äderte Marmorplatte; während ihre 
schlanken gepflegten Hände die in viel 
facher Wiederholung rein mechanisch 
gewordene Geste formten, streiften ihre 
Augen die Beiden auf den rotsamtenen 
Sesseln mit einem gleichgültigen Blick, 
der sie nicht zu sehen schien und sie doch festhielt, ihre 
Konturen nachzeichnete — und geräuschlos, wie sie auf 
getaucht war, verschwand sie wieder. 
Kornelius nahm gedankenlos den langgestielten 
schmalen Löffel und drehte ihn spielend zwischen den 
Fingern; der unmerkliche Druck eines Lhabehagens lag 
auf seinen Nerven. Die Augen, ein merkwürdiger 
Gegensatz zu den schweren, massiven Gliedern, die am 
besten in die Uniform eines Kürassiers gepaßt hätten, 
schweiften ruhelos und befremdet in dem eleganter. 
Solon umher. Gedämpftes Plaudern und Lachen plät 
scherte in der warmen Luft, in der sich verschiedene 
Parfüms mit dem Duft von Süßigkeiten vermischten, 
manchmal schwammen aus den überfüllten Neben 
zimmern abgerissene Fetzen Musik, zersplitterte 
Walzertakte herein; hier war alles diskret und gemessen 
und zurückhaltend, von einer gewissen Reserve, welche 
die stilvolle Eeleganz des Raumes, die glodgepreßten 
Ledertapeten und gedämpften Beleuchtungskörper, die 
Bronzen und Porzellanvasen auf dem Marmorkamin 
auferlegten. 
Kornelius sah mit einem scheuen Seitenblicke nach 
Frau Jolanda; sie trug einen braunen Samthut, um den 
sich ein faltiges Band aus Goldstoff wie eine glitzernde 
Schlangenhaut schmiegte und der ihre obere Gesichts 
hälfte vor ihm fast völlig verbarg; um die Mundwinkel 
spielte ein überlegenes Lächeln. 
„Ich freue mich, Sie so gut gelaunt zu sehen“, sagte er 
ein wenig ärgerlich. 
„Meine gute Laune verdanke ich nur Ihnen“, ant 
wortete sie übermütig. „Sie haben scheint’s keine 
Ahnung, daß Sie über das Eis herfallen, wie über eine 
unangenehme Aufgabe, die Sie mit Todesverachtung er 
ledigen wollen. Sie werden sich den Magen verderben, 
mein Lieber.“ 
Er murmelte etwas, das halb unwillig, halb wie eine 
Entschuldigung klang. 
Jolande fragte leise: „Ärgern Sie sich denn — 
warum?“ 
„Ich weiß nicht, irgend etwas brennt und zerrt in mir“, 
und da sie schwieg, setzte er mit einem jähen Entschluß 
hinzu: „Sie stehen doch vor mir und ich sehe Sie doch, 
wie kommt es, daß ich keinen Weg zu Ihnen finde?“ 
Das Lächeln verschwand. „Nur keine Übertreibungen: 
leider bilden Sie sich ein, zuviel in mir suchen zu 
müsen.“ 
„Ich spüre aber, was alles in Ihnen verborgen ist, 
Gutes und Schlechtes und bin trostlos, weil ich keinen 
Schlüssel zu den verschlossenen Türen finde.“ 
„Gutes und Schlechtes? Sehr liebenswürdig!“ 
„Sie sind ein guter Mensch, gewiß, aber zufällig, ohne 
inneren Grund, Sie könnten ebenso schlecht sein.“ 
„Was soll das jetzt wieder heißen?“ 
Daß Sie aus Bequemlichkeit oder Gleichgültigkeit gut 
sind. Wie eine Odaliske, schwer, üppig und weich, die 
sich zwischen bunten Seidenkissen dehnt, parfümierte 
Zigaretten^ raucht und nicht weiß, ob sie dem Sklaven, 
der des Nachts in ihre Gemächer gedrungen ist, ihre 
schwellenden Glieder schenken oder ihm den Kopf ab- 
schlagen lassen soll; vielleicht auch, daß sie ihn erst am 
anderen Morgen köpfen läßt.“ 
„Phantast! sagte sie belustigt und betrachtete 
prüfend ihre glänzenden Fingernägel. „Sie halten mich 
also für eine Egoistin?“ 
„Ja!“ Das Wort klang überzeugt, wenn auch ein leises 
Bedauern darin bebte. „Für eine schöne, verwöhnte 
Frau.“ 
„Da kann ich doch nichts dafür?“ meinte sie un 
schuldig.
        
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