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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

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Nr. IS 
Jairg. SS 
DER ROSENKAVALIER. Originalzeichnungen von Dr. Grunenberg. 
Die silberne Rose Der Brautkuß 
Eine dichte Staubwolke raste um die Bahn, zog fern 
um die Kurve und näherte sich rasch. Jetzt flog sie 
wieder vorüber. Als erster stob „Invincible“ in die 
zweite Runde, dicht gefolgt von dem Feld und dahinter 
dem fremden Pferd, das sich in einem leichten, tän 
zelnden Galopp hielt. Für einen Augenblick wandte 
Sir George McCrea ein paar übermütig blitzende 
Augen herüber. 
„Tableau glaubt, sich morgen schon im Hydepark zu 
ergehenI“ schrie Lord Marmaduke. Das Fieber packte 
ihn. „Welch vornehme Mäßigung bei einem Ballett 
mädchen!“ Gelächter zerflatterte im Winde. Man 
drängte sich an die Brüstung. Fräulein Mary stand, 
schwer atmend, allein in der Logenecke und folgte dem 
Rennen mit brennenden Blicken. Süß und betäubend 
stieg ein Ahnen in die Jagd ihrer Gedanken. Verstand 
sie etwas von Pferden? O, gewiß! Dann aber gab es 
nur eine einzige Stute zwischen dem heiligen Peters 
burg und dem sündigen Paris, die das Fell so voll Sonne 
und die schmalen, hohen Beine so voll glitzernder Be 
wegung hatte. Und sie preßte die Hand gegen den 
tiefen Ausschnitt ihres Gewandes. 
„Wo bleibt die superbe Sensation?“ rief Lord Mar 
maduke in die Nebenloge. 
Count Morris streckte aufgeregt die Hand aus, daß 
die Spitzenmanschetten flatterten. „Da ist sie schon!“ 
rief er außer Fassung. Ein golden glänzender Pferde 
leib zuckte vorüber und flog eine halbe Länge vor „In 
vincible“ durch das Ziel. 
Eine allgemeine Verwirrung verhäkelte Stimmen und 
Bewegungen in den Logen. Gewaltig stieg der lärmende 
Jubel aus den entspannten Kehlen in den lächelnden 
Himmel. Da geschah es, daß ein Mensch an die Loge 
der Listers trat und leise den Namen Mary flüsterte. 
Sie wandte sich jäh und brannte in einer Flamme aus 
Blut, denn im Rock eines bürgerlichen Besuchers von 
Ipswich stand Philippe vor Ihr, der Herzog von Faucon, 
der verlorene Geliebte. Sie erzwang sich die Fassung, 
ergriff bewegt seine Hand und mischte sich mit dem 
Freunde eilends unter die Massen heimströmenden 
Volkes. 
„O, guter Philippe!“ flüsterte sie, „welch ein Mirakel! 
Sir George siegt auf der „Goldenen Tänzerin“ des 
Stalles Faucon und nennt sie „Tableau“! Ein Unge 
nannter stiftet 100 000 Pfund, eine Summe, würdig der 
Großzügigkeit parisischer Herzoge — rate ich recht, 
teurer Freund?“ 
Der Herzog lächelte schwermütig in ihre Fragen. 
„Sollte der Hilferuf des schönsten Mädchens von Eng 
land elend im Schloß Faucon zerflattern?“, sagte er 
leise. „Ich muß dich wohl einem Manne gönnen, du 
wahrhaft englisches Geschöpf, aber wenigstens soll es 
ein Mann deiner Wahl sein, und so hieß meine Auf 
gabe, die Vorsehung zu spielen und dir den rechten 
Gemahl in die Arme zu leiten. Das war nicht schwer, 
Geliebte unvergessener Stunden, ich schaffte die „Gol 
dene Tänzerin“ nach Ipswich und ließ sie durch einen 
geschickten Burschen dem Sir McCrea anbieten. Die 
Verschwörung gelang. Der brave Junge erkannte den 
Wert des Füchsleins und schlug ein. Nun konnte er 
das Rennen wagen und, o, Mary, vom Wagen zum Ge 
winnen, sagt man, ist der Weg nicht weit. Das ist mit 
wenigen und ungezierten Worten die Historie dieser 
denkwürdigen Stunde.“ 
„O, guter Philippe!“ flüsterte Lady Mary wiederum 
und drückte recht voller Leidenschaft seine Hand. 
„Zum Abend“, fuhr der Herzog fort, „werde ich in 
meinem Landhause verweilen, das noch in seinem
	        
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