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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jah.tg ZS 
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getötet. Nein, Herr ögle, ich denke, sie erfährt es 
morgen früh immer noch zeitig genug.“ 
„Ich möchte zu ihm.“ 
„Ja, Herr ögle. Kommen Sie.“ 
Die beiden traten auf den Zehenspitzen ein. Der 
Arzt sah ihnen entgegen. Er grüßte den Rechtsanwalt 
nur mit einem stummen Kopfnicken. Mit den Augen 
stellte ögle eine angstvolle Frage, Der Arzt schüttelte 
schweigend den Kopf. 
Der Sterbende lag auf dem breiten persischen Divan, 
der in der Nähe des Fensters stand. Eine dunkelrote 
Schirasdecke verhüllte seinen Körper. Nur das bleiche 
Gesicht und die Hände, auf denen schon ein bläulicher 
Schimmer lag, waren unbedeckt. 
Hatte das Geräusch ihn aufgeschreckt? Hatten seine 
Sinne, von der Nähe des Todes geschärft und verfei 
nert, den Freund erfühlt? Er schlug die Augen auf. 
ögle trat an das Lager des Sterbenden heran. Ein 
seltsam fremder, feindseliger Zug lag auf Espelands 
Gesicht. Der Ausdruck seiner Augen veränderte sich 
nicht; keine Bewegung ließ ahnen, ob er den Freund 
erkannt hatte. 
„Thorbjörn“, sagte ögle leise und legte seine Hand 
auf die des Sterbenden; eine harte Kälte ging von ihr 
aus. 
Espeland schlug die Augen auf und richtete den Blick 
auf den Freund. Auch in seinen Augen lag jener fremde, 
harte, beinahe feindliche Ausdruck. Er öffnete den 
Mund, aber das Wort, das seine matten Lippen formten, 
erstarb. Er sah ögle an, mit einem Blick, in dem etwas 
Unverkennbares lag: irgendeine Absicht, eine Mittei 
lung, wahrscheinlich ein Auftrag. Er schüttelte den Kopf 
— zweimal — dreimal — dann — ögle fuhr zusammen 
— hob er zitternd die rechte Hand, ohne den Oberarm 
zu bewegen, und deutete nach seiner Brust. 
ögle nickte. „Ich weiß, Thorbjörn — armer Kerl — 
du mußt ganz ruhig sein und dir keine Gedanken 
machen. Dann wird es schon werden“, setzte er zögernd 
hinzu und schämte sich seiner eigenen Lüge. 
Wieder schüttelte der Sterbende den Kopf. Wieder 
hob er die Hand und zeigte nach der gleichen Stelle. 
Und erst jetzt sah ögle, daß er nicht auf seine Wunde 
wies —, daß er nach seiner Brusttasche deutete. 
ögle wandte sich um und sah den beiden, die angst 
voll und schweigend lauschten, ins Gesicht. Der Arzt 
ließ sich behutsam am Fußende des Divans nieder; 
mit unendlicher Sorgsamkeit streifte er die Decke ein 
wenig herunter. Der Sterbende quittierte mit einem 
bejahenden Lächeln, in dem ein matter Dank lag für 
die Hilfeleistung. Wieder irrten seine Augen suchend 
und angstvoll zu dem Gesicht des Freundes hinüber. 
Der übermenschliche Aufwand an Kraft, den ihn diese 
Bewegung sichtlich kostete, ließ nur zu deutlich er 
kennen, daß es unaufhaltsam mit ihm zu Ende ging. 
Aber noch glühte ein Wälle in diesem Körper, noch 
vermochte er sich auf sein letztes Gedankenziel zu 
konzentrieren. In seinem Blick prägte sich eine deut 
liche Aufforderung aus — fast ein Befehl. 
ögle faßte in die Brusttasche des kaum noch Atmen 
den. Ein Papier knisterte. Er zog es heraus. Es war 
ein zusammengefaltetes Telegramm. 
Der Sterbende hielt seine Augen unausgesetzt auf 
ögle gerichtet. Unter dem Zwange des Blicks faltete er 
das Papier auseinander. Er überflog die Schriftzüge, 
aber der Inhalt des Geschriebenen war so banal, daß er 
ihn in der gesteigerten Intensität seiner Sinne, in der 
nervösen Spannung dieser Minute kaum verstand. Er 
nickte wie zum Zeichen, daß er den Auftrag, die De 
pesche auf dem Telegraphenamt zu expedieren, getreu 
lich ausführen werde, und fast im gleichen Moment 
schloß Espeland, sichtlich beruhigt, seine Augen. Anton 
und der Arzt merkten die Veränderung, die in den 
Zügen des Versoheidenden eintrat. Der Inhalt des 
Telegramms mochte sie in der unmittelbaren Gefahr 
des Augenblicks wenig kümmern, ögle steckte das 
Papier ein und faßte nach Espelands Hand. 
„Er ist tot!“ sagte der Doktor. 
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