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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

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Jafjrg. 28 
31 
„Dann hörte ich ihn auf sein Zimmer gehen; denn 
ich hatte die ganze Nacht über gewacht, das können Sie 
sich wohl denken. Plötzlich klingelte er. Als ich nicht 
sofort erschien — denn ich mußte erst Licht anzünden 
und meine Schuhe suchen —, da klingelte er schon 
zum zweiten Male. Ich stürzte zu ihm ins Arbeits 
zimmer. Er lehnte am Fenster. Sein Gesicht war bleich 
und seine Augen eingefallen. Er sah mich eine ganze 
Weile schweigend an. Einmal schien es mir, als ob 
er den Kopf schüttle wie jemand, der mit seinen Ge 
danken in weiter Ferne ist. Dann sagte er: 
„Ich werde heute Nacht sterben.“ 
„Aber um Gottes willen, gnädiger Herr!“ rief ich 
erschreckt. „Sind Sie denn krank?“ 
„Nein, Anton. Man wird mich töten.“ 
„Aber wer denn, Herr Espeland? Wir wollen die 
Jalousien herunterlassen, so sind Sie in Sicherheit.“ 
Er streckte die Hand aus, als ob er mich hindern 
wollte, mein Vorhaben auszuführen. „Sollte mir etwas 
passieren, Anton, so mußt du mir eins versprechen.“ 
„Alles, Herr Espeland, alles, was Sie wollen. Aber 
es wird Ihnen nichts passieren, dafür werde ich sorgen.“ 
Er nickte mit melancholischem Lächeln. „Wo ist 
meine Frau?“ 
„Auf ihrem Zimmer, gnädiger Herr.“ 
„Ist sie sehr traurig gewesen?“ 
„Ja, Herr Espeland . . . sie hat am Fenster gestanden 
und Ihnen nachgesehen, als Sie davongefahren sind. 
Dann hat sie sich umgewendet und mit keinem Men 
schen ein Wort mehr gesprochen. Schweigend ist sie 
durch das Haus gegangen, hinauf auf ihr Zimmer. Dort 
ist sie geblieben.“ 
„Und die Gäste? Haben sie sich nicht um sie be 
müht?“ 
„Herr Myhre ist zu ihr hinaufgegangen.“ 
„Herr Myhre ... so, so.“ 
„Dann ist er wieder heruntergekommen und hat eine 
Flasche Sekt geholt, die hat er ihr gebracht. Aber dann 
ist er gleich darauf wieder zurückgekommen.“ 
„Wirklich, Anton?“ 
„Es ist, wie ich Ihnen sage; jedes Wort ist Wahrheit. 
Dann sind Herr Myhre und seine Freunde aufgebrochen, 
und bald darauf ist 
auch Herr ögle gegan 
gen, und zuletzt Ihr 
Schwiegervater.“ 
./Hat er seine Toch 
ter nicht aufgesucht?“ 
„Jawohl, Herr Espe 
land, das hat er getan. 
Ihr Zimmer war ver 
schlossen. Er hat ein 
paarmal geklopft. 
Aber sie hat ganz leise 
etwas gesagt, ich habe 
es nicht verstanden. 
Da ist er schließlich 
gegangen.“ 
,A.nton“, sagte plötz 
lich Herr Espeland, 
„falls ich sterben sollte 
— und ich werde ster 
ben — hörst du, ich 
werde sterben —, so 
benachrichtige Herrn 
Rechtsanwalt ögle. Er 
ist mein bester Freund, 
du weißt es. Er soll 
acht geben auf . . . “ 
In diesem Augen 
blick geschah das 
Furchtbare: aus dem 
Dunkel der Nacht kam 
der Schuß. Ich konnte 
so schnell garnicht be 
greifen, was passiert 
war. Mein Herr warf die Arme in die Luft und fiel 
hintenüber. Ich beugte mich über ihn. Ich erstickte 
das Jammern, das über meine Lippen kommen wollte, 
und die Tränen, die mir in die Augen traten. Ich riß 
ihm die Kleider auf. Er wehrte mit mattem Lächeln 
ab und wies auf die Schußstelle, aus der Blut kam. 
Brustschuß! . . . Dann deutete er durch eine Lippen 
bewegung an, daß er sprechen wolle. Er stammelte 
ein paar Laute, aber seine Sprache war tonlos. Ich 
legte das Ohr an seinen Mund; ein Hauchen wie von 
einer verlöschenden Flamme war alles, was ich hören — 
nein, was ich fühlen konnte. Ich sah, daß er furcht 
bare Anstrengungen machte, um verständlich zu wer 
den. Er preßte die Zähne aufeinander, daß er zitterte, 
und richtete sich ein wenig auf. Deutlich merkte ich, 
daß er ein bestimmtes Wort sprach, und zwar ein 
Wort, das er dreimal wiederholte. Aber soviel ich mir 
auch Mühe gab, ich konnte es nicht verstehen . . . nicht 
erfassen . . . dies unbekannte Wort.“ 
„Was taten Sie nun?“ 
Der Diener blickte zu Boden und holte tief Atem. 
„Ich stürzte davon — zum Fenster hinaus, den Mörder 
zu suchen . . . den Mörder zu finden. Es war Wahn 
sinn, ich weiß es . . . nach so langer Zeit ... in der 
Dunkelheit der Nacht. Und es war vergeblich, natür 
lich. Dann kehrte ich zurück und telephonierte nach 
dem. ArBt/“ 
„Fanden Sie bald einen?“ 
Der Diener nickte. „Er ist noch bei ihm, Doktor 
Gysander aus der Frederiksbergallee.“ 
„Und die gnädige Frau?“ 
„Sie ist noch immer auf ihrem Zimmer.“ 
„Auf ihrem Zimmer . . . ihr Mann liegt tot . . . oder 
doch im Sterben . . . und sie bleibt auf ihrem Zimmer?“ 
„Sie weiß es noch nicht, Herr ögle.“ 
„Warum haben Sie es ihr nicht gesagt?“ 
Wieder blickte der Diener zu Boden. Dann sagte er 
leise: „Ich habe es nicht übers Herz gebracht. Die arme 
junge gnädige Frau — was ist heute an ihrem Freu 
dentage schon alles über sie hereingebrochen; und nun 
noch dieses letzte Furchtbarste! Es hätte sie vielleicht
        
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