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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nr, 14 
Jahrg. 28 
15 
Betend kniete Ketsu in der weihrauchdurchwallten 
Tempelhalle. Die junge Nonne Masago trat hinter ihn, 
ihr Blick traf den auf der Brust geöffneten Kimono der 
Pilgenn. Ihre Augen weiteten sich in ungläubigem 
Staunen — ihre Hand schnellte vor. riß das Gewand 
zurück, ehe es der Überraschte hindern konnte. Süß 
lächelnd flüsterte Masagos roter Mund an seinem Ohr: 
nie, nie, würde sie ihn verraten! Wenig später, im 
Klostergarten zwischen blauen Glycinientrauben, wußte 
sie um seine Liebe zu Yenyui, tobte in rasender Eifer 
sucht, und wieder mußte der schöne Ketsu fliehen, dies 
mal allein. Der grauende Morgen traf ihn in Nonnen 
tracht in einem Tal, an dessen Hängen schäumende 
Wasserfälle durch das Bunt der Ahornblätter glitzerten. 
Plötzlich stockte Ketsus Fuß; aus dem Grün des Busch 
werks leuchtete ein kaiserlich-purpurnes Zelt. Bevor er 
zu fliehen vermochte, öffnete es sich, die zarte Gestalt 
einer Frau in weißem, silbergesticktem Gewand trat 
heraus, erblickte die Nonne, winkte ihr gütig. Ge 
senkten Hauptes trat Ketsu näher, bat kniend: 
„Anata, gewährt Eurer Dienerin eine Unterredung 
dort im Zelt!“ 
Die Mikoto, die kaiserliche Prinzessin, die auf der 
Reise zum Tempel von Ike begriffen, wo sie als „Opfer 
prinzessin“, die das Gelübde der Ehelosigkeit abgelegt, 
die kaiserlichen Ahnenopfer darzubringen hatte, nickte 
lächelnd Gewähr. Hinter ihr und der Nonne fiel der 
purpurrote Zelteingang zusammen. 
Goldene Morgensonne durchstrahlte das geöffnete 
Purpurzelt. Staunend, bewundernd hatte die priester- 
liche Begleitung der Prinzessin den Bericht ihres 
Traumes gehört: Kwannon selbst, die Verkörperung 
männlich-weiblichen Prinzips, sei ihr erschienen, habe 
befohlen zu verkünden, daß sie den Tempel von Ike 
mit ihrer Inkarnation begnadet habe: ein Jüngling von 
göttlich-weiblicher Schönheit werde sie schlafend 
unter blühendem Pflaumenbaum eine Wegstunde von 
diesem Zelt finden. Es geschah, wie es die Gottheit 
durch den holden Mund der Opferprinzessin verkündet. 
Tief neigten die Bonzen die glatten Elfenbeinkugeln 
Leise schob sie die Roll wand zurück und starrte angstvoll in das elfenbein 
farbene Gesicht des Jünglings. 
ihrer Schädel vor der göttlichen Inkarnation, die, die 
Zeit der Rückkehr zur Welt und zur Rache erwartend, 
zu eigenem und des Klosters Heil, als Äbtissin ihres 
Amtes waltete, als „die schöne Nonne von Ike“. 
Die anstößige Affäre des Herrn Sartine 
Ein Stücklein aus dem Rokoko. Von Fritz Zielesch 
err Sartine, Polizeipräsident von Gna 
den Ludwigs XV. zu Paris, hatte 
wieder einmal mit scharfem Blick 
einen Skandal aufgedeckt. Es durch 
lief nämlich ein höchst anstößiges 
und ganz abscheuliches Druckwerk die 
Hände des Pariser Publikums, und 
Herr Sartine glaubte als Richter über 
Tugend und Untugend seiner Erfah 
rung, nach der die Gesellschaft an der Seine keinerlei 
Anregungen mehr bedurfte, den freien Zeitgeist jenseits 
der Pfade der Biederkeit mit den finsteren Wirrnissen 
eines sündigen Unterholzes vertraut zu machen. Er 
schwerend fiel in die Wagschale seines Unmuts, daß 
der ruchlose Autor seinem Machwerk den lästerlichen 
Titel „Der Abbe Kokett“ gegeben hatte. 
In dem Salon der Marquise de Luynes hatte der 
eifrige Polizeipräsident bereits ein recht anzügliches 
Wort über Höchstseine eigene Person anhören müssen, 
das sich wohl oder übel nur auf die Affäre,des „Abbe 
Kokett“ verstehen ließ. Das hatte ihn gewaltiglich er 
bost, und er beschloß, grimmig schnaufend, dem unge 
hörigen Buch ein erbarmungsloses Autodafe zu be 
reiten. Um aber die Beschlagnahme und das Verbot 
einleiten zu können, mußte man zuvor wohl wenigstens 
ein Exemplar des bösartigen Corpus delicti in den 
Händen haben. Niemand wollte indessen den Verleger 
kennen, und die heimlichen Händler verkauften es nur 
an Personen, die völlig unverdächtig waren, ein Ärger 
nis daran zu nehmen. 
Herr Sartine zeigte seinen Untergebenen an diesem 
Tage ein wenig freundliches Gesicht. Wo er erschien, 
stoben sie hinweg wie Spreu vor dem Herbststurm. 
Schließlich aber erwischte er einen Inspektor und trug 
ihm dräuenden Mundes auf, unter allen Umständen 
bis zum Abend den „Abbe Kokett“ beizubringen. Der 
bedauernswerte Inspektor schnarrte aus schlotternder 
Seele.seine dienstliche Bestätigungsformel hervor und 
wankte als gebrochener Mann an sein Amtspult. Ach, 
er hatte v ° r l Verbrecher dieses ungewöhnlichen 
N amens „Abbe Kokett“ bis dato noch nichts vernom 
men und wußte nicht, wie er sich des gefährlichen Auf 
trags entledigen konnte. Erst als ein Sergeant seinen 
Weg kreuzte, besann er sich auf die Vorzüge des 
Systems, dem er diente, und ließ die ungewitterliche 
Lawine, die ihm auf dem Herzen lag, unter Hinzu 
fügung des eigenen Grolls über dem Untergebenen zu 
sammenbrechen. Der aber hörte nicht ohne heimliches 
Vergnügen den Irrtum des Inspektors heraus, der sich 
unter dem „Abbe Kokett“ ein Wesen aus Fleisch und 
Blut vorstellte, und verneinte mit ernster Amtsmiene 
die Frage, ob der Polizei der Aufenthalt des berüch 
tigten Verbrechers bekannt sei. Und als der unbeliebte 
Vorgesetzte mit bewölkter Stirn das Amtszimmer ver-
        
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