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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

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Nr. 14 
Jahtg. ZS 
Sprüngen ist! Das Leben hat mich nicht gelehrt, 
Optimistin zu sein. Und so ein junges, reizendes 
Geschöpf voll Pessimismus! Das verlieh ihr einen be 
sonderen Reiz. Ihr und auch „ihren“ Erzählungen! Sie 
erzählte mir alles, was man ihr gesagt hat. Und wir — 
Verzeihung — haben darüber viel gelacht. Sie war 
sehr lustig, ich weniger . . . dessen ungeachtet schwin 
delte mir von dem vielen Lob der Kopf. Wie man 
jedes schöne, gelungene, originelle Wort bemerkte! 
Unsere Sache ging sehr gut. Wir verdienten monatlich 
zweihundert Rubel. Hundert Rubel gab ich ihr und 
hundert behielt ich für mich. Und alles ging gut. Da 
nahm sie auf einmal — vorige Woche, in einem Cafe 
Chantant ein Engagement an. 
„In einem Cafe Chan . . , “ 
„In einem Cafe Chantant. Sie fand daran 
mehr Freude, und es wurde ihr auch mehr 
Geld geboten. Ich bat sie, die Literatur nicht 
zu verlassen, befanden wir uns doch am Vor 
abend unseres Ruhmes. Noch ein halbes Jahr 
— und wir würden fünfhundert bis sechs 
hundert Rubel monatlich verdient haben. Ich 
besitze einen fast fertigen Roman. Von ihr 
wäre er angenommen worden. Ich bat sie, 
meine literarische Karriere nicht zu hemmen. 
Sie ging: „Dort ist es lustiger“ . . . Was blieb 
mir anderes übrig? An ihre Stelle eine an 
dere nehmen? Das wäre doch nicht gut 
möglich: heute diese Maurina, morgen eine 
andere . . .da dachte ich . . . zürnen Sie mir 
nicht . . . daß meine bereits im Druck erschienenen und 
anerkannten Werke mir das Recht verleihen, mit 
offenem Visier ... mit einem häßlichen Gesicht her 
vorzutreten. Seien Sie mir wegen dieser kleinen Ent 
täuschung nicht böse.“ 
„Ich . . . ich . . . weiß nicht . . . das alles klingt so 
sonderbar . . . Ein so unliterarischer Vorgang . . .“ 
Sie machte eine Geste, daß ich sie am liebsten ge 
schlagen hätte. 
„Erzählen Sie mir nichts. Sprechen Sie nicht so. Ich 
habe dergleichen schon gehört. Aus einer Redaktion 
hätte man mich beinahe hinausgejagt. Sie haben sich 
meinen Arbeiten gegenüber bisher so wohlwollend ver 
halten. Sie haben sie immer gelobt. Schlagen Sie es 
mir nicht ab, auch diese kleine Arbeit zu lesen. Es ist 
dasselbe Genre, welches Ihnen bisher so besonders gut 
gefallen hat. Ihr gaben Sie in drei Tagen Antwort. 
Kann ich in einer Woche kommen?“ 
Der gefangene Amor 
„Verzeihen Sie . . . Warum in einer Woche . . . Ich 
versichere Ihnen . . . Sie täuschen sich . . . ?“ 
„Zürnen Sie mir nicht!“ 
„Ich bitte, kommen Sie in drei Tagen. Ihre Erzäh 
lung ist in drei Tagen gelesen!“ 
„Vielleicht wäre es doch besser, erst in ... “ 
„Gnädige Frau, ich wiederhole Ihnen: Ihre Erzäh 
lung wird innerhalb drei Ta—gen ge—le—sen. Ich habe 
die Ehre, mich zu empfehlen!“ 
Drei Tage später übergab mir der Sekretär folgenden 
Brief: 
„Ich sagte Ihnen gleich, es ist besser, ich komme in 
einer Woche. Seien Sie mir nicht böse. Ich komme in 
einer Woche wieder. Ihre ergebenste. Maurina.“ 
Diese Belästigung, hol’ sie der Teufel! Ich habe die 
Erzählung doch lesen sollen — ich hatte daran ganz 
vergessen! 
Verschiedenes kam dazwischen . . . Ich erinnere mich 
nicht mehr, was sich inzwischen alles zugetragen hat. 
Die Ereignisse im fernen Osten, dann eine Mißernte in 
den inneren Gouvernements — mit einem Worte Er 
eignisse, auf die nicht zu reagieren für einen Journa 
listen unmöglich ist. Kurz, ich war überaus in Anspruch 
genommen. Eine Menge Obliegenheiten, ein voll 
kommener Mangel an Zeit, bei der raschen fieberhaften 
Tätigkeit der Zeitung . . . Dazu scheint auch noch die 
Erzählung in Verlust geraten zu sein. Ich konnte sie 
nicht finden. Unlängst begegnete ich in einer neuen 
Zeitung unter dem Titel einer Erzählung dem Namen 
der Maurina. 
Abends traf ich den Redakteur dieser Zeitung. 
„Apropos, Maurina schreibt für Sie?“ 
„Ah, Sie kennen sie? Nicht wahr, ein herrliches 
Kleinod?“ 
„So?“ 
„Sie schreibt sehr lieb, allerliebst. Allerdings ein 
wenig frauenhaft.. Von der Länge sehe ich ab. Man 
muß wohl ihre Arbeiten ein wenig ändern, umarbeiten, 
doch für ein so talentvolles Kind mache ich es wirklich 
gern. Die ganze Redaktion ist in sie verliebt. Ihr Er 
scheinen gleicht buchstäblich einem Sonnenstrahl. Ein 
verführerisches Kind. Ein herziges Gesicht. Eine aller 
liebste Blondine.“ 
„Ah, sie ist blond?“ 
„Eine Blondine. Weshalb?“ 
„Nur so . . , so . , .“ 
(Aus dem Russischen übertragen von Grete Neufeld.)
        
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