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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jahrg. 28 
Nr. 14 
DIE SCHRIFTSTELLERIN 
W. DOROSCHEWITSCH 
'NI rau Maurina wünscht Sie zu sprechen." 
i Zum Teufel! Maurina . . . 
J 1 „Sie möge sich einen Moment ge- 
ü^j I dulden . . . nur einen Augenblick . . 
Rasch brachte ich meinen Anzug in 
* Ordnung, richtete vor dem Spiegel 
meine Halsbinde, glättete meine Frisur 
, und ging ihr entgegen. Besser gesagt, 
ich flog ihr entgegen. 
„Ich bitte um Verzeihung, daß ich Sie belästige . . .“ 
Vor mir stand eine ältere Frau von kleiner Statur, 
ärmlich gekleidet. Alles hing an ihr, ihre Wangen 
ebenso wie ihre Kleider. 
Ich lächelte gleichfalls. 
„Maurina.“ 
„Pardon, wahrscheinlich die Mutter der Anna Niko- 
lajewna.“ 
Sie lächelte traurig. 
„Nein, ich selbst bin Anna Nikolajewna Maurina, 
Verfasserin der bei Ihnen erschienenen Erzählungen . .“ 
„Aber erlauben Sie mir! Wie ist das möglich? Ich 
kenne doch Anna Nikolajewna . . 
„So? Die Brünette? Die war niemals Anna Nikola 
jewna . . . Dies war nur . . . nur . . . eine Täuschung. 
Zürnen Sie mir nicht. Hören Sie mich an.“ 
Sie war sehr verlegen. Tränen standen ihr in den 
Augen. 
„Sie gestatten, daß ich Platz nehme?“ 
„O, natürlich . . . Ich bitte . . . bitte um Verzeihung, 
daß ich nicht selbst . . . .“ 
„Es macht nichts ... Gestatten Sie, daß ich Ihnen 
erzähle .... Und zürnen Sie mir nicht .... Die Er 
zählungen habe ich geschrieben . . . Ich wollte sie ge 
druckt sehen . . . Nicht so sehr des Honorars wegen 
— nein. Ich fühlte in mir etwas, das ich erzählen 
mußte. Ich habe vieles erlebt, vieles empfunden und 
viel nachgedacht. Ich mußte schreiben. Ich schrieb 
drei Erzählungen und trug sie in die Redaktionen. Viel 
leicht waren sie gut, vielleicht auch nicht. Ich weiß 
nicht ... Sie . . . wurden nicht gelesen. Eine von diesen 
Erzählungen war auch bei Ihnen. Ich kam auch einige 
mal, man sagte mir, Sie wären in Anspruch genommen. 
„Kommen Sie in einer Woche.“ Schließlich gab mir Ihr 
Sekretär das Manuskript zurück. „Nicht verwendbar.“ 
Ich bitte um Verzeihung, Sie hatten es nicht gelesen!“ 
„Gnädige Frau, das kann nicht sein . . .“ 
„Später ist die Erzählung bei Ihnen selbst er 
schienen!“ fuhr sie ruhig, doch kummervoll fort. Dann 
kam mir plötzlich eine Idee . . . Vielleicht war sie 
tadelnswert . . . vielleicht ein unschöner Gedanke . . . 
Zusammen mit mir wohnte ein junges Mädchen, eine 
Gouvernante ohne Posten, von wunderbarer Schön 
heit . . . Sie war es, die zu Ihnen als Anna Nikolajewna 
Maurina gekommen ist, und . . . Verzeihung . . . mit 
einem Talent, welches Sie so sehr interessierte. Auch 
sie stand mittellos da, und ich machte ihr einen Vor 
schlag. Ich werde schreiben und sie unterbringt unter 
meinem Namen die Erzählungen . . . Sie wissen, daß in 
der Kunst das Porträt des Autors immer von Interesse 
ist . . • besonders, wenn es sich um solch ein Porträt 
handelt. Ich betrachtete sie: üppiges Haar, Augen, Ge 
stalt, Wangen, auf denen Flammen der Jugend und des 
Lebens glühten. Sie besitzt alles, was Interesse für ihre 
Psychologie erwecken kann. Zürnen Sie mir nicht, ich 
will nichts Schlechtes sagen, weder über Sie noch über 
Ihre Kollegen! Kein Wort! Nicht die geringste An 
spielung wurde gemacht! Kein einziges häßliches Wort 
wurde ihr gesagt! Als sie nun die Erzählungen in die 
Redaktion brachte, gab man ihr innerhalb drei Tagen 
Antwort. Das war alles. Und alles wurde angenommen. 
Mein Gott, das ist ganz natürlich. Ein junges, 
sehr schönes Mädchen dichtet. Es ist sehr 
interessant, was so ein schönes Köpfchen 
denkt! Anfangs sind die Erzählungen nicht 
ganz gelungen, und einige der Herren Re 
dakteure waren so freundlich, selbige umzu 
arbeiten. Mit welcher Liebe! Mit dem 
ßtreichen ging man sehr vorsichtig um und 
inan meinte mit Bedauern: „Es tut mir selbst 
leid, aber ein wenig zu lang, mein Kind.“ Sie 
erzählte mir gewöhnlich alle Einzelheiten 
ihres Besuches. Man bewunderte sie: „Wie 
jung Sie noch sind, — und woher Sie das 
alles haben?“ Verzeihen Sie! Es waren dies 
Ihre Worte. Auch andere haben sich so ge 
äußert. Man staunte über ihr Talent. „Wo 
haben Sie denn nur diese Gedanken her?“ 
Jeder Gedanke bekommt einen besonderen 
Reiz, wenn er einem schönen Kopf ent-
        
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