Path:

Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nr. 14 
Jahrg. 28 
„Ich glaub’s schon,“ lachte der andere. 
„Aber da sind wir ja schon wieder beim Theater . . 
„Nein, du hast mir von deiner Frau erzählen wollen, 
wie steht’s denn, ist sie zufrieden?“ 
„Wir führen eine ideale Ehe,“ sagte der Lockenkopf, 
„wir haben keinen Streit, wir sind immer einer Mei 
nung, meine Frau ist glücklich, daß sie auf dem Land 
ist ..." 
„Und du lebst in Berlin?“ 
„Ja, ich muß ... du weißt doch, daß ich das Theater 
dort gepachtet hab, Samstags fahr ich heim, da freu 
ich mich die ganze Woch drauf, auf die Ruhe, die 
Stille und das Land, und mein Haus, meine Familie. 
Das Haus war ja so billig, rein hergeschenkt haben’s die 
Leut im Krieg, es ist jetzt erst was wert geworden, 
schau her . . . Er holte eine Photographie aus der Brief 
tasche. Ein sehr nettes Haus . . . das kleine Häuschen 
links ist der Schweinestall . . . Ich hab acht Stück, 
und rechts davon sind die Hühner, die Tauben, der 
Garten. Was das Spaß macht, so eine Landwirtschaft. 
Neulich hab ich ein Schwein totgefüttert, das kann ich 
ich auch . . . “ 
„Und das ist mein Mädi.“ Ein Bild eines schwarz 
lockigen kleinen Mädchens im weißen Kleid kam zum 
Vorschein . . . 
„Schau, schau, ein_ nettes^ Mädel, und deine Frau? 
Hast kein Bild von ihr da?“ 
„Nein, grad net, man kann doch nicht so alles mit 
schleppen. Und dann, weißt, wir sind doch schon sechs 
Jahr verheiratet . . . “ 
„Versteht sich. Also, du und verheiratet! Ich hätt’ 
nie gedacht, daß du dich für einen Ehemann^ eignen 
würdst. Wie ist denn das so rasch gekommen?“ 
„Ja, weißt, das war ganz sonderbar . . . Ich hab doch 
iro Zivilberuf nie was vom Theater wissen wollen, ob 
wohl ich mein ganzes Leben dabei verbracht hab, aber 
wenn man die ganze Woch Theater hat, will man we 
nigstens daheim seine Ruh haben. Ich hab mir immer 
gesagt, alles, nur keine vom Fach, daß man dann den 
ganzen Tag miteinander fachsimpelt und sich in die 
Haar liegt wegen ihrer Ro llen. Also, das war 
mein fester Vorsatz und damit bin ich in den Krieg 
gezogen mit meiner Truppe. Meine Frau war auch 
dabei, sie hatte das tragische Fach, und weißt, auf 
den ersten Blick hat sie mir eigentlich net gefallen, 
aber am Abend in ihrer Rolle auf der Bühne, wie sie 
gespielt hat, da hab ich Herzklopfen kriegt, so verliebt 
hab ich mich in die Frau, von der Bühne weg haben 
wir geheiratet. Kriegsgetraut sind wir worden, ich hab 
die Frau so geliebt, daß ich geglaubt hab, ich müßt 
sterben, wann ich sie net bekäm . . . Aber ich hab 
sie geheiratet unter der Bedingung, daß sie abgeht und 
nie mehr ans Theater denken darf.“ 
„Aber erlaub mal, wann sie doch so schön gespielt 
hat, daß du dich vom Theater weg in sie verschossen 
hast, hat sie denn das später gehalten?“ 
„Aber das stand doch in unserem Vertrag . . .“ 
„Na, weißt, die Vertrag . . . ich als Rechtsanwalt . ., 
man hat doch deshalb so viel zu tun, weil die meiste 
Leut ihre Vertrag net halten. Und erst in der Ehe . . . 
Unsere Ehe ist eine ganz besondere Ehe, weißt du, 
Rudi . . • Wir leben so friedlich zusammen, wir sind 
immer über alles einer Meinung. Du glaubst gar net, 
wie mich die Frau verwöhnt hat in der ersten Zeit . . . 
Die Krawatten hat sie mir geknüpft, die Koffer gepackt, 
meine Lieblingsspeisen gemacht, meine Briefe hat sie 
mir geschrieben, ich hab gar nix mehr zu denken 
brauchen, also richtig schön hab ich’s daheim... Wir 
leben wie Bruder und Schwester zusammen, weißt . . “ 
Der Jüngere riß die grauen Augen auf. „Warum wie 
Bruder und Schwester?“ 
„Weil das das Ideale ist, Rudi . . . Ich sag dir ... “ 
„Aber wenn du doch so in sie vernarrt warst . . . 
ich mein, habt’s ihr dann immer so — einzig gelebt — 
wie Bruder und Schwester?“ 
Der Lockenkopf schaute zum Fenster hinaus auf die 
vorüberfliegende Landschaft . . . „Ja, weißt, Rudi, so 
in der zweiten Klasse im D-Zug . . . Berlin—Hamburg, 
das ist mir zu kurz . . . dafür ist die Geschieht nämlich 
zu lang . . . 
„Na, du kannst dich ja auch kurz fassen, ich ver 
stehe schon . . . “ 
Ja, es ist eigentlich gekommen wegen... einem Paar 
gelber Schuhe ..." 
„Wegen was?“ 
„Wegen diesen gelben Schuhen.“ Der Lockenkopf 
streckte seine langen Beine aus und betrachtete seine 
Schuhe. Sie waren nicht mehr neu, aber sie waren 
noch gelb. „Also, das kam so . . . Wir waren drei 
Jahre verheiratet und waren in der Sommerfrische, ich 
wollte rudern und angeln, und meine Frau badete Sole 
mit dem Kind. An einem Nachmittag scheint die Sonne 
so schön und ich sag, ich möcht heut mal angeln gehn 
nach Tisch; sie sagt, es ist mir recht, und ich mach 
mich fertig und gehe fort. Sie liegt im Fenster und 
meint, aber mit den neuen Schuh Afrirst du doch net 
angeln gehn, und ich sage, doch, ich nehm mich in 
acht . . . Aber unterwegs ist mir das wieder leid ge 
worden, denn es war sehr warm, und wie ich am Kur 
haus vorbeikomme, sitzt in der Terrasse die Mizi aus 
Wien, du kennst sie auch, sie ist so fesch und charmant, 
und wir hatten uns eine Ewigkeit net mehr gesehn. 
Ich setz mich her zu ihr, wir trinken Kaffee, und 
plauschen. Auf einmal fällt ein Schatten über den 
Kiesweg, da steht meine Frau, das Kind an der Hand .. 
Sie hatte den neuen Schuhen mißtraut und war mir 
nachgegangen . . . Sie sieht uns groß an, dreht sich 
um und geht. 
„Pech“, sagte der andere. 
„Ja, wahrhaftig, denn die Mizi hab ich vorher und 
nachher nie wieder gesehen, aber meine Frau hab ich 
wiedergesehen an dem Abend. Es war die erste Szene, 
die wir miteinander gehabt haben. Und dann hat sie 
mir gesagt, ich bin acht Jahre älter als du, das weiß 
ich und hab mir nie Illusionen gemacht, daß unser 
Glück vielleicht nur von kurzer Dauer sein könnt, bei 
deiner Natur. Es waren vier glückliche Jahre, sie sind 
vorbei. Das hat sie ganz ruhig gesagt und ist auf ihr 
Zimmer gegangen und hat den Riegel vorgeschoben. 
Und so ist’s dann geblieben. Ich hab ihr die Sach 
später erklären wollen, aber sie hat nichts mehr davon 
hören wollen; sie sagt, ich soll nur leben, wie mir’s 
gefällt, und sie wird nicht mehr fragen. Und nachgehn 
wird sie mir auch net mehr, denn das will sie net noch 
einmal erleben. Und seitdem führen wir die glücklichste 
Ehe von der Welt.“ 
„Sie fragt nicht mehr?“ 
„Nein, sie freut sich, wenn ich komme und ich freu 
mich auf meinen Sonntag ..." 
„Aber verzeih, weshalb fährst du denn heut net zu 
ihr, sondern nach Hamburg?“ fragte der andere. 
„Du weißt, ich hab mal Lust auf Hamburg bekommen, 
das kommt manchmal so über mich wie damals mit dem 
Angeln . . . Meine Frau nimmt mir das net übel, wenn 
ich auch mal einen Sonntag net heimkomm, denn weißt, 
so auf den Tag kann man sich net binden.“ 
„Verstehe, in einer so harmonischen Ehe . . .“ 
„Wir schreiben uns die Woche dreimal, alles sagen 
wir uns, wir haben kein Geheimnis voreinander, ich 
komm mit all meinen Sorgen zu ihr ... “ 
„Und deine Frau?“ 
„Sie? Die hat ja keine Sorgen, sie sieht nix vom 
Theater, lebt auf dem Land, hat ihr Haus, ihren Garten 
und das Kind . . . 
Es ist wirklich eine sehr harmonische Ehe . . . “ und 
der Lockenkopf betrachtet sinnend und zärtlich seine 
gelben Schuhe . . .
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.