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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

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Nr. 14 
Jahrg 23 
Der Baron hatte Irenens samtene Schultern leise und 
scheu gestreichelt und hatte auch das unwillige Aufleuchten 
ihrer Augen gesehen. Er zwang sich gewaltsam, ruhig zu 
bleiben, denn er wußte, daß seine Hände nicht mehr für 
ihn werben durften, wollte er das Spiel nicht verlieren. 
Also saß er ihr gegenüber und sprach von Expressionismus. 
Irene war maßlos erstaunt. Ihre Theorie über den Mann 
— Egoismus, brutale Leidenschaft, niedrigstes Begehren 
—- verschwommen wie ein blasses Hirngespinst. Dieser 
Baron hatte sich — alle Teufel — meisterhaft in der Ge 
walt. Sie sah, wie schwer es ihm wurde, sie nicht an sich 
zu reißen, sah, wie er Herr seines inneren Aufruhrs blieb 
und freute sich. Als sie gar das Schulterband ihres Kleides 
fallen ließ und sich wie unbeabsichtigt vorbeugte, sodaß 
er die Linien ihrer Brust sehen konnte, sprach der Baron 
ruhig und sachlich weiter. Dabei verriet er ein großes 
Wissen über Dichter, Theater und darstellende Kunst. 
Sie hörte ihm andächtig zu. Seine Stimme klang weich 
und tief. Sie wurde nervös. In ihren Fingerspitzen zuckte 
es. Da wußte sie, daß sie den Baron liebte. 
An den Fenstern kletterte das erste Rotgold des Tages 
empor. Irene erhob sich. Ihre Stimme klang seltsam be 
wegt: „Ich habe eine Nacht bei Ihnen verbracht, Herr 
Baron. Von diesem Augenblick an gehören Ihre Güter und 
Wälder, Ihre Schlösser und Autos, ja Ihr ganzes Vermögen 
mir. “ 
Da wurde die Tür aufgerissen und die zierliche Frau 
Kommerzienrat stürtzte mit allen Anzeichen höchster Er 
regung herein. 
„Ich habe alles gehört, ich stand vor der Tür — aber 
nun — nein!“ 
Sie trat vor die maßlos erstaunte Irene, wuchs neben ihr 
hoch, straffte den schönen Leib: „Fräulein Doitzsch, Sie 
werden den Baron nicht ruinieren . . . Ich liebe ihn, ich 
schütze ihn . . . “ 
„Gnädige Frau“, erwiderte Irene kühl, „ich begreife Ihre 
Erregung, aber was der Baron versprach . . . “ 
Der Baron trat dazwischen, leise sagte er: „Was der 
Baron versprach, wird er halten! Jawohl — gnädige Frau, 
ich danke Ihnen für Ihre Güte . . . “ 
Die Kommerzienrätin eilte zur Tür. 
„So rennen Sie in Ihr Verderben! Mein Freund sind Sie 
nicht mehr.“ 
Ein peinliches Schweigen zwischen den beiden Zurück 
gebliebenen. Dem Baron war die Gattin seines Freundes 
höchst ungelegen gekommen. Nun kämpfte er um Irene 
und wußte, daß er alles zu gewinnen oder alles zu ver 
lieren hätte. Er begann; „Gnädiges Fräulein, ich bitte des 
von meiner Seite aus unverschuldeten Zwischenfalls wegen 
um Verzeihung.“ 
„O bitte!“ 
„Ich weiß, daß es zwecklos ist, Ihnen die Gründe zu 
dem Verhalten der Frau Kommerzienrat zu nennen, Sie 
sehen das alles klarer als ich — doch um zum Ende zu 
kommen, haben Sie Dank für die schönen Stunden dieser 
Nacht. Hier, dieser Brief erklärt Sie zur Besitzerin meines 
Vermögens.“ 
Irene nahm das Schreiben, durchlas es, zerriß es, jauchzte 
auf, warf sich an des Barons Brust, küßte ihn, rief: 
„Geliebter! Du bist ein Kavalier! Du bist der erste Mann, 
der wirklich Kavalier blieb. Und nun sei mein Herr!“ 
Sie schloß die Augen, als der Baron sie stürmisch küßte 
und sah daher nicht das feine Lächeln um seinen Mund. 
DIE IDEALE EHE 
LIESBET DILL 
daß ich mich hereinsetz? 
ott, der Rudi! Wie kommst denn du 
hierher?“ — „Wahrhaftig, der Ge 
waltige! Das freut mich aber, daß 
wir uns nochmal begegnen. Wie 
geht’s, wie steht’s, was macht die 
Familie? Du hast dich verheiratet, 
hör ich, bist Gutsbesitzer geworden, 
da muß es einem auch bei den Zeiten 
net schlecht gehen. Du erlaubst doch, 
„Aber gern, wann’s die Damen erlauben.. . . “ 
Die Damen gestatten es, denn der Eintretende war 
ein junger netter Mann, und schließlich hatten sie gar 
nichts zu gestatten, denn es war Rauchabteil zweiter 
Klasse. 
„Also, wies geht sagte der Ältere mit dem blonden 
Lockenkopf, und fuhr sich durchs Haar, „Gutsbesitzer 
sagst . . . na, so großartig ist das nun net, ein Häuschen 
hab ich mir kauft, für die Frau, die ’s hat in der Stadt 
nimmer aushalten können vor Lärm, und für die Kinder 
ist’s besser, wenn sie auf dem Land aufwachsen . . . “ 
„Du hast Kinder?“ 
„Ein Mädelchen, fünf Jahr grad . . . “ 
„Schau, schau . . . erlauben die Damen, daß wir 
rauchen?“ . 
Die Damen waren so liebenswürdig, die Herren 
steckten sich ihre Zigarren an und die Unterhaltung 
plätscherte weiter. Uber die österreichischein Zustände, 
die Valuta, die Tschechen. Der Jüngere kam aus 
Österreich. Er war Rechtsanwalt in einem kleinen 
Städtchen, nebenher schrieb er für Zeitungen. Aber 
davon leben kannst net . . . 
„Was schreibst dann?“ 
„Na, über Politik und Börse, und die Zustand’ auf 
den österreichischen Eisenbahnen, und übers Theater 
schrieb er auch. Dir soll’s ja mächtig gut gehn beim 
Theater . . . “ 
„Naja, weißt, den Arger abgerechnet, den man hat 
mit den Weibern zum Beispiel... wann man mit Män 
nern zu tun hat, weißt, denen kann man wenigstens 
mit Vernunftgründen kommen, aber die Weiber, weißt, 
da is nix zu machen. Aber reden wir von was anderem, 
nur net vom Theater, ich bin nämlich auf Urlaub und 
will mich net aufregen. Und wenn ich nur ans Theater 
denk . . . Also reden wir nit mehr davon. 
Aber deine Frau ist doch vom Theater, wann ich net 
irre, Gott, wie lang man sich nit gesehen hat, damals 
zuletzt in Galizien, weißt noch, wie du mit deiner 
Truppe herumgezogen bist an der Front . . . “ 
„Erinnere mich net daran, Rudi, das war der Gipfel. 
Weißt du, was das heißt, mit acht Schauspielerinnen 
Vorstellungen geben draußen an der Front, wo nix 
Vorkommen dürft, kein Flirt und nix, denn sonst, hat 
der General gesagt, fliegt die ganze Geschieht in die 
Luft. Und so hab ich den Löwenbändiger spielen 
dürfen, dreiviertel Jahr. Ich sag dir, ich hab aus ge 
schaut so . . . ganz abgemagert, und hohlwangig. Wie 
das anstrengt . . . “
        
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