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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jahrg. 28 
Nr. 2 
2 
Ich bin eine anständige Frau 
R i d e n s (Wien) 
I. 
s war das Dümmste, was sie in ihrer 
Lage tun konnte: auf ein Inserat zu 
antworten. Auf eines jener Inserate, 
die ungefähr lauteten: 
- „Eleganter Gentlemann, 32 Jahre, 
Idealist, sucht flotte geistreiche 
Kameradschaft im Brief, mit tem 
peramentvoller, nur hübscher Blondine 
entsprechenden Alters. Persönliche Bekanntschaft aus 
geschlossen. Unter „Lebensbejahung 34569“ an die Re 
daktion des Blattes.“ 
Frau Elli Kempke, Gattin des Privatbankiers Kempke, 
konnte sich zwar nicht erklären, warum der elegante 
Gentleman solchen Wert auf Haarfarbe, Alter und Reiz 
legte, wenn er gar keinen Wert auf die persönliche Be 
kanntschaft zu legen gewillt war. Persönlich unbekannt 
konnte man ja auch schließlich mit einer brünetten 
Dame von nicht mehr entsprechendem Alter sein; wenn 
persönliche Bekanntschaft wirklich so ausgeschlossen 
war, dann mußte es doch dem Schreiber ganz gleich 
sein, ob die Dame hübsch war oder nicht? Geistvoll 
konnte sie doch auch ohne das sein? Die kleine Frau 
ahnte eben noch nicht, daß hübsche Frauen ganz anders 
geistvoll sind als unhübsche und daß es nicht nur blonde 
Haare, sondern auch blonde Seelen gibt. Eine solche 
blonde Seele schien der Gentleman zu suchen. 
Frau Elli war seit mehr als sechs Monaten blond. Ihr 
Gatte hatte getobt, als er sie so sah. Er wollte den 
Friseur wegen Sachbeschädigung oder etwas Ähnlichem 
verklagen, worauf Frau Elli erwiderte: „Ich bin nicht 
deine Sklavin.“ Darauf Herr Kempke tobte: 
„Also gut. Dann werde ich hingehen und mir einen 
Arm oder einen Fuß abnehmen lassen und dann werde 
ich sehen, ob du damit zufrieden bist. Ich soll zufrieden 
sein, wenn ich „dunkel“ geheiratet habe und dich jetzt 
„so“ sehen muß? Bin ich dein Sklave?“ 
Frau Kempke fand, daß das kein Vergleich war, sie 
fand aber auch, daß Herr Kempke nebst allen seinen 
anderen Fähigkeiten eine Frau zu enttäuschen auch noch 
die Brutalität besaß. Sie selbst dagegen besaß alles, 
was der inserierende Gentleman verlangte, in reichem 
Maße, sie besaß mehr davon, als ihr Gatte gebrauchen 
konnte, der eine stille Häuslichkeit liebte und es gerne 
sah, wenn seine schöne junge Frau abends mit dem 
Kopfhörer neben ihm saß und gemeinsam mit ihm die 
Emotionen des Rundfunk genoß. Sie aber ertrug das 
schon lange nicht mehr. Sie hatte sich schon oft gesagt: 
„Bis zum nächsten Winter warte ich noch. Wenn es 
dann nicht anders wird ? ? ?“ Es wurde nicht anders. 
Endlich beschloß Frau Kempke: „Bei der nächsten, bei 
der allernächsten Gelegenheit . . .!“ Sie hatte wenig 
Gelegenheit. Herr Kempke liebte die Zurückgezogen 
heit. Er liebte überhaupt alles, was seiner Frau un 
erträglich war, am meisten liebte er sich selbst. Er war 
ein Egoist, wie alle Ehemänner, denn daß die Männer 
nur aus Selbstsucht heiraten, ist den Frauen längst klar, 
wozu täten sie es sonst? 
Frau Elli hatte also geschworen: Bei der nächsten Ge 
legenheit. Und die nächste Gelegenheit war: das In 
serat des eleganten Gentlemans. 
„Flotte Kameradschaft im Brief.“ Das war für den 
Anfang nicht allzu gefährlich, für den ersten Versuch 
gerade das Richtige. 
Und Frau Elli Kempke schrieb einen netten, sehn 
süchtig-sentimentalen, kleinen Frauenbrief an den 
Gentleman der brieflichen Lebensbejahung. 
II. 
Aus dem kleinen Frauenbrief hatte sich eine sehr 
lange, aber auch sehr amüsante Korrespondenz ent- 
sponnen. Jede Woche erhielt Frau Elli einen großen 
Brief mit riesigen englischen Buchstaben geschrieben, 
und sandte einen solchen an die postlagernde Adresse 
ab. Die Briefe wurden immer länger und immer intimer. 
Er nannte sich „Rolf“. Sie nannte sich „Beate“. In 
seinen letzten Briefen hatte Rolf schon begonnen, „per 
sönliche Bekanntschaft“ zu wünschen. Er schrieb, daß 
er aus den vergessenen Pünktchen auf dem „i“ ge 
schlossen habe, daß die Schreiberin sehr hübsch sein 
müsse, denn nur hübsche Frauen vergessen die Punkte 
auf dem „i“. 
Das war zwar nicht ganz logisch, aber es gefiel Elli. 
Sie wehrte sich noch ein paar Wochen gegen die Zu 
mutung. Es war ja auch gegen die Abmachung, sie hatte 
ja nur unter der Voraussetzung den Briefwechsel be 
gonnen, daß es wirklich dabei bliebe: „Persönliche Be 
kanntschaft ausgeschlossen!“ 
Aber was sind Zumutungen, Voraussetzungen und Ab 
machungen, wenn es um nichts Geringeres geht, als um 
die Lebensbejahung? Kurz, eines Tages erklärte sich 
Frau Elli bereit, ihren Brief-Kameraden, denn das war er 
ihr längst geworden, persönlich kennen zu lernen. Darauf 
schrieb der Kamerad zurück, daß er sich glücklich 
schätzen würde, seinen süßen, kleinen Schreibe- 
Kameraden in seiner Junggesellenwohnung, an der Ecke 
der Kaiserallee, einmal zu einer reizenden Teestunde zu 
empfangen. Frau Elli schlug zunächst eine Mampe- 
Stube vor. Darauf kam ein flehentlicher Brief, doch 
diese so bedeutsame erste Begegnung nicht zu entweihen. 
Frau Elli schrieb wieder zurück und endlich kam der 
Brief, der sie für Donnerstag um fünf in die Wohnung 
eines Herrn Fritz von Dänhoff bat. (Zugang ungefähr 
lich. Man braucht bei einiger Vorsicht nicht gesehen 
zu werden.) Frau Elli las den Brief, lächelte und dachte: 
„Na, endlich sind wir mal so weit.“ 
Sie trug den Brief mit sich in der Handtasche herum 
und wartete auf den Donnerstag. Mit ein bißchen Angst, 
aber mit umsomehr Neugierde. 
III. 
Die blonde Lissi ging jeden Tag so gegen sieben auf 
der Tauentzienstraße ein bißchen rauf und runter. Man 
machte um diese Stunde die solidesten Bekanntschaften. 
Es begann dann in irgend einer reizenden Diele und 
endete zwei bis drei Wochen darauf mit sämtlichen be 
zahlten Rechnungen der schicken, süßen Lissi. Wenn 
mal ein schlimmer Tag war, dann traf sie sich in einer 
kleinen Likörstube mit ihren Freundinnen und trank 
kalten Schwedenpunsch zum Trost. Morgen würde es 
ja doch wieder anders sein. 
Lissi ging heute wieder sehr mißgestimmt die 
Tauentzienstraße rauf und runter. 
Da spürte sie, wie der Strumpfhalter an ihrem 
schlanken linken Bein einen Knacks machte und der 
Seidenstrumpf sanft über das weiße Knie herunterglitt. 
Sie trat in einen Hausflur. Da sah sie vor sich ein großes 
Brief-Couvert liegen. Die Adresse war in großen eng 
lischen Buchstaben geschrieben: „Beate“, Postlagernd, 
Tauentzienstraße. Sie hob den Brief auf. Ein Liebes 
brief! Sie las ihn:
        
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