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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nr. 13 
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ihn hindurchzudringen, in ein fernes und tiefes Dunkel. 
Er fühlte, wie die Kälte ihres Körpers auf ihn über 
strömte; deutlich spürte er, daß sie zitterte. „Komm“, 
sagte er leise und drängte zur Tür. 
Sie leistete keinen Widerstand; schweigend setzte sie 
einen Fuß vor den andern; ihre Augen waren ge 
schlossen. 
Prasselnd schlugen Regentropfen gegen die Fenster. 
Er öffnete die Tür. Plötzlich fühlte er wieder den 
schwachen, kaum merklichen Ruck, das unausge 
sprochene Nein. 
Er preßte sie stärker an sich; bebend fühlte er das 
rasende Pochen ihres Herzens. 
„Was ist dir?“ fragte er leise. 
Sie schüttelte den Kopf, wie in stummer Abwehr. 
„Liebste...“ 
Sie richtete sich auf 
und drängte ihn von 
sich. „Thorbjörn ...“, 
flüsterte sie, „Thor 
björn . . .“ 
Ein Windstoß heulte 
auf; klatschend folgte 
ein neuer Regenguß. 
Etwas Eisiges legte 
sich ihm auf die Brust; 
unmerklich trat er zu 
rück. „Thorbjörn . . . 
dein Mann ... du 
denkst an ihn . . . 
jetzt ... in dieser Se 
kunde?“ 
Sie sah ihm ins Ge 
sicht. 
„Was ist mit ihm? Wann ist er zurückgekommen?“ 
Sie schüttelte den Kopf, und indem sie plötzlich die 
Hände an die Schläfen legte, sagte sie mit tiefer, 
fremder, schwerer Stimme: 
„Er ist tot.“ 
Er wollte nach ihrer Hand greifen, aber ein jähes 
Blaß ging über ihr Gesicht; sie faßte nach ihrem 
Herzen; sie machte eine seltsame Wendung mit den 
Händen, als ob sie nach etwas Unsichtbarem greifen 
wollte, und schlug wie vom Blitz gefällt ohnmächtig 
zu Boden. 
IV. 
Es war in derselben Nacht, fast um dieselbe Stunde, 
als der Rechtsanwalt Frdthjof ögle Von einem Geräusch 
erwachte. Er richtete sich im Bett auf und lauschte. 
Kein Ton drang aus der stillen Straße herein, nur aus 
der Ferne kam jenes unbestimmte Summen, das Inein 
anderfließen verhallender Geräusche: der ViHklang der 
Nacht, der sich zusammensetzt aus den flüchtigen 
Tritten einsamer Wanderer, dem verklingenden Rollen 
später Fahrzeuge, dem Rauschen des Regens. 
Es mochte eine Täuschung gewesen sein. Ein traum 
haftes Erlebnis, ein körperliches Reagieren der Nerven 
auf einen Gehirnvorgang. Ögle lehnte sich behaglich in 
die weichen Kissen zurück und schloß die Augen. 
Plötzlich hatte er das Gefühl eines huschenden Licht 
scheins, der durch die geschlossenen Lieder in seine 
Wahrnehmung drang. Blitzschnell öffnete er die Augen, 
aber alles war dunkel und still. 
Waren das die Nachwirkungen des Alkohols? Hatten 
ihn die seltsamen Geschehnisse dieser Hochzeitsfeier 
doch vielleicht im Innersten so aufgewühlt, daß sein 
Bewußtsein während des Schlafes w r eiter arbeitete, Ge 
danken fortspann, Sinneseindrücke hervorrief und 
schreckhaft ballte? Nein, er war ganz nüchtern und 
ganz ruhig. 
Er brauchte frische Luft, Kühle der Nacht. Ja, so 
war es. Er wollte das Fenster öffnen, dann würde der 
Nachtwind alle wirren Traumgebilde verjagen. 
Was war das? Da war der Lichtschein zum zweiten 
Male. Er ging wie eine grüne gespenstische Flamme 
über das Oval des Plafonds — langsam, wandernd, 
wie suchend. Der Schimmer war ziemlich bell; dennoch 
leuchtete er nicht, und seine Konturen verrannen ohne 
sichtbaren Übergang in das Dunkel. Er konnte sich das 
Wesen dieses Lichtes nicht erklären. 
Kam der Schein von außen? Spähend richtete er seine 
Augen auf die gelben Vitragen. Aber nur der matte 
Schimmer einer flackernden Gaslaterne erhellte sie 
spärlich; von jenem wandernden Licht war kein Ab 
glanz auf der gelben Seide zu entdecken. 
Mit einem Schlage erlosch das Licht. Gleichzeitig aber 
hatte sein feines Öhr ein Geräusch gehört, das er nicht 
zu definieren vermochte. Es hatte die geringe Stärke 
eines Lautes, der aus 
weiter Ferne kam. 
Aber ohne das Echo 
artige, Verklingende 
eines solchen. Es war 
kurz und knapp ge 
wesen. 
ögle schüttelte den 
Kopf. Die Tür zu 
seinem Arbeitszimmer 
war offen, aber sein 
Bett stand so, daß 
er den anstoßenden 
Raum nicht übersehen 
konnte; am ehesten 
war es zu vergleichen 
dem Ton, der sich er 
gibt, wenn man auf 
eine leere Blech- 
schafhtel den Deckel 
drückt, ögle zog leise die Schublade des Nachttisches 
auf. Dort lag der Maximrevolver. Er nahm ihn vor 
sichtig heraus, mit so langsam abgezirkelten Bewe 
gungen, daß kein Geräusch entstand. 
Es fiel ihm ein, daß auch die entgegengesetzte Tür 
seines Arbeitszimmers, die zum Eßzimmer führte, offen 
stand. Auch dieser Raum lag also im Bereich der 
akustischen Wahrnehmung. 
Er richtete sich vollends auf, jede Bewegung so aus 
balancierend, daß er ein Erklingen der Metallfeile des 
Bettes vermied. 
Plötzlich stutzte er und hielt den Atem an. Irgendwo 
gingen leise Schritte. Sie waren gedämpft und 
schleichend, aber es war keine Frage, daß der Klang aus 
diesen Räumen kam. 
Er fuhr mit einem Ruck in die Hausschuhe und ging, 
nicht leiser, als es sich von selbst ergab, auftretend, ins 
Arbeitszimmer hinüber. 
Heller Mondschein fiel durch die Stäbe der grünen 
Jalousie schräg ins Zimmer, Er glitt an dem riesigen 
dunklen Schreibtisch vorüber, tauchte die äußeren 
Metallteile des Telephons in flüssiges Silber und blinkte 
in einem yerschwimmenden Lichtring auf dem 
Sedjadesteppich. Der spielende Lichtkegel zeichnete 
eine schimmernde Säule diagonal in den Raum. Um so 
düsterer stachen die unbeleuchteten Winkel des 
Zimmers ab. (Fortsetzung folgt.) 
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