Path:

Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jnhrg. 28 
Nr. 13 
22 
ÖEfFEGERiTE 
^ r SQJCm& X ' 
mtsrichter Michel trocknete sich 
den Schweiß von der nicht gewöhn 
lichen Stirn. Sein Schreiber sah er 
staunt zu ihm hinüber. Was alle 
Jahre einmal geschah: daß den 
Amtsrichter ein Zorn überkam, das 
schien heute Ereignis werden zu sol 
len. Seit drei Stunden mühte er sich 
nun bereits mit dieser Sache Reife 
gerste contra Schiebelbein ab. Drei geschlagene Stunden 
dieses wundervollen Spätaprilmorgens, der zu einem 
gewiß ordnungswidrigen, aber um so erfreulicheren 
Morgenspaziergang um die Wallbreite des kleinen, in 
eine entzückende Waldlandschaft gebetteten Städtchens 
hätte benutzt werden können, waren kläglich vertan, da 
alle Vergleichsvorschlage an der Hartnäckigkeit der 
Kontrahenten gescheitert waren. 
Der Amtsrichter schaute durch das Fenster auf den 
Marktplatz. Das heißt, er tat nur so. In Wirklichkeit 
gestatteten ihm die scharfen Gläser seines Kneifers 
einen forschenden Blick auf die haßerfüllten Parteien, 
die sich auf den harten Bänken des Amtszimmers ver 
schnaufend gegenüber saßen. Auf der einen Seite in 
relativer Würde Herr Sohiebelbein, seines Zeichens 
sichtlich einer jener kleinen Beamten, die ihre Seele 
einer Sekte anzuvertrauen pflegen, transparenten Ant 
litzes, aus dem der Wille, Gott wohlgefällig zu leben, 
dumpf leuchtete, während der übrige Körper mit seiner 
noch ganz netten Stabilität bezeugte, daß die Askese 
eine neuere Erfindung seines Besitzers war. Neben ihm, 
weniger würdig, stattlichen Leibes, indem die weniger 
metaphysisch eingestellte Seele sich wohlzufühlen 
schien, Frau Meta Schiebelbein, Herrn Schiebelbeins 
Ehegattin, wie er im guten Alter um die Vierzig herum, 
im Augenblick durch die Verhandlung aus dem schönen 
Gleichgewicht geworfen, das sonst die Zierde ihres 
Charakters war. Gegenüber, tief in seiner Handwerks 
ehre gekränkt, der Schneidermeister Maximilian Reife 
gerste, ein rüstiger, knebelbebarteter Greis, dem das 
traditionelle Temperament seines Standes aus allen wohl 
gefädelten Knopflöchern seines etwas veralteten Geh 
rockes dampfte, und sein Geselle, ein ordentliches 
Mannsstück, das über die Wanderjahre hinaus war und 
bei Meister Reifegerste seit Jahren eine Dauerstellung 
innehatte, die von dem verträglichen Charakter beider 
Beteiligten Zeugnis geben konnte. 
Der Blick des Amtsrichters suchte vergeblich nach 
einem psychologischen Loche, in das er mit vertrauter 
Dialektik hätte einhaken können. Verdächtig waren 
diese vier Menschen sämtlich nicht, sie hatten das Ge 
richt niemals belästigt. Der Schiebelbein war ein Mora 
list geworden; man wußte — in diesem Städtchen wußte 
man ja alles von seinen Mitbürgern — daß er solide ge 
lebt hatte und nun noch solider dahinvegetierte, seitdem 
er ein ernsthafter Bibelforscher geworden war. Seine 
Ehefrau hatte sieben Kinder geboren, woraus man 
schließen durfte, daß Schiebelbein nicht Immer allen 
weltlichen Gelüsten Widerstand geleistet hatte. Der 
Schneidermeister saß seit Jahren im städtischen Rat, 
was er mit sittlicher Empörung schon einige Dutzend 
Male in das Zimmer hineingezetert hatte, und der Ge 
selle war für den Fall durchaus ohne Belang. 
Der Amtsrichter wollte mit der Faust auf den Tisch 
hauen, aber er besann sich und nahm noch einmal alle 
Güte seiner jovialen Person auf sein dickliches Antlitz 
und alle Überredungskunst in seine Worte. „Verehrte 
Mitbürger“, rekapitulierte er, indem er ein Bekleidungs 
stück, das vor ihm auf dem Tisch lag und sich leicht 
als die Hose eines Menschen männlichen Geschlechtes 
erkennen ließ, mit dem Lineal zärtlich in die Höhe hob, 
„verehrte Mitbürger“ — diesen demokratischen Trick 
bewahrte er sich immer als letzten Ausweg auf — ist es 
wirklich nicht möglich, daß wir zu einer Einigung kom- 
men? . . . "Wir kosten idem Staate mit jeder Viertel- 
stunde Geld, das heißt den Mitbürgern Steuer. Ich 
halte diese Hose nicht für wichtig genug, um darum 
einen Prozeß anzuspinnen. Die Hose ist nach Maß an 
gefertigt. Sie, Herr Schiebelbein, behaupten, die Hose 
sei zu weit ausgefallen. Sie, Herr Reifegerste, be 
haupten, Sie hätten die Hose genau nach dem Maß 
angefertigt. Demnach könnte nur angenommen wer 
den, daß Sie, Herr Schiebelbein, im Laufe der vierzehn 
Tage, während deren das Bekleidungsstück hergestellt 
wurde, um — er suchte im Protokoll — um neun 
Zentimeter im Bauchumfang abgenommen hätten. Sie, 
Herr Schiebelbein, lehnen diese Möglichkeit als un 
sinnig ab, während Sie, Frau Schiebelbein, aussagen, 
daß es Ihnen in der Tat so vorkomme, als ob Ihr Mann 
in den letzten Wochen — er suchte wieder im Protokoll 
— wie Sie aussagen, infolge veränderter Lebensweise 
nicht unbeträchtlich abgenommen habe. Eine Einigung 
wäre zu erzielen 
Hier sprang der Schneidermeister mit einem Ausge 
schlossen! dazwischen, und auch Schiebelbein erklärte 
Bilder; Bohnefeld
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.