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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nr. 13 
Jahrg. 28 
13 
sammen. Meine Tage sind ein Meer von Wonne und 
Glückseligkeit.“ 
Das Boot glitt langsam ■weiter. Die schönsten Frauen 
trug es über den blauen Lugsner See. Und es trug einen 
Mann mit sich, der wohl ein großer Schalk sein mußte. 
* 
Ja, das war Italien mit seinen tausend heimlichen 
Schönheiten, das war Venedig mit seinen Palästen, Ka 
nälen und Gondeln. Daisy stand am Fenster und sah 
auf den Park hinaus. 
Wie von Zauberhand gebaut, war über Nacht eine 
Villa entstanden. Hell glänzten der Marmor und die 
silbernen Treppengeländer in der Sonne. 
Sie war nun Herrin dieser Kostbarkeiten und konnte 
nicht fassen, wie der Pascha ihre geheimsten und ver 
wegensten Wünsche hatte erfahren können. Eine leise 
Angst vor diesem glänzenden Luxus stieg in ihr auf. 
Eine Hand legte sich auf ihre Schulter. Ihr Freund 
stand hinter ihr. 
„Gefällt dir mein Geschenk?“ lächelte er. 
Daisy umarmte ihn statt aller Antwort und küßte 
ihn stürmisch. 
Sie riß an einem Knopf seines Rockes ihren Pyjama 
auf. 
Ihre linke Schulter lag fast bloß. 
Fester preßte er das junge Mädchen an sich. Heißer 
küßten seine Lippen ihren Mund. 
Da lag die schöne Daisy in den Armen eines Mannes, 
der ihre wahnsinnigen Wünsche sofort erfüllte und es 
als eine Selbstverständlichkeit ansah, ihren Launen zu 
willfahren. 
Sie mußte an den Maler denken. Der arme Kerl 
liebte sie. Aber er hatte kein Geld. Ob sie der Pascha 
auch liebte? Oder ob er ihre Launen nur erfüllte, um 
sie zu besitzen? Fast fürchtete sie sich vor ihm. 
Sie dachte nicht mehr darüber nach, sie lehnte sich 
nur an ihn und war glücklich. 
Ninette erschien. Ein einfaches Hauskleid ließ sie 
noch schöner und sanfter als sonst erscheinen. 
Der Herr zog ein Etui aus der Tasche. 
„Daisy hat nun ihre Villa. Sie versprach dir, auf den 
Schmuck zu verzichten. Nimm ihn hin. In einer Stunde 
wird ein Diener dir den Schlüssel bringen.“ 
Daisy erbleichte: „Woher weißt du das alles? Du 
hast mir die gewünschte Villa . . . .“ 
„Sehr einfach“, unterbrach sie der Herr lächelnd. 
„Einer meiner Vertrauten stand in eurer Nähe und 
hörte, was ihr spracht, während ich in der Bar meinen 
Kobbier trank. Du weißt doch, ich liebe Kobbier über 
alles.“ 
Der Herr ging und versprach, in einer Stunde zurück 
zu sein. Neugierig betrachtete Ninette den schwarzen 
Kasten. Hier hielt sie also ein unermeßliches Vermögen 
in der Hand, idas sie mit einem Schlage zur Milliardärin 
machte. 
Ihr schwindelte. 
Daisy stützte ihre Freundin. Sie ging mit ihr durch 
die Hallen der eleganten Villa. Wie starr diese Pracht 
sie ansah! Wie unheimlich ihre Schritte hallten. 
Eine drückende Angst legte sich auf ihre Seele. Bleich 
und stumm ging sie neben Ninette in das Schlafzimmer. 
„Wer ist dieser unheimliche Mann? Ich graue mich 
vor ihm. Dieser Reichtum ist ja Wahnsinn. Er schenkt 
mir einen Palast und dir einen märchenhaft kostbaren 
Schmuck, nur um ihn los zu sein. Er will seine Milliarden 
vergeuden. Und uns sucht er aus, ihm dazu behilflich 
zu sein. Der Mann ist ja von Sinnen! Er ist unerhört 
grausam! Ich will kein Geld mehr sehen, ich will dieses 
Haus nicht. — Und das alles gab er uns, ohne den ge- 
ringsten Gegendienst zu verlangen. 
Warum liebt er mich nicht? Ich sehne mich nach 
seinen Küssen! Warum zwingt er mich nicht, ihm an 
zugehören?“ 
Ein Diener brachte einen kleinen Schlüssel und ging 
lautlos, wie er gekommen war. 
Ninette ließ den Kasten fallen. 
„Ich kann ihn nicht aufschließen, Daisy! loh wage es 
nicht, mir diesen Schmuck anzusehen, öffne du, bitte, 
öffne du.“ 
Aber Daisy war auf den Diwan gesunken und starrte 
vor sich hin. 
'Ihre Lippen flüsterten wie im Fieber zusammenhang 
lose Worte. Sie wälzte sich auf den Kissen hin und her 
und rief nur nach dem, dessen Namen sie nicht kannte. 
Nun sie über das ganze Erlebnis mit dem reichen Mann 
nachdachte, über den ihr verschiedene ihrer Bekannnten 
die wundersamsten Dinge erzählt hatten, als sie ihn da 
mals zum erstenmale gesehen, war sie vollkommen fas 
sungslos geworden. Es fiel ihr auf, daß früher keiner 
über den Unbekannten ein Wort verloren hatte. 
War denn alles das Schein und Lüge? Aber nein, da 
lag sie ja selbst in einem Zimmer des Palastes, den sie 
sich gewünscht hatte. 
Sie bückte sich plötzlich und hob den schwarzen 
Kasten auf. Der Schlüssel knackte im Schloß. 
Auf blauer Seide lagen Steine vor ihr, deren Glanz ihr 
Auge tränen ließ. 
Mit einem wilden Schrei warf sie den Kasten 
von sich. 
Vor Ninette fiel er nieder. Die flüchtete entsetzt zu 
Daisy, als blinzelte sie die ganze Hölle aus jenen 
Steinen an. 
„Daisy, wer ist der Mann? Ich kann ja nicht mehr 
denken. Diese Steine da — Kalliston — das soll mir 
gehören? O, ich begreife jetzt, wie leicht es ist, diese 
unsinnigen Werte zu verschenken! Ich will die Steine 
nicht — da — ich schenke sie dir! Nimm den Schmuck, 
ich bin nicht neidisch.“ 
„Ninette, höre auf! Laß uns fliehen! Ich will nicht 
eine Minute länger in diesem Hause wohnen! Ich will 
ihn suchen und ihm sagen, daß ich ihn liebe, ich will ihn 
kniefällig bitten, daß er diesen Glanz von mir nehme! 
Ich habe früher mit Tausenden gespielt, nun machen 
mich Milliarden ärmer, als ich je war. Sieh, diese 
Wände aus Zedernholz, dieses Gold und Silber überall! 
Sieh, diesen kalten, gräßlichen Marmor! Komm, wir 
wollen ihn suchen!“ 
Und die beiden verwöhnten Mädchen faßten einander 
an den Händen und gingen mit müden Schritten zur 
Tür. 
Im Türrahmen stand lächelnd der Pascha. Die beiden 
Frauen schrien auf. Wie unheimlich dieses Lächeln war. 
Daisy starrte ihn fassungslos an. Sie bebte an allen 
Gliedern. 
„Du — diese Pracht ist entsetzlich! Du machst mich 
wahnsinnig. Warum hast du mir diesen goldenen 
Kerker gebaut?“ 
Kurz, wie Schreie, kamen die Sätze aus ihrem Munde. 
Ihre Augen irrten wie gehetzt durch die Räume und 
blieben wieder an dem lächelnden Manne hängen. 
Sie sank in sich zusammen. Müde hingen ihre Arme 
an ihrem Leib herab. 
Wie verhaltenes Schluchzen klang ihre Bitte: „Nimm 
diesen Glanz von mir. Führe mich fort von hier! Ich 
liebe dich ja, ich will dich ja immer lieben, aber dieses 
Haus — und der Schmuck — der Marmor “ 
Er blieb immer noch an der Tür stehen. Lächelte 
immer noch so rätselhaft. 
Daisy sah in diesem Lächeln einen kalten, unbarm 
herzigen Hohn. 
Sie raffte sich auf. In seiner vollen Größe straffte sich 
ihr schlanker Leib vor ihm. 
Sie sprang zu der Treppe, trat wütend mit den Füßen 
gegen das Geländer. 
„Da — ich will diesen Putz nicht — ich will diesen 
Glanz nicht — da — da —“ 
Sie hielt inne. Erschrocken bückte sie sich.. Wo ihr 
Fuß das Geländer gestoßen hatte, war das Silber ab 
gebröckelt. Braunes Holz leuchtete ihr entgegen. 
Wild lachte sie auf:
        
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