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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nr. 13 
JaArg. 28 
3 
Ausfahrt 
Originalradierung von Max Brüning 
„Angenehme Träume! .. . Überhaupt die Männer, die 
besitzen zumindest Logik. Aber die Frauen, die be 
nehmen sich manchmal . . . Die Geschichte hat sich be 
reits vor längerer Zeit zugetragen . . . Eigentlich ist ja 
nichts daran — ich hatte ein Verhältnis mit einer ver 
heirateten Frau. Und was glauben Sie, weshalb hat sie 
gerade mich erwählt? Es ist direkt zum Lachen! Des 
halb, sehen Sie, weil ich gar so schweigsam bin und in 
folgedessen über unser Verhältnis gewiß zu niemandem 
sprechen werde . . . Aber nur drei Tage konnte sie es 
mit mir aushalten . . . Sie flehte: „Allmächtiger Gott“, 
sagte sie, „laß ihn doch lieber einen Aufschneider, einen 
Schwätzer sein, aber um Gottes Willen ^nur keinen 
solch düsteren Grabstein. — Ich habe ja“, sagte sie, 
„schon mit so manchem zu tun gehabt, ich habe schon 
so manchen umarmt und geküßt, aber ein stummer 
Leichnam ist gewiß noch nie ein Liebhaber gewesen. 
Geh“, sagte sie, „und daß du mir nie mehr unter die 
Augen kommst.“ Und was sagen Sie, sie selbst ist zu 
ihrem Mann gegangen und hat ihm alles erzählt . . . Ja, 
ja, eine solche Schwätzerin! Dann kam es natürlich zu 
einem Skandal.“ 
„Ja, so ist es im Leben“, bejahte ich, schon halb im 
Schlaf, die bleiernen Augenlider nur mit Mühe noch 
einmal auf reißend, „aber nun ist es Zeit zu schlafen! Es 
ist bereits halb vier Uhr morgens.“ 
„Was Sie nicht sagen? Es ist wirklich Zeit, sich 
niederzulegen.“ 
Ohne sich zu beeilen, zog er den zweiten Stiefel aus 
und sagte: 
„Einmal ist sogar ein ganz fremder Mann auf mich 
wütend geworden . . . Die Sache hat sich in einem 
Eisenbahnzuge abgespielt . . . Wir fahren in demselben 
Kupee, ich sitze, wie gewöhnlich, und schweige . . . “ 
Ich schloß die Augen und begann zu schnarchen, nur 
um dem Geschwätz ein Ende zu machen. 
„ .. . Zuerst fragte er mich: „Wie weit belieben Sie zu 
fahren?“ — „Ja.“ — „Wie meinen Sie dieses „ja“?“ 
„Chrrrr — pffff! , . 
Hm! Er schläft, bei Gott er schläft! . .. Ja, die Jugend, 
die Jugend. Dasselbe war auch bei jenem Studenten der 
Fall, der mit mir gewohnt hat . . . Wie er einmal unter 
dfer Decke war — sofort hat er zu schnarchen begonnen. 
Hingegen ist er aber öfters bei Nacht auf gewacht und 
hat mit sich selbst Zwiegespräche geführt . . . Mit mir, 
mein Lieber, wirst du dich nicht sattreden — hehehe!“ 
Ich unterbrach mein Schnarchen, stützte mich auf 
den einen Ellbogen und sagte recht zornig: 
„Sie behaupten. Sie wären ein absolut ungesprächiger 
Mensch. Momentan kann ich aber von Ihnen diesen 
Eindruck nicht gewinnen!“ 
Ganz stutzig wendete er sich zu mir: 
„Wieso?“ 
„Sie reden ja ohne Unterbrechung!“ 
„Aber ich erzählte ja das alles nur als Beispiel. Bitte, 
auch so ein Beispiel: das ist mir mit meinem Bopen bei 
der Beichte passiert . . . Komme ich da zu ihm, und er 
beginnt auch gleich zu fragen; „Hast du gesündigt?“ — 
„Ja.“ — „Wodurch hast du gesündigt?“ — „Gibt es 
denn dazu wenig Gelegenheit?“ — „Ja, aber dennoch?“ 
— „Ich habe eben gesündigt!“ — Wir schwiegen. — Er 
schweigt, ich schweige. Endlich . . . “ 
„Hören Sie“, rief ich schon ganz böse und drehte 
mich zu ihm um. „Und wenn Sie mir noch so viel von 
Ihrer Schweigsamkeit erzählen, ich glaube Ihnen kein 
Wort mehr! Und je mehr Beweise Sie anführen, — desto 
ärger für Sie.“ 
„Wieso denn, fragte mein Nachbar ganz beleidigt 
und knöpfte sich langsam die Weste auf. „Ich glaube 
nicht, daß ich Ihnen Ursache gegeben habe, an meinen 
Worten zu zweifeln. Da hatte ich wegen meiner 
Schweigsamkeit einmal gar im Büro Unannehmlich 
keiten. Kommt da einmal irgendein Direktor ange 
fahren . . . ruft mich zu sich ... er war scheinbar sehr 
gut gelaunt . . . Nun, was gibt es Neues?“ — „Gar 
nichts!“ — „Wieso nichts?“ — „Ganz einfach nichts!“ 
„Sie erlauben schon . . . aber wie getrauen Sie sich, mir 
so einfach ins Gesicht? . . . “ 
„Ich schlafe!“ schrie ich. „Gute Nacht, gute Nacht, 
gute Nacht!!“ , 
Er löste den Knoten seiner Krawatte.
        
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