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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jafirg. 2S 
Nr. 12 
26 
OiUfeiv 
EIN TYPISCHER DIALOG VON RUDOLF NEANDER ✓ 
Sie: Glaube mir, meine Seele hat bisher niemand zu 
würdigen gewußt. — Mein Gott, Zudringlichkeiten habe 
ich genug erfahren; aber die wahre Einfühlung, das 
restlose Aufgehen in dem anderen, das alles suchte ich 
bei einem Manne vergeblich .., 
Er: (streichelt ihre Hand, nimmt sich vor, völlig auf 
zugehen.) 
Sie: Du! — Ich fühle, bei dir ist es nicht so! — Du 
bemühst dich, mich zu verstehen — deshalb habe ich 
auch zu dir Vertrauen. Andere Männer sind plump, so 
schrecklich plump! Wie oft habe ich Vertrauen gehabt 
... und dann .., nach kurzer Zeit! — Ach, es lohnt sich 
nicht, daran zu denken! — Wer von euch weiß eine 
Frauenseele zu behandeln?! 
E r : (weiß es, küßt ihre Hand). 
Sie: (schlägt das eine Bein über das andere, so daß 
man das eine Bein und das andere bis über das Knie 
seelisch erfassen kann.) Und was verlangt ein echtes 
Weib denn eigentlich so Schweres von euch? —■ Nichts 
weiter, als daß ihr uns Zeit laßt, unser Gefühl befragen 
zu können. Ihr brauchtet nur Rücksicht zu üben ... auf 
unsere kleinen Wünsche bereitwilliger einzugehen... 
Aber das ist es gerade! Wahre Kameradschaft ist 
schwer. — Zwar, wenn es sich nur um die Sinnlichkeit 
handelt, ja dann ... Aber ihr Männer verwechselt das 
immer! 
E r : (wird nicht verwechseln, legt einen Arm um ihre 
Schulter.) 
Sie: Und nach was sehnen wir Frauen uns im 
Grunde? — Nach Anlehnung, restloser Hingabe, Unter 
gang, Auslöschen unseres eigenen Ichs! In höherer seeli 
scher Gemeinschaft wollen wir aufgehen ... Du! Was 
weiß ich von dir? (Lebhaft): Ich will dir deshalb von 
mir erzählen! 
E r : (streichelt ihr Haar, glücklich, daß er nicht er 
zählen muß.) 
Sie: Schon als Kind hatte ich den Wunsch, empor 
zusteigen, mir Geltung zu erringen, bewundert zu 
werden. Von meiner Schönheit wußte ich schon da 
mals.., Und wenn ich es nicht gewußt hätte... die 
Männer haben es mir später unaufhörlich beteuert! — 
Und stolz war ich, unnahbar! Gefiel mir einer nicht 
mehr, so ließ ich ihn hemmungslos fallen! Und da ihr 
Männer mir das so leicht machtet, wurde ich kühn und 
ließ euch dafür büßen... Welcher Mann hätte mich 
jemals beherrscht!? 
E r : (hält sich für den Mann und küßt sie leise auf 
die Schulter.) 
Sie; Ja, und dann kam ich zu denen, die vergaben, 
die emanzipierte Frau zu lieben. — Oh, diese Ent 
täuschungen! Arme, zerstörte Ideale! Was für Menschen 
hatte ich erwartet und welche fand ich in Wirklichkeit 
vor? — Wenn ich daran denke, daß sie in Wahrheit 
alle Ehespießer waren! Oft war es geradezu lächerlich 
.. . Du weißt, daß ich besonderes Interesse für Männer 
anderer Frauen habe ... Weißt du, ich bin nun ein 
mal so. Ich muß den dummen Puten von Mädels zeigen, 
wie eine Künstlerin die Liebe zur Erotik steigert... 
E r : (versucht sich das vorzustellen, nimmt aber da 
von Abstand und küßt sie con fuoco auf die Schulter.) 
Sie: Aber seelisch war ich immer völlig unbeteiligt! 
Seitdem suche ich den Mann, der meine Sinnlichkeit 
meistert und zugleich meine Seele erobert... 
E r : (begnügt sich vorerst mit ihrem seideglänzenden 
Bein und drückt seine Lippen auf das Knie.) 
Sie: Du aber ....dubistder erste, der beides 
vollbringtl — Du weißt, daß ich komplizierter als 
andere bin.... 
E r: (findet das eigentlich nicht, da er in diesem 
Augenblick den Blusenverschluß aufgenestelt hat.) 
Sie: Es tut wohl, sich einmal nach Herzenslust aus 
sprechen zu können ... Du bist meine letzte Hoffnung! 
Was sollte aus mir werden, wenn du mich im Stiche 
ließest? — Und weißt du, deshalb fällt es mir so leicht, 
auf alles außer dir zu verzichten! Ich habe ja dich! — 
Alle anderen Menschen sind mir gleichgültig... Ich 
strebe nach Hohem.... 
E r : (gleichfalls; streift ihre Bluse über die eine 
Schulter.) 
Sie: Früher war ich eigentlich immer dem Ver 
schmachten nahe!... Wie oft hat man meine wunde 
Seele mit Füßen getreten. Jede neue Bekanntschaft war 
eine alte Enttäuschung! Jede neue Zuneigung brachte 
mir neue Qualen, machte mich niedergeschlagen ... Und 
das rieb mich auf! Wenn ich doch vergessen könnte! — 
Weißt du, im Laufe der Zeit bin ich so reizbar geworden, 
daß ich alles ablehne — ich möchte fast sagen, instinktiv 
ablehne — was an Männern um mich ist! ... Wenn es 
nicht gerade mein Typ ist! Der ist aber selten!... Du! 
E r : (freut sich über seinen Seltenheitswert.) 
Sie: Besonders unausstehlich finde ich die Durch 
schnittsmänner, die glauben, sie könnten mich 
fesseln... Die Bedauernswerten denken, das wäre 
schon etwas, wenn sie mich wirklich einmal ausigekleidet 
haben... 
E r : (hat nicht genau zugehört, streift schlicht die 
Bluse auch über die andere Schulter.) 
Sie: Weißt du, wenn ich einen Mann lieben soll, dann 
muß ich ihn bewundern können! — Und ich bewundere 
an einem Manne stets nur eines: seine Überlegenheit! 
Merke ich, daß ich einem Manne überlegen bin, dann 
hat er sofort bei mir verspielt. (Ein leichtes Kältegefühl 
macht sie auf den Zustand ihrer entblößten Schultern 
aufmerksam; sie leitet daher über): Für Menschen der 
Gegenwart ist das Außerordentliche oft das einzige, was 
den Berufsalltag erträglich macht! — Und das begreifen 
die Dutzendmänner nicht! Sie halten höchstens psycho 
analytische Reden, pflegen das Gemeinschaftsbaden! — 
Das ist alles! Und dann werfen sie immer mit dem Aus 
druck „pervers“ um sich ... Und weißt du, ich für meine 
Person kümmere mich nicht um das Perverse ... sondern 
... (Sie hat sich von diesem Satze viel versprochen, 
findet aber keinen passenden Schluß und sagt deshalb 
nachdenklich): Küsse mich! 
E r : (gehorcht und küßt ihren Mund). 
Sie: (schweigt nun vorübergehend.) 
E r : (kommt wieder zu sich, als sie ihn sanft abwehrt.) 
Sie: Wie seltsam! So manches Gespräch habe ich 
schon geführt, das irgendwie begann und immer in 
gleicher Weise endete. — Sind wir Frauen nicht Rätsel? 
— Findest du nicht, daß auch in mir eine Sphinx 
schlummert.... 
E r : (nickt mechanisch, obwohl er sich völlig im klaren 
ist.) 
Sie: (läßt die Nasenflügel sphinxhaft beben.) 
E r : küßt den einen Nasenflügel der Sphinx.) 
Sie: (stellt sofort das Beben ein und drückt wie mit 
einer Siegergebärde seinen Kopf an ihr Herz.)
        
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