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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jahrg. 28 
Nr 12 
22 
„Schwarzer Satansbraten“, begann er, „welscher Zug 
vogel im Netz, willkommen auf meiner Burg. So dich 
Gott hergesendet, Ehre ihm in der Höhe! So dich der 
Teufel geschickt, Schwefel und Stank! Nun aber ver 
melde auf der Stelle, ob du einen Keuschheitsgürtel zu 
schmieden verstehst für eines gottesfürcbtigen Kreuz 
fahrers Weib, wo ich dir .alsdann deine Kappe mit 
Gold anfüllen will bis zum Rande, wo nicht, zieh ich 
dir die Haut bei lebendigem Leib von den Sohlen und 
röste dich bei langsamem Feuer.“ 
Der Welsche lächelte fein. Freilich konnte er das, 
einen flaumenleichten Venusgürtel schmieden, härter 
als tausend Schwerter, bei der gnadenreichen Schmer 
zensmutter von Padua, darin sei er Meister wie kein 
zweiter. 
Herrn Ullerichs Herz hüpfte bis an den Hals hinauf, 
seine Augen sprühten Funken, er legte seine breiten 
Hände auf des Sprechers Schultern, daß dieser beinahe 
bis auf den Boden einknickte. Drauf jagte er den alten 
schwieligen Burgschmied Umberto spornstreichs aus 
der Schmiede und hieß den andern hurtig an die Arbeit 
gehen. Der pfiff und sang den ganzen lieben Tag, als 
wollte er zu Ehren Gottes ein kunstvolles Werk 
schmieden und kein Instrument irdischer Pein. Vor der 
Türe hielten zwei Knappen strenge Wache. 
Oft kam Frau Itha an der Schmiede vorüber und 
fragte zum Fenster herein: „Was schmiedest du, 
Schmied?“ 
Gab der Welsche zur Antwort: „Ein gar fein Ge- 
schmeid, zu vieler Frauen Leid, einen Gürtel für den 
Neid, nicht zu eng und nicht zu weit.“ 
Da mußte Frau Itha lächeln und dachte an ein kost 
bar Ding, das ihre Schönheit zieren sollte. 
Nach drei Wochen war der Gürtel fertig, biegsam 
wie ein leinenes Band, mit einem kunstvollen Schloß 
daran und einem noch kunstvolleren Schlüssel. 
Klingend sprang das Schloß in die Feder, mit einem 
hellen Knack, als ob eine Saite schnellte. Und dann 
schloß der Schlüssel noch zweimal ab, eine wunderbare 
Dreifaltigkeit. Des Ritters weiße Zähne blinkten. Mit 
seines Schwertes Knauf stieß er den jungen Meister 
in die Seite. 
„He Holla“, lachte er, „bei aller Höllenbrut, der 
gleichen geht nicht mehr mit rechten Dingen zu, aber 
hast du nicht am Ende im Geheimen noch einen zweiten 
Schlüssel angefertigt, gegen Geld und gute Minne?“ 
Der Welsche lächelte wie ein verschämter Knabe 
und legte die Hand beteuernd ans Herz. Madonna, ihm 
stand jeder Verrat völlig fern. Sacramento! 
Da ließ ihm Herr Ullerich die Kappe bis zum Rand 
mit Gold anfüllen und begleitete ihn selbst noch ein 
Stück auf den Weg. In der Heidenschlucht rief er: 
..Gott befohlen!“ gab dem Ahnungslosen einen derben 
Tritt, der ihn unversehens in den Abgrund hinabstürzte 
und die Geheimnisse seines Schlosses und Schlüssels auf 
ewig mit ihm begrub. Dann ritt der Ritter, in tiefes 
Sinnen versunken, nach Hause. Manchmal verhielt er 
das Roß, blinzelte zur Burg hinauf und schien einem 
ganz teuflischen Ding nachzuhängen, einem Plan, der 
ihm allmählich ein verzerrtes Grinsen im Gesicht auf- 
ziehen ließ. 
Voll guter Laune trat er dann vor sein neugierig 
harrendes Weib. 
„Vielliebe Frawe mein , sprach er, „nun ich scheiden 
muß, will ich Euch erst noch mit einem Gürtel 
schmücken, der Euer bestes Kleinod in allen Tagen des 
Alleineseins sein soll.“ Und dabei zog er den frisch 
geschmiedeten Venusgürtel hervor und hielt ihn Frau 
Itha vor die Nase. 
O, wie diese erblaßte, wie ihr die Knie zu zittern be 
gannen, wie ihr freches Zünglein sich trocken an den 
Gaumen klebte. „Vieledler Herr Gemahl 1 , begann sie 
wie ein Kätzchen zu jammern, „was tut Ihr mir für 
Schmach an! Ich, die ich reiner bin, als der Kiesel im 
Bach, das Blatt auf dem Baum, die Wolke in der Luft, 
ich soll so gedemütigt werden? Ach, Himmel aller Hei 
ligen, habe ich das verdient?“ 
Statt aller Antwort führte sie der Ritter in den tiefen 
Wald hinein und legte ihr den Gürtel an. Sie wider 
strebte nicht, nur einige Zähren rannen ihr die rosigen 
Wangen hinab. Knack! machte das Schloß. Und knack! 
knack! machte der Schlüssel. 
Im nahen Baum sang eine Spottdrossel. 
Unter der Blutbuche ließ der Ritter sein junges Weib 
ewigliche Treue schwören, bei der Seligkeit ihrer Mutter, 
bei der Gesundheit ihres Leibes und allen höllischen 
Qualen des Jenseits. 
Quack, quack, blähten dazu die Laubfrösche. 
Beim Einsiedler im Tal kam Herrn Ullerich die Lust 
an, den Gürtel nochmals zu öffnen. 
Knack! knack! machte der Schlüssel und knack! das 
Schloß. 
Kuckuck! antwortete darauf der Kuckuck und rief 
noch dreiundzwanzigmal hintereinander. Das nahm der 
Ditmolder als kein gutes Omen. 
In der Heidenschlucht schloß er dann das Schloß mit 
einem letzten Knack. ! 
„O, mein Herr Gemahl“, jammerte ununterbrochen 
Frau Itha, „was habt Ihr mir getan? Tausendmal stärker 
als Euer Schloß hält das eiserne Band meiner Liebe“, 
und sie schmiegte sich nochmals zärtlich an ihn. 
„Doppelt umgürtet hält zwiefach!“ lachte Herr Ulle 
rich kurz, schwang sich aufs Pferd und sprengte in einer 
Wolke von Staub dahin, idem heiligen Grab entgegen. 
Rückte durch Ungarn, wo er sich den Grafen Hugo 
von Vermandois und Raimond von Toulouse anschloß, 
setzte über den Bosporus und tat sich gewaltig bei der 
Eroberung von Nicäas hervor, immer die linke Hand 
schützend auf der Brust haltend, wo unter dem Wams 
der Schlüssel steckte. Aber das Kriegsglück war wankel 
mütig. Schwebte auch die „Heilige Lanze“ den Christen 
auf das Wunderbarste voran, so waren doch drei Jahre 
verflossen, bis die Seldschuken aufs Haupt geschlagen 
waren und Herr Gottfried von Bouillon als Beschützer 
des heiligen Grabes mit gelber Farbe im Gesicht und 
bösem Fieber im Blut in Jerusalem einziehen konnte. 
Tod und Teufel! da war es nun aber auch die höchste 
Zeit für den tapferen Ditmolder, heimzukehren und nach 
seiner geliebten Frau Itha zu sehen. Der Rückweg stand 
der Hinfahrt an Fähmissen und Abenteuern nichts nach, 
aber eines Tages tauchten doch die Zinnen der heimat 
lichen Burg vor Herrn Ullerich aus dem Frühnebel auf. 
Die Zugbrücke rasselte knarrend vor ihm herab. 
Frau Itha empfing ihn mit tausend Freudenschreien. 
Wonniger denn je trug sie ihr Lächeln zur Schau, Feuer 
und Wasser in den Augen, selig und unhold, wie aus 
flirrendem Zauber geschaffen. Girrend, kosend, lachend 
hing sie an seinem Halse. Der Ritter strich sich mit 
seinen langen Raubtierfingern den Bart und sah ihr 
in die Augen. Eitel Gold und Treue strahlte ihm ent 
gegen. Blank wie der Kiesel im Bach, das Blatt auf dem 
Baum, die Wolke in der Luft glänzten ihre Blicke. Als 
ob die Sonne golden ihr bis auf den Grund des Herzens 
schiene. 
„Vielliebe Frawe“, begann Herr Ullerich lauernd, 
„habt Ihr mir auch die Ehre bewahret für und für?“ 
„Für und für!“ hauchte Frau Itha, die Augen zu Boden 
schlagend, „wieviele Monde und Jahre auch dahinge 
gangen sein mögen seit Eurem Ausritt, für mich seid Ihr 
gestern ausgezogen.“ 
„Vielliebe Frawe mein, wo waren Eure Gedanken 
immer dieweilen?“ 
„O, mein Herr Gemahl, im Margenlande spielten sie 
mit Eurem lieben Bilde, bei jedem Atemzug meiner 
Brust, jedem Schlage meines Herzens.“ 
„Und wenn ich tot geblieben wäre unter dem Säbel 
des Wesirs Malik el-afdhal? He?“ 
„Dann hätte ich bis an mein Lebensende hier auf Euch 
gewiartet und Eures Todes Kunde hätte mich aus keinem 
Munde erreicht.“
        
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