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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

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Jahrg, 2S 
Nt. 12 
EINE HARLEKINADE VON ROBERT HEY MANN 
M ie, die mondäne verwöhnte, elegante Frau, litt. 
Mie suchte und fand nicht, was sie wollte, 
denn sie wußte nicht, von welcher Art ihr 
Suchen war. 
Sie erwartete den Marquis, den sie wegen seiner 
schwärmerischen Gewohnheiten und seiner Anbetung 
nur Harlekin nannte. Ein nächtlicher Zauber saß auf 
den Türmen der Stadt und spann Gold und Silber über 
das Häusermeer. Aus den Wiesen der Anlagen stieg 
ein blaßblauer, gründurchsichtiger, fahler Nebel, die 
Bäume raschelten manchmal auf wie Vögel, die im 
Traume mit den Flügeln schlagen, und die Blumen duf 
teten besonders schwer, 
Bald weinte Mie, bald tobte sie, bald verlangte sie 
nach Harlekin, bald verfluchte sie ihn und sein An 
denken, die Erinnerung an die Männer überhaupt. 
Indessen kam Harlekin von der Reise. 
Er fand seine Geliebte in einem Zustande hysteri 
scher Überspannung und Erschöpfung. 
Harlekin brachte ihr die kostbarsten Geschenke, sie 
warf sie ihm vor die Füße. Er bat, drohte, schmeichelte. 
Mie aber, die ihn bald mit Küssen bestürmte, bald 
brüsk von sich wies, schien ihren Launen nicht mehr 
gebieten zu können. 
Eines Abends schrie sie Harlekin entgegen: 
„Du hast mich soweit gebracht — nur du! Warum 
hast du Schlafendes in mir geweckt, unverständliche 
Träume entfacht, die wie sengende Flammen durch 
meinen Leib gehen?“ 
Harlekin sah sie forschend an und lächelte. 
„Hast d u etwa erst gefragt. Mie, ob ich an dir zu 
grunde gehen würde?“ 
„Und soll ich jezt an deiner ungesunden, an deiner 
zerfressenen Seele verderben?“ 
Harlekin schwieg erst. Nach einer langen Pause be 
gann er mit monotoner Stimme, während Mie auf dem 
Sofa lag und die Lampe einen blauen Schimmer auf 
sein müdes Gesicht warf: 
„Mie, ich habe in meinem Leben einmal ein Ideal 
'besessen, das mich völlig ausg-efüllt hat. 
Ich habe mein Ideal verkauft, um dich lieben zu 
dürfen. Also mußt du mir jetzt bleiben, sonst müßte 
ich mich morgen an dem nächsten Nagel aufhängen. 
Du würdest mir aber nicht mehr bedeuten können, als 
Mie, besäße ich dich völlig. Nun sage selbst, ob Mie 
mir ein Ideal sein könnte, durch das ich den Verlust 
meiner kindlich heiteren Vergangenheit vergessen 
könnte?“ 
„Was meinst du? fragte Mie mit einem bösen Blick 
vom Diwan her. „Willst du mich herabsetzen?“ 
„Durchaus nicht, Mie. Doch, wie gesagt, ich brauche 
ein Idol, durch das ich leben kann. Jeder Mensch hat 
einen Beruf im Leben. Der eine. hat Schweine zu 
schlachten, der andere Akten zu schreiben. Ich muß 
anbeten und opfere für diesen Beruf^ Zeit und Kennt 
nisse, ja mehr, als du ahnen kannst.“ 
„Und ich kann dir dieses Idol nicht sein?“ 
„Nein, du nicht.“ 
„Und trotzdem hast du die schwersten Opfer ge 
bracht, um nur in meiner Nähe zu leben? Und hältst 
eifersüchtiger als Othello jedes Mannes Wunsch von 
mir ferne? Ist das etwas anderes als Liebe zu mir, zur 
Frau, die du krankhaft vor uns beiden abzuleugnen 
strebst?“ 
„Was ist krankhaft, Mie, und was ist gesund? Wir 
könnten Zeit unseres Lebens darüber streiten. 
Gesund sind nur Bestien. Daß ich eifersüchtig bin, 
erklärt nichts gegen das, was ich sagte. Der Glaube 
ist es, die Vorstellung. Wir brauchen zur Anbetung 
etwas sinnlich Wahrnehmbares. Daraus schaffen wir 
das Wunderbare. 
Das bist du mir, Mie — das Wunderbare — aber nur 
Bild, aus lumpigem Stoff geschaffen. Doch wenn ich 
dich küsse, Mie, küsse ich in Wahrheit meine Sehn 
sucht, meine Weltensehnsucht, meine Himmels 
sehnsucht. 
Mein Leid, meinen Schmerz, meine Verdammnis. 
Würde ich mehr tun, Mie, so würde meine Sehn 
sucht erlöschen und du wärest mir nicht mehr als Pa 
pier, Farbe, ein Weib. 
Ein Weib nur, begreifst du — und ich nur — Ver 
brecher.“ 
Mie überhörte diese letzte Bemerkung, die ihr hätte 
zu denken geben müssen. 
Er ist wahnsinnig, dachte sie, und wurde nun noch 
ungebärdiger und nervöser. 
Harlekin zog schließlich einen Arzt zu Rate, der ins 
Haus kam und mit Mie sprach. 
Er war ein Psychiater von Ruf, der des Übels Wurzel 
gleich erfaßte. 
„Nervöse Affektion, gesteigert bis zur krankhaften 
Vorstellung, sogar zeitweises Irresein. Vermutlich Über 
reizung! 
Hochspannung der Phantasie. Zerstreuung, Klima 
wechsel, Eisen, erhöhte Ernährung — Somatose oder 
so was — Brom und viele warme Bäder ..." 
Er schrieb ein großes Rezept und eine lange Rech 
nung. 
Harlekin befolgte diese Vorschriften mit peinlicher 
Genauigkeit, denn die Psychiater sind ja berufen, dem 
lieben Gott auf Erden ins Handwerk zu pfuschen. 
Darum erklären sie jeden Seligkeitssucher für einen 
Narren. Wenn der Glaube verloren ist, die Gesetzes 
tafeln zerbrochen sind und die Seele sich wund schreit 
in Sehnsucht, dann verschreibt dieser liebe Gott Brom 
wasser und Eisen. 
Mie reiste mit Harlekin nach Nizza. 
Aber nach vier Wochen kehrte sie reizbarer und 
matter zurück, als sie fortgegangen war. 
Harlekin befruchtete die Phantasie der Öffentlich 
keit durch seine Verschwendungssucht. Auch ihn 
packte die Nervosität. 
Bei jedem Geräusch schreckte er zusammen. 
Saß er mit Mie allein in ihrer weitläufigen Wohnung,' 
dann glaubte er sich plötzlich verfolgt. Er sprang auf, 
verschloß alle Türen, untersuchte die Schlüssellöcher, 
unterzog die Zofe einem inquisitorischen Verhör, be 
schuldigte sie des Verrats und sank schließlich, als 
alles ruhig blieb, ermattet neben Mie auf das Sofa. 
Dort verharrten sie dann beide in dumpfem Schwei 
gen. 
Eines Tages war Harlekin vorübergehend in Geld 
verlegenheit. Er wandte sich an den Direktor einer vor 
nehmen Tanzdiele, wo er mit Mie täglich verkehrte.
        
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