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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nr. /2 
Jahrg 28 
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verabfolgte Pru drei Büchsen Ölsardinen und eine 
Flasche Sodawasser. Diesmal war die Seekrankheit 
auf ihrer Seite. 
Es ließ sich nicht vermeiden, daß Rigo de Furka 
melancholisch wurde. Nun ist Melancholie nicht 
gerade die Directrice eines Verschönerungssalons, wie 
Joujou Alexe, die Rigo in Wien alltäglich besuchte, 
und so wurde sein schon von Natur nicht schönes Ant 
litz von Tag zu Tag erschreckender. Er hatte zuweilen 
im Scherz bemerkt, daß in den Zeiten bevorstehender 
Pleite, Gagenerhöhung oder Steuerprozesse sein Ge 
sicht sich dem gewisser Bewohner der Menagerie an 
gliche. Das geschah auch hier und war peinlich, be 
sonders Pru gegenüber. Eines Abends — man steuerte 
schon auf Aden zu — legte sie entsetzt beide Hände 
auf die Brust und sagte leise; Aschis Fluch wird 
doch nicht in Erfüllung gehen? Guter Herr, meine 
Angst ist so groß.“ — „Wie lautete denn sein Fluch?“ 
fragte Rigo teilnahmsvoll. Aber Pru wehrte ab: 
„Nicht wissen wollen, guter Herr! Nicht fragen!“ 
Da Pru gegen Ölsardinen und Sodawasser auf die 
Dauer immun zu werden drohte, bestellte ihr Rigo 
kondensierte Schweizermilch und Matjesheringe. Die 
Seekrankheit trat darauf mit erneuter Wucht auf. 
Rigo hatte inzwischen neue Hoffnung gefaßt: Die 
Seefahrt, sagte er sich, fraß zu sehr an seinen 
Nerven, als daß er den Anforderungen der Liebe 
standhaft gegenüberstehen sollte. Aber in Wien, in 
den molligen, warmen Gemächern seines Hauses: 
dort würde seine Leidenschaft zu dem schönen Kinde 
frei ihre Flügel entfalten. 
Dennoch war er glücklich, als er in Aden von einem 
fabelhaften Angebot von Gorillas hörte. Pru weigerte 
sich derart entschieden, einen längeren Aufenthalt 
mitzumachen, daß Rigo ein Stein vom Herzen fiel, 
er konnte sie nun nach Wien vorausschicken. Er 
schrieb einen Eilbrief an seinen Diener, füllte Pru 
reichlich die Geldtasche und winkte mit dem Seiden- 
tüchiein der schönen Reisenden nach. 
Dann wandte er sich den Gorillas zu. Ein Händler 
in Obock bot sie aus. Er fuhr hinüber und besichtigte 
die Exemplare getrübten Auges. Er konstatierte mit 
Bedauern, daß der Anblick der schönen Pru sein Ur 
teilsvermögen über Gorillas geschwächt hatte. Aber 
gerade solch eine Attraktion fehlte seinem Zirkus der 
zeit. Er durfte also nicht zögern. Er wählte zwei 
Prachtkerle und telegraphierte an seinen „Propagan 
dachef“, den Harlekin: „aufnehme in affiche an dritter 
stelle menschenähnliche gorillas hundert jahre alt.“ 
Auf der Überfahrt nach Aden starb ihm der eine 
der zwei Gorillas. Ein Kind ist immer ein Sorgenkind, 
sagte er sich und fuhr wieder zurück, obwohl ihm die 
nahe bevorstehende Eröffnungsvorstellung des Zirkus 
zur Eile drängte. In Obock angekommen, erfuhr er 
indessen zu seinem Schreck, der Gorillahändler sei so 
fort nach Abschluß des Kaufes südwärts gewetzt und 
werde eine geraume Wegstrecke entfernt sein. Rigo 
rüstete eine Karawane. Als er am zweiten Tag den 
Händler einholte, fiel dieser vor Schreck auf den 
Rücken. Rigo roch Lunte und nahm, da er leichtes 
Arbeiten hatte, zwei Gorillas — minder schön als die 
vorigen, aber ebenfalls recht erbaulich anzusehen — 
gratis mit sich. 
In Aden merkte er, wie recht er daran getan hatte: 
auch das zweite der Äffchen war eingegangen. In 
zwischen war aber viel Zeit verstrichen, und große 
Eile tat not. 
Rigo de Furka durchkreuzte mit seinen beiden Go 
rillas das Rote Meer wie auf Adlers Flügeln, nahm 
Kairo im Sturmschritt und befand sich achtundvierzig 
Stunden vor Eröffnung der Gala-Vorstellung in Kon 
stantinopel. 
Kaum nahm er sich Zeit, Prus Briefe vom Postamt 
zu holen: die Herrliche, sie gedachte seiner mit allen 
Feuern ihrer afrikanischen Seele und erwartete ihn 
vor Liebe glühend. 
Er hätte Prus Briefe fressen mögen. Sein mangel 
hafter Appetit verleitete ihn, sie herzförmig zerrissen 
den Gorillas zwischen die Kokosflocken zu mischen. 
Sein Entschluß war gefaßt: zwei Flugzeuge würden 
ihn und seine Gefährten nach Wien befördern. 
Er telegraphierte an Pru: „eintreffe morgen 3 Uhr 20 
flugplatz aspern. sei dort.“ 
Als er vom Telegraphenamt zurückkam, war der 
eine der zwei Affen an Prus Liebesbriefen verstorben. 
Es war also nur einer zu verladen. 
Die beiden Flugzeuge stiegen gleichzeitig auf. Die 
Zwischenlandung verlief glatt und föhlioh. 
Da, kurz vorm Platten-See, in der Ebene zwischen 
Siö und Drau, geschah das Verhängnis: nicht etwa das 
Flugzeug mit Peterchen, wie -Rigo den überlebenden 
Gorilla getauft hatte, stürtzte ab, sondern das mit Rigo 
de Furka. Flugzeug und Führer wurden zertrümmert. 
Rigo blieb heil und sah in der Ferne das Flugzeug mit 
Peterchen entschwinden. 
* 
Als Pru drei Uhr neunzehn auf dem Flugplatz 
Aspern ihr klopfendes Herz dem blauen Punkt ent 
gegentrug, der sich aus dem Himmel herausbohrte, 
ahnte sie nicht, was ihr bevorstand. 
Eine Minute später sollte ihr kind 
liches Urwald herz vor Grausen zusam 
menschnarren: Aschis Fluch hatte sich erfüllt! 
Der weiße Mann hatte sich, da sie ihm in Liebe ge 
folgt war, in einen Gorilla verwandelt und winkte 
grinsend ans -der Kabine des Flugzeugs. 
Sie nahm ein Auto unter ihre Beine, ein D-Zug- 
Billet Wien-Hamburg, eine Dampferkarte Hamburg- 
Kapstadt-Tamatawe und brauste, von allen bösen 
Geistern verfolgt, zurück in Aschis Arme. — 
Als Direktor Rigo de Furka in Wien anlangte, fand 
er von Pru nur ein kleines Kärtchen, das seine fin 
stersten Ahnungen bestätigte und ihn aus allen 
Wolken warf. 
Peterchen indessen gedieh und wurde ein treuer 
Diener seines Herrn.
        
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