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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jahrg 28 
Nr. 12 
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PRIMAVERA 
LUCIAN TENIERS 
er Frühling blühte diesmal an den wun- 
derlichen Hängen und Steigen von Mor- 
- \\ cote für einen der seltsamsten Gäste: 
K 'KW uü Severus Storch, einem norddeutschen 
Y iSZT 9yf Gelehrten mit ungewöhnlich hohen Bei- 
MTOü0/// nen un< ^ e ^ ner Adlernase, über die ein 
P aar kleine Vogelaugen in die Welt 
sahen — ohne indes, sinnbildlich gespro- 
eben, diese Welt wirklich zu sehen. Sie 
sahen im besten Falle weit hinaus, erfaßten einen 
Gipfel in der Runde, einen bedeutenden Punkt, und 
es geschah dann, daß Severus Storch seinen Gehstock 
erhob und auf jene Zinnen deutete, sich nach Namen, 
Ausmaß und Entfernung erkundigte. Denn unser 
Freund suchte noch immer, wie ein schwärmender 
Jüngling, die Größe, das Gewaltige und Erhabene auf 
dieser Erde. 
Dieser traumhafte Frühling am Ufer des Luganer 
Sees, dieses Blütengeriesel über die Ufertreppen des 
abfallenden Gebirges, diese Gärten unter der Terrasse 
der Kirche, die ihre Hallen, zypressenübersohattet, ehr 
würdig und altersgrau, auf mächtigen Stützmauern 
wölbt : all das war für Severus Storch von sekun 
därer Bedeutung. Anfangs! 
Seit zwei Wochen allerdings . . . Nun, letzthin 
konnte es geschehen, daß er unter den mißtrauischen 
Blicken der Anwohner einen Mandelblütenzweig mit 
der Krücke seines Stockes niederangelte, um ihn zu 
brechen. „Für Primavera!“ nickte er seinem Begleiter 
zu. Der junge Mann — es war ein Student der Philo 
logie aus Königsberg — tat verlegen und lächelte ein 
wenig nachsichtig. 
„Mein junger Freund“, hub Severus nun an, „sie 
ist das bezauberndste Wesen, das mir je unter Frauen 
begegnet ist . . .! Ich will nicht behaupten, daß jene 
Felicitas, von der ich Ihnen sprach, in jüngeren Jahren 
geringere Reize ausübte — sie war von edelster, blon 
dester Rasse — aber dieses Kind in seiner südlichen 
Grazie — lassen Sie es mich gestehen: sie ist der 
Glücksfall meines reifen Alters! Glauben Sie mir, — 
das ist sie! Hier — ein Gedicht, das sechsundvierzigste, 
das in diesen zwei Wochen entstand . . 
Und nun säuselten Severus Storchs unbebartete 
Lippen anmutige Verse in den duftgeschwängerten 
Wind. 
„Was sagen Sie?“ 
Der junge Mann lächelte noch immer nachsichtig und 
bemerkte, daß ihm die Verse wohlgefielen. 
„Jedoch, mein Lieber, es entsteht eine Schwierigkeit, 
üb ß r die Sie mir hinweghelfen müssen, in der nächsten 
Wosme kommt meine Frau . . . Sie staunen? — Ja, ich 
bin Ehemann. Glücklich verheiratet. Durchaus glück 
lich! Meine Frau ist sehr selbständig. Eine charmante 
Frau! Ja sie kommt. Sie wird Primavera begegnen, 
sie wird vermutlich von meinen Dichtungen hören — 
es kann sein, daß ich sie öffentlich vorlese — was 
dann? — 
Der junge Mann zuckte die Achseln. Alle zuckten 
die Achseln, die Severus Storch um dieselbe Hilfe ge 
beten hatte. Und Severus hatte viele, die ihm begeg 
net waren, darum gebeten. 
Gerade begegnete ihnen Mansoni, der Schauspieler, 
der jenes junge Mädchen, dem Severus den wohlklin 
genden Beinamen verliehen hatte, von früher zu ken 
nen vorgab. 
„Ah, Mansoni!“ rief ihn der verjüngte Severus an. 
„Ich weiß, lieber Professor!“ antwortete der Komö 
diant. „Der Glücksfall sitzt unten am Wasser mit Miß 
Sunshine beim Tee . . . Kann ich etwas —?“ 
„Nein . . . Sie sollen mir einen Rat geben . . 
„Ich weiß: Wie Sie es Ihrer Frau . . .“ 
' „Ich werde ihr die Gedichte schicken . . .“ 
„Tun Sie das! Tun Sie das! Buona Sera!“ 
„Hallo! Mansoni . . .“ 
Der Mime verschwand lebhaft gestikulierend zwi 
schen den Mauern der Gärten. 
Severus kaute an einer Bartspitze. „Diese Theater 
leute . . . Man kann es von ihnen nicht verlangen!“ 
Es entstand eine nachdenkliche Stille. Severus starrte 
hinaus über den blaugrünen See gegen das Schnee 
haupt des Monte Generoso, das im Abendlicht er 
strahlte, aber er sah den majestätischen Gipfel nicht. 
Er träumte über Mimosen und Mandelblüten hinweg 
von der sechzehnjährigen Elfe unbekannter Herkunft, 
zu Besuch bei einem Onkel, dem Gastwirt Rabiato 
unten, von Severus Storch, Primavera zu deutsch 
„Frühlingsboten“ getauft. 
In diese Stille hinein fielen jetzt des Studenten be 
hutsame Worte: 
„Wenn Sie mich darum fragen, Herr Professor, so 
möchte ich mich in dieser Frage auch nicht ganz der 
Meinung des Herrn Mansoni anschließen . . 
„Ha — glauben Sie, ich wage es nicht, mit offenen 
Karten Zuspielen?“ fiel ihm Severus ins Wort. 
„Nicht so . . .“ 
„. . . Sie meinen, man sollte abwarten?“ 
„Das ist meine Meinung. Allein . . .“ 
„Sie können recht haben. Ich werde den Eindruck 
abwarten, den das holde Geschöpf auf Lucinde macht.“ 
Der Abend blaute unten über dem See. Sie stiegen 
nieder. 
Lucinde Storch kam an diesem Tage schon an. Sie 
kam jedoch nicht allein. Ein junger Maler befand sich 
in ihrer Gesellschaft, einer ihrer Proteges, Samuel 
Sorglos! 
Severus hatte sich über Tag und Stunde der Ankunft 
Lucindes geirrt. So konnte es sich ereignen, daß Lu 
cinde bereits mit dem jungen Künstler Sorglos an der 
Abendtafel saß, dem „Glücksfall“ gegenüber, als Seve 
rus in den Saal trat. 
„Sieh da!“ rief Lucinde, „mein Gatte! Wie schön, 
daß du da bist . . .“ 
„Verzeih!“ Severus suchte eine Weile nach Worten 
und sah abwechselnd von Lucinde auf Primavera . . . 
„Verzeih! Hast du schon? . . .“ 
„Aber natürlich! Du kennst wohl unseren jungen 
Freund nicht mehr?“ Damit wies sie auf den Maler. 
Der schaute von Primavera auf den Professor. 
„Ah — Herr — Herr —“ stammelte Severus. 
„Sorglos! Habe die Ehre! . . .“ 
„Natürlich ... Ja, ich muß mich im Datum geirrt 
haben . . .“ 
„Nicht nur im Datum', caro mio!“ lachte Frau Lu 
cinde gerade heraus. 
Man speiste. Es konnte dem unten an der Tafel 
sitzenden Studenten der Philologie nicht entgehen, daß 
Primaveras Augen an dem kühnen Antlitz des Malers 
Sorglos hingen, daß sich beider Blicke kreuzten wie 
Brandpfeile . . . Severus indes betrachtete mit einiger 
Sorge das Mienenspiel seiner Gattin, das sich zu 
sehends verdüsterte. 
Nach Tisch — es war eine jener warmen, samtigen 
Abende, die den Ankömmling an diesen Gestaden in 
einen Rausch versetzen, die Wirkung des Chianti ganz 
abgerechnet — nach Tisch also fügte es ein Übermut 
des Schicksals, daß Samuel Sorglos die junge Italie 
nerin im Flur des alten Hauses traf. Sie prustete: „II 
professore! “
        
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