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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nr, / 
Ja6rg. 28 
35 
staunt ihr, liebe Kinder, daß ich so hereingeschneit 
gomme.“ „Aber das ist ja eine reizende Überraschung, 
lieber Onkel“, begrüßte ihn die junge Frau mit impul 
siver Herzlichkeit und hatte ganz vergessen, daß sie 
kurz zuvor etwas von „altem Esel“ gesagt hatte. Dr, 
Winkler erkundigte sich mit boshafter Neugierde nach 
Onkel Pauls besserer Ehehälfte: „Warum hast du denn 
die Tante nicht mitgebracht?“ „Nu so’ne Frage, ich 
bin doch zu meinem Vergniegen nach Berlin gefahren.“ 
Er zwinkerte lustig mit den Augen. Onkel und Neffe 
zogen sich in das Herrenzimmer zurück und berieten, 
sich in tiefen Klubsesseln räkelnd, bei einer guten 
Zigarre das Programm des Tages. 
Um die Mittagsstunde saßen in der Imbiß-Stube bei 
Kempinsky bei opulentem Frühstück Dr. Winkler, 
Onkel Paul und dessen Großnichte Lissy, ein kesses 
Mädchen mit blondem Bubikopf, keckem Näselten und 
einem Mund, dessen Küsse sicherlich nach Erfahrung 
schmeckten. Auf jeden Fall hatte Dr. Winkler von der 
Existenz dieser „Großnichte“ bisher nichts gewußt, aber 
schließlich, wer kann alle „Nichten“ und „Cousinchen“ 
kennen? Nach dem Frühstück bummelte man durch die 
Leipziger- und Friedrichstraße, bewunderte die präch 
tigen Auslagen bei Wertheim, dessen Kaufhaus wie eine 
Festung gestürmt wurde. Bei Grünfeld „stoppte“ Lissy. 
Dr. Winkler ahnte Furchtbares, aber Onkel Paul tappte 
harmlos in die Falle, die ihm seine „Großnichte“ ge 
stellt. Wenige Augenblicke später war Lissy um ein 
entzückendes rosaseidenes Höschen reicher. Dr. Winkler 
steckte das Paketchen in seine Manteltasche. In der 
Boa-Diele wollte sich Lissy schnell ein Paar Schnür 
senkel kaufen. „Ein bescheidenes Mädchen“, dachten 
Dr. Winkler und Onkel Paul bei sich. Sie waren aber 
beide keine Frauenkenner. Als Lissy die Boa-Diele ver 
ließ, hatte sie dem „Onkel“, statt der Schnürsenkel, für 
den Morgen zierliche Pantoffel aus rotem Saffianleder 
mit Dekors aus ausgeschnittenen Goldlederringen, 
für den Mittag Halbschühe aus braunen Calf und für 
den Abend Silberbrokatschuhe abgeschmeichelt. Schwer- 
heladen bestiegen Onkel, Nichte und Dr. Winkler den 
Autoomnibus. Dort ließ Onkel Paul das Paket mit den 
Schuhen liegen Von dem Schrecken erholten 
sich alle Drei bei einem lukullischen Mittagsmahl bei 
Hiller, Unter den Linden. Zum Fünfuhrtee ging man 
dann ins Charlott-Kasino am Kufürstendamm, wo man 
sämtliche „Prominente“ von Bühne und Kabaret trotz 
„Gagenabbaus“ (nur noch 9000 Mark pro Monat) bei 
fröhlichster Laune tingeln-tangeln sah. Für jlen Abend 
beschloß man, die Revue „Noch und Noch“ im Admi 
rals-Palast zu besuchen. „Menschenskind, ich habe gar 
keinen Smoking dabei“, jammerte Onkel Paul. „Macht 
nichts, tröstete Dr, Winkler, „dann ziehst du einen von 
meinem Bruder an, der eine ähnliche Figur wie du hat.“ 
Also Onkel Paul wurde in den Smoking von Dr. 
Winklers Bruder gesteckt. Er wagte kaum zu atmen, so 
eng war ihm die Luft und abends saß er in der Loge so 
steif, als ob er einen Stock verschluckt hätte. In dieser 
Stellung genoß er die märchenhafte Pracht der einzel 
nen Bilder, die faszinierende Schönheit der Tänzerinnen, 
den prickelnden Zauber der Musik, den Humor des 
Dialogs und dachte immer das eine: Nur nicht Vor 
beugen, nur nicht lachen — sonst passiert ein Unglück. 
Das Unglück ereignete sich aber nicht im Admirals- 
Palast, sondern im „Pavillon Maskotte“, wohin Dr. 
Winkler seinen Gast nach der Vorstellung geführt hatte, 
um ihm das mondäne Leben Berlins in seiner ele 
gantesten Ausstrahlung zu zeigen. Als der Tanzgeiger 
Ette mit seiner berühmten Kapelle die neuesten Schlager 
aus der Revue „An Alle“, „Harem auf Reisen“, „Frau 
ohne Schleier“, „Cloeo“, „Tanz um die Liebe“ u. a. m. 
spielte, da kribbelte es Onkel Paul in den Beinen und er 
tanzte . . . tanzte . . . bis raatsch ... raatsch . . . die 
Rückennaht des Smokings platzte . . . Jetzt war es Onkel 
Paul leichter und in animierter Stimmung machte man 
sich auf den Heimweg 
Am nächsten Morgen herrschte bei Dr. Winkler Ge- 
witterschwüle. Seine Frau hatte bei ihm in der Mantel 
tasche das von Onkel Paul für Lissy gekaufte seidene 
Höschen entdeckt und forderte Aufklärung. Sollte Dr. 
Winkler seinen Erbonkel Paul als Don Juan entlarven, 
um sich zu retten? Er fand einen besseren Ausweg. 
„Aber liebes Kind, die Schlüpfer habe ich doch für dich 
gekauft ... ist das nicht reizend von mir? Ich will dich 
überraschen und du verdächtigst mich . . . Pfui!“ Die 
kleine Frau leistete Abbitte, Onkel Paul aber mußte für 
Lissy nun nochmals ein Paar rosaseidene Höschen und 
drei Paar Schuhe kaufen. Trotzdem denkt er mit Wonne 
an seine Berliner Reise zurück 
Cicerone. 
RÄTSELECKE 
Musikalisches Silbenrätsel. 
Aus den Silben: 
a — a — be — er — fried — grin — hen — li — lo — mar 
— me — na — ni — o — ron — sieg — tha — 
sind sechs Wörter zu bilden, deren Anfangsbuchstaben von 
oben nach unten gelesen eine Oper von Richard Strauß be 
zeichnen. Die Wörter bezeichnen 1. Oper von Wagner; 
2. Oper von Verdi; 3. Oper von Wagner; 4. Oper von Weber; 
5. Oper von Flotow; 6. Oper von Verdi. 
■ 
Rösselsprung 
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mehr 
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* 
Auflösung der Rätsel aus Nr. 3J 
Literarisches Silbenrätsel: 
WissenistMacht — Werther, Ibsen, Schumann, Scheffel, 
Emilia, Galotti, Nora, Iffland, Sophokles, Tolstoi, Monna 
Vanna, Auerbach, Casanova, Heimat, Teja. 
• 
Die Besuchskarte: Balletteuse. 
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I Der Wunsdi jeder Dame? { 
E zu wer den und zu bleiben! Dr, HolllN)IICr$ tf€S. tfCSdl. = 
E CntfenunHSlOlllelteil sind «in seit Jahren erprobtes und erfolgreiches S 
S Mittel, welches einen aus der Meeresalge gewonnenen, fettzersetzenden E 
5 Stoff enthält und daher nicht mit ähnlichen Präparaten zu vergleichen, E 
welche starke Abführmittel oder gar Schilddrüsen enthalten. 
1 Dr. HoUlMKaers fntiettuntfstaDleften wirken auf kein Organ E 
= wie Herz oder Niere, sondern nur auf vorhandenes, überschüssiges Fett, z 
£ kein Diätzwang. — Verlangen Sie kostenfreie ausführl. Broschüre mit E 
Anerkennungen durch den Generalvertrieb: S 
E Elefanten-Apotheke, Berlin $W19, Leipziger Sir. 74 (Mnhoffplah) E 
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